
Im ersten Jahr dehnt sie sich. Später wird sie kleiner. Vielleicht funktioniert Zeit wirklich ein bisschen wie Kaugummi. Unserem H-Wurf zum fünften Geburtstag.
You are young and life is long
and there is time to kill today.
Pink Floyd (1973)
Das erste Jahr mit einem jungen Hund kommt einem oft erstaunlich lang vor. Zu lang, würden manche sagen. Aber um die geht es an dieser Stelle nicht.
Trotzdem bleibt der Eindruck, dass dieses erste Jahr eine merkwürdige Eigenschaft hat: Es dehnt sich. So wie eine Kaugummiblase sich dehnt. Immer mehr, immer weiter. Bis sie irgendwann hauchdünn gespannt ist – ungefähr so wie die Nerven, die im ersten Jahr ziemlich strapaziert werden. Das nicht nur, weil alles zum ersten Mal passiert. Sondern auch, weil viel beobachtet, viel überlegt, viel interpretiert werden muss. Weil der Kopf arbeitet. Nicht bei allen. Aber um die geht es an dieser Stelle nicht.
Vielleicht funktioniert Zeit tatsächlich ein bisschen wie Kaugummi. Denn Zeit entsteht wohl eher nebenbei – aus der Menge der Dinge, über die man nachdenkt. Wo viel gedacht wird, dehnt sie sich. Wo wenig gedacht wird, zieht sie sich zusammen.
Man kann das leicht beobachten. Der Weg zu einem unbekannten Ort erscheint fast immer länger als der Rückweg, obwohl die Strecke identisch ist. Beim ersten Mal achtet man auf jedes Schild, jede Abzweigung. Auf dem Rückweg weiß man längst, wo man ist. Der Kopf arbeitet weniger. Das Kaugummi wird kleiner. Vielleicht schmeckt es nicht mal mehr nach irgendwas. Man kaut, weil man kaut. Wer denkt schon groß über Kaugummi nach?
Mit einem Hund verhält es sich ähnlich. Auch der ist irgendwann ganz einfach da. Morgens. Abends. Auf denselben Wegen, zu denselben Zeiten. Man kennt seine Gewohnheiten, seine kleinen Umwege, die Stellen, an denen er grundsätzlich noch einmal stehen bleibt. Er kennt die eigenen auch.
Vieles geschieht, ohne dass man es noch bemerkt. Und dann stellt man plötzlich fest, dass fünf Jahre vergangen sind.
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem man wieder anfangen sollte, Kaugummiblasen zu machen. Große Blasen. Die, bei denen man genau weiß, dass sie gleich platzen werden. Nicht, weil man plötzlich mehr Zeit hätte. Sondern weil manche Dinge es wert sind, dass sie sich ein bisschen dehnen dürfen.
Manche finden so etwas übertrieben. Zu lang, zu laut, zu albern.
Aber um die geht es an dieser Stelle ja nicht.



© Johannes Willwacher