
Warum ein Wurf nicht nur Hunde in Familien, sondern auch Menschen in das eigene Leben bringt. Dem E-Wurf zum neunten Geburtstag.
Winter, spring, summer or fall,
all you’ve got to do is call.
Carole King (1971)
Bevor ein Welpe geboren wird, passiert immer dasselbe: Man liest Mails. Sehr viele Mails.
Man sitzt abends am Küchentisch, liest, unterstreicht innerlich, interpretiert Formulierungen, achtet auf Tonfall, Länge, Begeisterung, Rechtschreibung, Erfahrung, Grundstücksgröße, Kinderzahl, Arbeitszeiten und den kleinen Nebensatz, der angeblich alles verrät. Man glaubt wirklich, man könne in zwölf Zeilen erkennen, wie ein Mensch die nächsten fünfzehn Jahre mit einem Hund verbringen wird. Obwohl man eigentlich weiß, dass die entscheidende Information nie im Text steht.
»Ich habe Ihre Wurfankündigung gelesen und würde mich über mehr Informationen und einen Rückruf freuen.« Mehr stand da nicht. In der ersten Mail, vor etwa neun Jahren. Kein Garten, keine Erfahrung, kein Konzept. Eine andere war mehrere Seiten lang. Mit Geschichte, Hunden, Verlusten. »Vor 7 Jahren bekamen wir einen Anruf über den Tierschutzverein Nordeifel, dass zwei Border Collies aus Verwahrlosung dringend ein neues zu Hause suchen. Wir haben diese Hunde ohne wenn und aber aufgenommen, umsorgt, gefördert, unser Leben auf sie eingerichtet und die Jahre mit ihnen genossen.« Dann gab es Vorfreude: »Ich wünsche mir eine Hündin. Der Preis ist sicher im normalen Welpenrahmen? Ich wünsche Euch eine super duper Geburt!« Und Heimlichkeit: »Ich schreibe Euch (vorerst) deshalb nicht ins Gästebuch, weil meine Frau nichts davon wissen soll.« Und schließlich, an einem Samstagmorgen, eine WhatsApp: »Guten Morgen, ich möchte Sie nicht beim Wochenendfrühstück stören. Deshalb meine Frage, wann kann ich sie am besten bezüglich eines Welpen anrufen?«
Vor neun Jahren dachte ich, ich müsste aus diesen Nachrichten herausfinden, wer zu einem Welpen passt. Heute weiß ich: Die Mails waren nie der entscheidende Teil. Denn was danach kam, konnte man darin nicht lesen.
Ein Wurf hinterlässt nicht nur Hunde in fünf Familien. Er bringt Menschen in ein gemeinsames Leben.
Über die Jahre sind aus Anfragen Gespräche geworden, aus Gesprächen Vertrauen, aus Vertrauen Freundschaften. Man begleitet einander durch Alltägliches und durch Ernstes. Durch Gesundheit, Krankheit, Abschiede, neue Hunde, neue Lebensabschnitte. Und irgendwann merkt man, dass man nicht mehr »der Züchter« ist und dort auch keine »Welpenkäufer« leben. Sondern Menschen, die zum eigenen Leben gehören.
Der E-Wurf ist neun Jahre alt. Die Hunde waren der Anfang. Das größte Glück, das sie hinterlassen haben, sind die Menschen.



© Johannes Willwacher