Border Collie-Züchter Johannes Willwacher mit einer seiner Zuchthündinnen.

Auf den Hund gekommen

Vorspiel

Ein gan­zes Leben für den Hund? Das sind gro­ße Wor­te. Aber ange­sichts der Tat­sa­che, dass das ers­te Wort, das mei­ne brab­beln­den Lip­pen ver­ließ (man möge mir nach­se­hen, dass ich mich selbst nur sehr vage dar­an erin­nern kann), nicht Mama oder Papa, son­dern Zira gewe­sen sein soll – die Schä­fer­hün­din mei­nes Groß­va­ters – liegt die Ver­mu­tung nahe, dass Hun­de in mei­nem Leben schon von Anfang an eine wich­ti­ge, viel­leicht sogar die wich­tigs­te Rol­le gespielt haben. Es gab Schä­fer­hun­de, Cocker Spa­ni­el, Misch­lin­ge von Hir­ten­hund und Reh­pin­scher und – bis­wei­len bis­si­ge – Retrie­ver. Und einen Bor­der Col­lie, der alles ver­än­dert hat.

Zwischenspiel I

Wahr­schein­lich wird das jeder von sei­nem Hund behaup­ten: Es hat nie einen bes­se­ren gege­ben. Das besag­te »Bes­te« hat für mich, völ­lig uner­war­tet, an einem trü­ben Novem­be­r­abend vor mehr als zehn Jah­ren begon­nen – mit der zuvor getrof­fe­nen Ent­schei­dung mei­ner Eltern, die Lücke, die der Tod unse­res Retrie­vers hin­ter­las­sen hat­te, mit einem Zei­tungs­in­se­rat zu fül­len. Jenes Zei­tungs­in­se­rat war sech­zehn Wochen alt, ängst­lich, tri­co­lor mott­led und – da mit dem Namen, den er von sei­nem Züch­ter bekom­men hat­te (»Bram von der Leim­kaul«) nie­mand wirk­lich etwas anfan­gen konn­te, vor­erst namen­los. Auf Linus, wie ich vor­schlug, konn­ten sich sowohl mei­ne Eltern, als auch mei­ne, mit­un­ter etwas schwer zu über­zeu­gen­de, jün­ge­re Schwes­ter eini­gen – Linus, also. Die­ser wur­de, in den Tagen, Mona­ten, Jah­ren dar­auf, nicht nur zum Jog­ging­part­ner, Ohr­ab­schle­cker, Super­hel­den, Ten­nis­ball­ver­ste­cker, Hasen­hü­ter, Tan­nen­zap­fen­zer­bei­ßer und bes­ten Freund, son­dern auch zum Kitt, der die selt­sa­me Kon­struk­ti­on, die man land­läu­fig ger­ne »Fami­lie« nennt, auf die Distanz zusam­men­hielt.

Am einem Sonn­tag im April wach­te mei­ne Mut­ter mit­ten in der Nacht auf und stol­per­te im Dun­keln vom Schlaf­zim­mer ins Bad, es muss halb drei gewe­sen sein. Dort, irgend­wo im Dun­kel, ein Äch­zen. Um halb sechs saß sie mit einem Hund, der sich nicht nur nicht auf den Bei­nen, son­dern auch nichts bei sich behal­ten konn­te, im Auto und steu­er­te die Tier­kli­nik an – den­kend, dass die­sem der eine oder ande­re beim Spiel zu gut gehü­te­te und im übli­chen Über­mut ver­schluck­te Stein im Magen quer saß. Gegen halb acht klin­gel­te mein Tele­fon und mei­ne Mut­ter erzähl­te, dass sich der Kreis­lauf erst sta­bi­li­sie­ren müs­se, bevor der Stein am Nach­mit­tag ope­ra­tiv ent­fernt wer­den kön­ne. Das sei nicht wei­ter bedenk­lich, ein all­täg­li­cher Ein­griff – also kein Grund, sich Sor­gen zu machen. Als am spä­ten Nach­mit­tag aber noch immer kein Bescheid der Kli­nik vor­lag, war es nur nahe­lie­gend sich doch zu sor­gen, ob wirk­lich alles gut ver­lau­fen sei. Gegen halb acht am Abend sag­te eine Stim­me am ande­ren Ende der Lei­tung, dass Linus gestor­ben sei, erzähl­te dem tau­ben Gefühl in mei­nem Bauch etwas von einem Milz­tu­mor, von Meta­sta­sen im Magen und einem plötz­li­chen Atem­still­stand, der dem Arzt in sei­ner Ent­schei­dung zur Sprit­ze zu grei­fen zuvor­ge­kom­men sei.

Zwischenspiel II

So trau­rig die­se Geschich­te auch sein mag, so plötz­lich – vom einen auf den ande­ren Tag – eine Lücke in unse­rem Fami­li­en­le­ben klaff­te, bin ich doch vor allen Din­gen dank­bar für die­sen Hund, für die­ses erstaun­li­che, eigen­sin­ni­ge Lebe­we­sen, das so vie­le Leben um so viel rei­cher gemacht hat. Und eigent­lich, so kann ich heu­te sagen, war die­se Geschich­te auch erst der Anfang. Es wird zwar kein Hund mehr so sein wie die­ser – aber der Bor­der Col­lie, das »schwarz-wei­ße Virus«, lässt mich für den Rest mei­nes Lebens nicht mehr los.

Weni­ge Mona­te nach dem Tod von Linus zog Nell, mein ers­ter eige­ner Hund, bei uns ein. Wis­send, dass wir mit der unüber­leg­ten Ent­schei­dung einem Bor­der Col­lie ein Zuhau­se zu geben mit Linus einen ech­ten Glücks­griff getan hat­ten, der sich wohl nicht wie­der­ho­len las­sen wür­de, hat­ten wir uns früh­zei­tig auf die Suche nach einem geeig­ne­ten Züch­ter gemacht und waren schließ­lich im Bor­der Col­lie Kennel »On my Own« von Gud­run Beu­er­mann fün­dig gewor­den. Nicht nur der geplan­te Wurf begeis­ter­te uns, nein, auch die Art und Wei­se wie über Zucht und das Zusam­men­le­ben mit einem Hund gedacht und gespro­chen wur­de über­zeug­te uns.

Nachspiel

To keep a long sto­ry short: Der Ein­zug von Nell krem­pel­te sowohl mein, als auch das Leben mei­nes Part­ners voll­kom­men um. Waren es erst nur Sams­ta­ge, die man auf dem Hun­de­platz ver­brach­te, um dem Wel­pen die nöti­ge Erzie­hung ange­dei­hen zu las­sen, gesell­ten sich schon bald Hun­de­aus­stel­lun­gen, Agi­li­ty und das Basis­trai­ning zur Vor­be­rei­tung auf die Begleit­hund­prü­fung hin­zu – heim­lich gefolgt von der Über­le­gung, ob es nicht selt­sam sei, dass man sei­nen Bekann­ten­kreis neu­er­dings in Hun­de­men­schen und Anders­ar­ti­ge unter­schied. Dass die Anders­ar­ti­gen ger­ne lächeln ist mir im Übri­gen mitt­ler­wei­le ziem­lich egal – sie ken­nen ja nicht mei­nen Hund …

Falls auch Sie jetzt lächeln soll­ten wün­sche ich Ihnen, von Hun­de­mensch zu Hun­de­mensch, wei­ter­hin viel Spaß auf unse­ren Sei­ten: Es gibt nur eines, das schö­ner ist, als ein Bor­der Col­lie – zwei, drei oder vier Bor­der Col­lies