Die vierte Lebenswoche: Über Schritte hinaus in die Welt, über Nähe als Überlebensinstinkt – und warum Liebe vielleicht der Herzschlag der Evolution ist.

»Roman­tik«, sag­te sie und lach­te, wäh­rend sie mit dem Fin­ger den Rand ihres Wein­gla­ses nach­zeich­ne­te. »Das war kei­ne Roman­tik, das war Über­le­bens­in­stinkt. Die Men­schen haben sich anein­an­der fest­ge­hal­ten, weil sie es muss­ten. Weil es drau­ßen zu kalt war, zu gefähr­lich. Weil nie­mand allein über­le­ben konnte.«

Er sah sie an. Ihre Bei­ne bau­mel­ten über der Brüs­tung des Bal­kons, ihr Glas Wein ruh­te sicher zwi­schen ihren Fin­gern. Sie sprach dar­über, wie Bin­dung Hor­mo­ne frei­setzt, wie das Gehirn dar­auf trai­niert sei, Nähe zu suchen, weil Allein­sein den Tod bedeu­ten konn­te – zumin­dest damals, als Men­schen noch in Höh­len lebten.

»Und heu­te?«, frag­te er. »Wir haben Super­märk­te, Zen­tral­hei­zung, Online-Dating. Brau­chen wir die Lie­be noch?« Sie lächel­te. »Natür­lich. Wer sonst wür­de dir sagen, dass du zu viel nach­denkst?« Er lach­te. Spä­ter, als sie ein­schlief, frag­te er sich, ob es das war: Ein bio­lo­gi­scher Reflex, eine Funk­ti­on, die tief in ihm ver­an­kert war. Oder ob er sich ein­fach nur nach jeman­dem sehn­te, der blieb.

Border Collie Welpe in der 4. Lebenswoche

Die Welt ist grö­ßer gewor­den, aber man­ches bleibt gleich. Die Wel­pen machen ihre ers­ten tap­si­gen Schrit­te hin­aus aus ihrer klei­nen, siche­ren Welt. Erst vor­sich­tig, dann immer muti­ger. Sie erkun­den, stol­pern, ren­nen, fal­len, ste­hen wie­der auf. Sie ent­fer­nen sich von der Mut­ter – aber nur, um wie­der zu ihr zurück­zu­keh­ren. Denn trotz aller Neu­gier bleibt eines sicher: Allein ist die Welt noch zu groß. Ist das Ver­lan­gen nach Nähe stär­ker als der Drang zur Unab­hän­gig­keit. Irgend­wann, ganz lang­sam, wird sich das ver­schie­ben. Noch nicht heu­te. Aber bald.

Dass Hun­de die­se Balan­ce über­haupt so früh ler­nen, ist kein Zufall. Ver­gleicht man sie mit ihren nächs­ten Ver­wand­ten, den Wöl­fen, zeigt sich ein deut­li­cher Unter­schied: Wolf­wel­pen blei­ben län­ger in der Höh­le, sie sind vor­sich­ti­ger, zöger­li­cher, reagie­ren stär­ker auf Frem­des. Hun­de­wel­pen hin­ge­gen öff­nen sich schnel­ler – ihre sozia­le Prä­gungs­pha­se beginnt frü­her, ist inten­si­ver, und vor allem: sie rich­tet sich nicht nur auf die Mut­ter und das Rudel, son­dern auch auf uns Men­schen. Schon ein kur­zer Blick, eine sanf­te Berüh­rung, ein frem­der Geruch kann in die­ser Zeit aus­rei­chen, um Ver­trau­en zu formen.

For­scher ver­mu­ten, dass genau dar­in ein ent­schei­den­der Schritt der Domes­ti­ka­ti­on liegt: Dort, wo Wöl­fe Distanz wah­ren muss­ten, weil Nähe Gefahr bedeu­te­te, began­nen Hun­de, Nähe zu suchen – und fan­den dar­in einen Vor­teil. Weni­ger Furcht, mehr Offen­heit, ein Ner­ven­sys­tem, das nicht in ers­ter Linie Flucht, son­dern Bin­dung ein­üb­te. Was aus Sicht der Evo­lu­ti­on das Über­le­ben sicher­te, zeigt sich heu­te in jeder Wurf­kis­te: Wel­pen, die nicht nur tas­tend ihre Mut­ter fin­den, son­dern neu­gie­rig den Blick erwi­dern, wenn sich ein Mensch über sie beugt.

Viel­leicht ist das die eigent­li­che Ant­wort auf die Fra­ge, war­um wir die Lie­be noch brau­chen. Weil sie nicht bloß Erin­ne­rung an eine fer­ne, gefähr­li­che Ver­gan­gen­heit ist, son­dern eine Kraft, die uns ver­än­dert hat. Die die Linie zog zwi­schen Wolf und Hund, zwi­schen Rück­zug und Ver­trau­en. Ein »Love me do«, das seit Jahr­tau­sen­den den Unter­schied macht. Und das sich jetzt, hier, in die­sen klei­nen, wack­li­gen Schrit­ten neu ein­schreibt in die Welt.

Das 4. Fotoshooting

Die 4. Lebenswoche

What is Love?

Lie­be – ein Gefühl, das jeder kennt und doch nie­mand ganz erklä­ren kann. Ist sie Che­mie oder Schick­sal? Berech­nung oder Rät­sel? Ein Impuls oder eine Ent­schei­dung? In unse­rem Wurf­ta­ge­buch erkun­den wir die Lie­be in all ihren Facet­ten – von der ers­ten Nach­richt in einer Dating-App bis zum letz­ten Ver­spre­chen eines gemein­sa­men Lebens. Viel­leicht fin­dest du dich wie­der. Viel­leicht ent­deckst du eine neue Art, über Lie­be nach­zu­den­ken. Viel­leicht zeigt sich die Wahr­heit irgend­wo zwi­schen den Zeilen.

© Johannes Willwacher