Die vierte Lebenswoche: Über Schritte hinaus in die Welt, über Nähe als Überlebensinstinkt – und warum Liebe vielleicht der Herzschlag der Evolution ist.
Someone to love, somebody new.
Someone to love, someone like you.
The Beatles (1963)
»Romantik«, sagte sie und lachte, während sie mit dem Finger den Rand ihres Weinglases nachzeichnete. »Das war keine Romantik, das war Überlebensinstinkt. Die Menschen haben sich aneinander festgehalten, weil sie es mussten. Weil es draußen zu kalt war, zu gefährlich. Weil niemand allein überleben konnte.«
Er sah sie an. Ihre Beine baumelten über der Brüstung des Balkons, ihr Glas Wein ruhte sicher zwischen ihren Fingern. Sie sprach darüber, wie Bindung Hormone freisetzt, wie das Gehirn darauf trainiert sei, Nähe zu suchen, weil Alleinsein den Tod bedeuten konnte – zumindest damals, als Menschen noch in Höhlen lebten.
»Und heute?«, fragte er. »Wir haben Supermärkte, Zentralheizung, Online-Dating. Brauchen wir die Liebe noch?« Sie lächelte. »Natürlich. Wer sonst würde dir sagen, dass du zu viel nachdenkst?« Er lachte. Später, als sie einschlief, fragte er sich, ob es das war: Ein biologischer Reflex, eine Funktion, die tief in ihm verankert war. Oder ob er sich einfach nur nach jemandem sehnte, der blieb.

Die Welt ist größer geworden, aber manches bleibt gleich. Die Welpen machen ihre ersten tapsigen Schritte hinaus aus ihrer kleinen, sicheren Welt. Erst vorsichtig, dann immer mutiger. Sie erkunden, stolpern, rennen, fallen, stehen wieder auf. Sie entfernen sich von der Mutter – aber nur, um wieder zu ihr zurückzukehren. Denn trotz aller Neugier bleibt eines sicher: Allein ist die Welt noch zu groß. Ist das Verlangen nach Nähe stärker als der Drang zur Unabhängigkeit. Irgendwann, ganz langsam, wird sich das verschieben. Noch nicht heute. Aber bald.
Dass Hunde diese Balance überhaupt so früh lernen, ist kein Zufall. Vergleicht man sie mit ihren nächsten Verwandten, den Wölfen, zeigt sich ein deutlicher Unterschied: Wolfwelpen bleiben länger in der Höhle, sie sind vorsichtiger, zögerlicher, reagieren stärker auf Fremdes. Hundewelpen hingegen öffnen sich schneller – ihre soziale Prägungsphase beginnt früher, ist intensiver, und vor allem: sie richtet sich nicht nur auf die Mutter und das Rudel, sondern auch auf uns Menschen. Schon ein kurzer Blick, eine sanfte Berührung, ein fremder Geruch kann in dieser Zeit ausreichen, um Vertrauen zu formen.
Forscher vermuten, dass genau darin ein entscheidender Schritt der Domestikation liegt: Dort, wo Wölfe Distanz wahren mussten, weil Nähe Gefahr bedeutete, begannen Hunde, Nähe zu suchen – und fanden darin einen Vorteil. Weniger Furcht, mehr Offenheit, ein Nervensystem, das nicht in erster Linie Flucht, sondern Bindung einübte. Was aus Sicht der Evolution das Überleben sicherte, zeigt sich heute in jeder Wurfkiste: Welpen, die nicht nur tastend ihre Mutter finden, sondern neugierig den Blick erwidern, wenn sich ein Mensch über sie beugt.
Vielleicht ist das die eigentliche Antwort auf die Frage, warum wir die Liebe noch brauchen. Weil sie nicht bloß Erinnerung an eine ferne, gefährliche Vergangenheit ist, sondern eine Kraft, die uns verändert hat. Die die Linie zog zwischen Wolf und Hund, zwischen Rückzug und Vertrauen. Ein »Love me do«, das seit Jahrtausenden den Unterschied macht. Und das sich jetzt, hier, in diesen kleinen, wackligen Schritten neu einschreibt in die Welt.
Das 4. Fotoshooting
Die 4. Lebenswoche
What is Love?
Liebe – ein Gefühl, das jeder kennt und doch niemand ganz erklären kann. Ist sie Chemie oder Schicksal? Berechnung oder Rätsel? Ein Impuls oder eine Entscheidung? In unserem Wurftagebuch erkunden wir die Liebe in all ihren Facetten – von der ersten Nachricht in einer Dating-App bis zum letzten Versprechen eines gemeinsamen Lebens. Vielleicht findest du dich wieder. Vielleicht entdeckst du eine neue Art, über Liebe nachzudenken. Vielleicht zeigt sich die Wahrheit irgendwo zwischen den Zeilen.
© Johannes Willwacher