Man verirrt sich nie so leicht,
als wenn man glaubt, den Weg zu wissen.
Nichts missglückt so schnell, als wenn
man keine Schwierigkeiten sieht.

– aus China

Die Wege, die man als Kind ging, und die weit und beschwerlich schienen, sind heute, da man sich immer weiter noch hinaus traut, kaum mehr als Spaziergänge, und die Wälder, die sich endlos erstreckten – und in denen es, so man noch den kindlichen Glauben an solcherlei Wesen besaß, von Ungeheuern wimmelte –, bloß endlich, überschaubar geworden. Weiße Flecken gibt es kaum noch. Statt ihrer das Wissen über Weggabeln, die mal links, mal rechts herum gedreht, in den Wald hinein oder hinaus führen, als Holzwege enden, sich mit anderen verquicken oder dorthin zurück streben, wo man hergekommen ist.

Wer sich vor dem Wolf fürchtet, soll nicht
in den Wald hinein gehen

Will man das als Metapher verstehen und auf die Hundezucht übertragen, so scheint mir, dass bloß die ersten Schritte einem Spaziergang gleichen, und dass sich der Weg immer weiter verzweigt, hat man die breiten, lichtdurchfluteten Schneisen erst einmal hinter sich gelassen und entscheiden müssen, welchem der schmalen, dicht bewachsenen Wege, die sich vor einem auftun, der Vorzug zu geben ist. »Wer sich vor dem Wolf fürchtet, soll nicht in den Wald hinein gehen«, heißt es bei Dostojewski. Züchter zu sein bedeutet, sich zu fürchten und trotzdem weiter zu gehen – zwar manchen Weg zu meiden, weil Wegzeichen die Zweifel befeuern, und umzukehren, wenn es in der Dunkelheit grollt, aber nie ausschließen zu können, ob und wann der Wolf kommt.

Geben wir einem dieser Wölfe einmal einen Namen. Nennen wir ihn: Epilepsie. Als Züchter stehen wir vor dem Problem, mit einer Krankheit umgehen zu müssen, mit der sich nur schwer umgehen lässt. Der Stand der Forschung ist längst nicht so weit, uns einen Gentest zur Verfügung stellen zu können, und auch vermeintliche Zuchtprogramme, die verdächtige Linien mit freien zu kombinieren versuchen, sind nicht immer zuverlässig, führen oft genug zum Gegenteil – weil es die freien Linien streng genommen gar nicht gibt, weil sich in nahezu jedem Stammbaum verdächtige Hunde finden. Wir wissen von vereinzelten Hunden unter deren Nachzuchten die Krankheit vermehrt aufgetreten ist, wir wissen aber auch – da es sich bei den Verdachtsfällen zumeist um zu ihrer Zeit sehr gefragte Deckrüden handelte –, dass jene Hunde entsprechend viele Nachzuchten gebracht haben, was eine eindeutige Aussage schwierig macht: Dort, wo es viele Nachzuchten gibt, ist auch die statistische Wahrscheinlichkeit höher, dass kranke Welpen geboren werden. Wir meinen sagen zu können, wie der Erbgang aussieht, schließen deshalb Eltern und Wurfgeschwister von der Zucht aus, wissen aber nicht, ob die vermutete genetische Prädisposition alleine ausreicht, oder es einen zusätzlichen Trigger (beispielsweise ein Narkosemittel, eine Impfung oder eine weitere, nicht diagnostizierte Erkrankung) braucht, um den Ausbruch der Krankheit zu begünstigen. Letztendlich wissen wir nicht nur nichts, sondern nehmen uns durch Vorurteile auch noch die Chance zum offenen Austausch.

Weil viel zu oft wir selbst die Wölfe
der anderen sind.

Wie also soll man vorgehen? Gibt man jenen Wald auf und erklärt, dass die Schrecken, die darin lauern, durch nichts aufzuwiegen sind? Oder verzichtet man nur darauf, die wild wuchernden Nebenpfade zu erkunden und verlässt sich darauf, dass die wenigen, breiten Schneisen sicherer sind? Ersteres hieße, die Rasse selbst aufzugeben. Zweites, alles Verdächtige von der Zucht auszuschließen, sich durch den Verzicht aber mit jenen Problemen auseinandersetzen zu müssen, die ein engerer Genpool zwangsläufig mit sich bringt. Wie soll man vorgehen?

Züchten heißt, in einem tiefen Wald nach Lichtungen zu suchen. Ich glaube, das kann kein Spaziergang sein.

Kein Hund, den ich gezüchtet habe, ist an Epilepsie erkrankt – dennoch sehe ich mich selbst gleich zweifach von der Problematik betroffen, da die Krankheit in beiden Linien meiner Hündinnen aufgetreten ist. Epilepsie macht es niemandem leicht, zerstört Pläne, Wünsche und Hoffnungen (auch meine), fordert von den Betroffenen alles – nicht zuletzt den Mut, offen mit der Krankheit umzugehen. Heimlichkeit macht nichts besser – für niemanden –, Heimlichkeit stigmatisiert, grenzt aus, integriert nicht. Funktioniert Aufklärung auch ohne Anklage? Vielleicht versuchen wir es und lassen es einfach darauf ankommen …

Für Monika und Travis – die wissen, warum.