Charakter und Wesensmerkmale

19|07|2018 – Ida

Angstbeißer, Bällchenjunkie, Radfahrerschreck – oft genug liest man, der Border Collie sei ein Problemhund. Aber warum ist das so und warum neigt augenscheinlich gerade diese Hunderasse so häufig zu Verhaltensstörungen? Ein Versuch, die charakterlichen Besonderheiten der Rasse zu verstehen.

Ein Bor­der Col­lie ist nicht bloß ein Hund – ein Bor­der Col­lie ist eine Her­aus­for­de­rung. Viel­leicht ist es genau die­se – zuge­ge­ben, bewusst pro­vo­kant for­mu­lier­te – Aus­sa­ge, die einer Beschrei­bung der Wesens­merk­ma­le der Ras­se am nächs­ten kommt, denn sie impli­ziert, dass den ras­se­be­ding­ten Beson­der­hei­ten nicht jeder gewach­sen ist. Das die­se Her­aus­for­de­rung zum Pro­blem wird, müs­sen lei­der vie­le Hun­de­be­sit­zer bemer­ken, die sich die Anfor­de­run­gen der Ras­se vor dem Kauf nicht aus­rei­chend bewusst gemacht haben: die cha­rak­ter­li­chen Eigen­schaf­ten, für die der Bor­der Col­lie ger­ne geprie­sen wird (bei­spiels­wei­se sei­ne Men­schen­freund­lich­keit, sei­ne Sen­si­bi­li­tät und Anhäng­lich­keit sowie sei­ne Geleh­rig­keit und sein enor­mer Arbeits­wil­le), ent­wi­ckeln bei unzu­rei­chen­der Beschäf­ti­gung oder inkon­se­quen­ter Erzie­hung nicht sel­ten belas­ten­de Schat­ten­sei­ten. Ein Bor­der Col­lie ist frag­los ein tol­ler Hund – aber eben nicht für jeden und nur, wenn er und sei­ne Wesens­merk­ma­le ver­stan­den wer­den und man die­se nicht aus dem Gleich­ge­wicht gera­ten lässt.

Natürliche Verhaltensweisen

Um den Bor­der Col­lie zu ver­ste­hen ist es unab­ding­bar, sich sei­nen Ursprung genau­er zu betrach­ten und nach­zu­voll­zie­hen, wie fest gewis­se – für den Hun­de­hal­ter oft uner­wünsch­te und in unver­stän­di­gen Hän­den schwer zu hän­deln­de – Wesens­merk­ma­le im gene­ti­schen Pro­gramm der Ras­se ver­an­kert sind: die Selek­ti­on auf Arbeits­leis­tung, die den Bor­der Col­lie zu einem her­vor­ra­gen­den Arbeits­hund macht, bedingt vie­le sei­ner wesent­li­chen Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten. Haben sie schon ein­mal einen arbei­ten­den Bor­der Col­lie beob­ach­tet? Nein? Dann soll­ten sie genau das ein­mal tun.

Es ist nicht nur der ath­le­ti­sche Kör­per­bau, der plötz­lich viel mehr Sinn macht, wenn man einem Bor­der Col­lie beim Trei­ben einer Schaf­her­de zusieht – auch die Wen­dig­keit und Aus­dau­er, mit der er die Her­de umkreist, die Schnel­lig­keit, mit der er auf Bewe­gun­gen ein­zel­ner Tie­re reagiert, das Fixie­ren, mit dem er die Her­de mühe­los kon­trol­liert, oder die Fähig­keit, auch über wei­te Distan­zen selbst­stän­dig zu arbei­ten, erschei­nen in einem ande­ren Licht. Fast alle vor­ge­nann­ten, für einen Bor­der Col­lie folg­lich völ­lig natür­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen, kön­nen zu Pro­ble­men füh­ren, wenn die Ver­an­la­gung des Hun­des miss­ver­stan­den und sei­tens des Hal­ters zu wenig Kon­trol­le aus­ge­übt wird. Trau­en sie sich das zu?

Um den Hüte­trieb des Bor­der Col­lie ange­mes­sen zu ver­ste­hen, muss das gene­rel­le Jagd- und Beute­ver­hal­ten des Hun­des betrach­tet wer­den, denn im Gegen­satz zu bei­na­he allen ande­ren Hüte­hund­ras­sen wur­de die beson­de­re Ver­an­la­gung des Bor­der Col­lie nicht aus dem Spiel­trieb her­aus­ge­züch­tet, son­dern ent­spricht wei­test­ge­hend dem ursprüng­li­chen, wöl­fi­schen Jagd­ver­hal­ten. Wie der Wolf, kreist auch der Bor­der Col­lie im gro­ßen Bogen um sei­ne Beu­te, bevor er sich mit abge­senk­tem Kör­per, kon­zen­triert ein­ge­zo­ge­ner Rute und star­rem Blick lang­sam vor­wärts bewegt. Die End­hand­lung des Beu­te­fang­ver­hal­tens, das Rei­ßen der Beu­te, wur­de beim Bor­der Col­lie durch geziel­te Selek­ti­on eli­mi­niert. Das bedeu­tet aber nicht, dass die­se Hun­de von ihren Zäh­nen mit­un­ter nicht doch Gebrauch machen wür­den – bei­spiels­wei­se, um die Flucht­be­we­gung eines Scha­fes zu stop­pen oder um sich Auto­ri­tät zu ver­schaf­fen. Vom Schä­fer erwünscht, begin­nen mit dem Trieb, einem aus­bre­chen­den Tier nach­zu­ja­gen, für vie­le Hun­de­hal­ter die Pro­ble­me.

Hütehunde jagen nicht?

Rad­fah­rer, Jog­ger, Autos, spie­len­de Kin­der – gera­de die schnel­len Bewe­gungs­rei­ze sind es, auf die ein Bor­der Col­lie beson­ders stark reagiert. Dass es nicht nur uner­freu­lich und teu­er wer­den kann, wenn die­ses Ver­hal­ten nicht unter­bun­den wird, bedarf wohl kei­ner Erklä­rung: ein Hund, der unkon­trol­liert alles jagt, was sich bewegt, stellt ein Risi­ko für sich und sei­ne Umge­bung dar. Wich­tig ist zu wis­sen, dass es sich beim Jagen – bedingt durch die Aus­schüt­tung von Endor­phi­nen – um ein in hohem Maße selbst­be­loh­nen­des Ver­hal­ten han­delt, und dass sich Ver­hal­tens­mus­ter, die ein­mal zum Kick geführt haben, beson­ders schnell ein­prä­gen und ver­selb­stän­di­gen. Was unter­nimmt man also dage­gen? Das Stich­wort heißt, wie bei fast allen die Ras­se betref­fen­den Pro­ble­men: Kon­trol­le.

Border Collie – Familienhund?

Kon­trol­le meint, im wört­lichs­ten Sin­ne, eine kon­se­quen­te Erzie­hung: ein Bor­der Col­lie dul­det kei­ne Nach­läs­sig­keit. Auf Fehl­ver­hal­ten muss des­halb umge­hend reagiert, das Fehl­ver­hal­ten sinn­voll umge­lenkt wer­den. Kon­trol­le bedeu­tet also dar­über hin­aus, dem Hund eine ange­mes­se­ne Beschäf­ti­gung zu bie­ten – kaum ein Bor­der Col­lie ist damit zufrie­den, nur Fami­li­en­hund zu sein, und fast immer macht sich der Frust, den eine Unter­for­de­rung für die Ras­se dar­stellt, irgend­wann deut­lich bemerk­bar. Aggres­si­vi­tät und Zer­stö­rungs­wut bis hin zu auto­ag­gres­si­ven Ste­reo­ty­pi­en: die Auf­fäl­lig­kei­ten, die ein unter­for­der­ter Bor­der Col­lie zeigt, sind viel­ge­stal­tig.

Man soll­te nun aller­dings nicht den­ken, dass die­se Ras­se dau­er­haft beschäf­tigt wer­den muss – gera­de für einen jun­gen Bor­der Col­lie ist es wesent­lich, Ruhe­zei­ten zu ler­nen und ein­zu­hal­ten. Die bei­na­he uner­müd­li­che Arbeits­be­reit­schaft die­ser Ras­se – ätio­lo­gisch eine Not­wen­dig­keit, um Vieh auch über wei­te Stre­cken trei­ben zu kön­nen –, ver­lei­tet man­chen aber viel eher dazu, den Hund zu über­las­ten. Eine Über­las­tung ist, genau­so wie eine Unter­for­de­rung, fatal: je mehr man dem Hund bie­tet, des­to mehr for­dert er. Anteil dar­an hat viel­leicht auch das gän­gi­ge Kli­schee, dass man einen Bor­der Col­lie gar nicht genug aus­las­ten kann, und dem­zu­fol­ge ger­ne bereits im Wel­pen­al­ter damit begon­nen wird, Stun­den­plä­ne für jeden Tag der Woche zu erstel­len, den Hund durch exzes­si­ves Ball­spie­len zum Jun­kie zu erzie­hen und das Stress­le­vel bestän­dig zu erhö­hen.

Es muss also gar nicht das Über­an­ge­bot an Akti­vi­tät sein – womög­lich genügt sogar eine Dis­zi­plin, die den Hund, von der täg­li­chen Bewe­gung ein­mal abge­se­hen, geis­tig for­dert. Wenn­gleich die Hüte­ar­beit durch kei­ne ande­re Beschäf­ti­gung zu erset­zen ist, fin­den sich im Hun­de­sport doch genü­gend Ange­bo­te, um den Hund anspruchs­voll zu trai­nie­ren.

Konsequenz und Nachgiebigkeit

Das Trai­ning eines Bor­der Col­lie ver­langt viel Fin­ger­spit­zen­ge­fühl. Wäh­rend sich der eine Hund mühe­los unter­ord­net, hat man es beim nächs­ten mit einem wil­lens­stär­ke­ren Cha­rak­ter zu tun, der nicht nur den Hun­de­füh­rer in Fra­ge stellt, son­dern die­sem auch regel­mä­ßig die Stirn bie­tet. Die­se Domi­nanz mag in der Aus­ein­an­der­set­zung mit einem ein­zu­ho­len­den Schaf von Vor­teil sein, für den Hun­de­füh­rer bedeu­tet sie aber einen weit höhe­ren Trai­nings­auf­wand. Wich­tig ist, dass hier nur so viel Druck aus­ge­übt wird, wie unbe­dingt nötig – auf kör­per­li­che und ver­ba­le Über­grif­fe soll­te unbe­dingt ver­zich­tet wer­den, will man bei die­ser hoch­sen­si­blen Ras­se kei­nen Ver­trau­ens­ver­lust ris­kie­ren. Die­ser Spa­gat zwi­schen Stren­ge und Ver­spielt­heit, zwi­schen Kon­se­quenz und sanf­ter Nach­gie­big­keit kann her­aus­for­dernd sein – aber auch auf die Gefahr hin, dass ich mich abschlie­ßend wie­der­ho­le: ein Bor­der Col­lie ist nicht bloß ein Hund – ein Bor­der Col­lie ist eine Her­aus­for­de­rung.