Was wäre, wenn Aufmerksamkeit nicht begrenzt wäre? Und was bleibt, wenn sie es doch ist? Eine kleine Geschichte über eine große Hündin.

Und mag die Dis­kus­si­on um die Liebe
auch noch hun­dert­tau­send Jah­re andauern –
viel­leicht stel­len wir fest, dass Lie­be die Fähig­keit ist,
jeman­dem sich selbst zurückzugeben.
Ray Brad­bu­ry (1969)

»Wenn Auf­merk­sam­keits­chen­ken Lie­be ist, dann bin ich die Liebe.«

Es ist uner­heb­lich, ob Sie schon ein­mal von Ray Brad­bu­ry gehört haben. Für den Moment genügt es, wenn Sie wis­sen, dass er geschrie­ben hat. Ein paar Roma­ne. Ein paar Kurz­ge­schich­ten. Und dass in einer davon – I Sing the Body Elec­tric! – neben­bei jener Satz fällt.

Es ist aller­dings kein Mensch, von dem er stammt. Son­dern etwas, das sich sehr gro­ße Mühe gibt, wie einer zu wir­ken. Etwas, das kon­stru­iert wur­de, um zu erset­zen, was sich nicht erset­zen lässt. Das nicht ermü­det, nichts ver­gisst, sei­ne Auf­merk­sam­keit nicht ein­tei­len muss. Das kei­nen Man­gel kennt. 

Er stammt von einer Maschi­ne, die man mit Haut und Haa­ren bezo­gen hat. Der man Augen ein­ge­setzt hat, die wie die Lieb­lings­mur­meln jedes Kin­des fun­keln. Und des­halb manch­mal sogar ver­ges­sen lässt, dass sie nur eine Maschi­ne ist, die mit einem gol­de­nen Schlüs­sel auf­ge­zo­gen wer­den muss. Kein Lebe­we­sen, das atmet und älter wird.

Dar­an muss ich plötz­lich den­ken, als ich vor der Hün­din ste­he, die heu­te ihren neun­ten Geburts­tag fei­ert. Einer Hün­din, die – ganz im Gegen­satz zu der bewuss­ten Maschi­ne – zwar nicht wie eine Groß­mutter aus­se­hen mag, in Wahr­heit aber schon längst eine ist. Nichts an ihr ist voll­kom­men. Nichts an ihr war jemals dafür aus­ge­legt, es für irgend­je­mand zu sein. Nicht für die Ewig­keit. Nicht für immer. Und doch ent­steht kein Ein­druck von Mangel.

Viel­leicht, weil sie nicht ver­sucht, alles zugleich im Blick zu behal­ten. Weil sie nicht ver­teilt, son­dern jeweils bei dem bleibt, was sich gera­de vor ihr befin­det. Ein Blick, der nicht wei­ter reicht als nötig. Der erklärt, dass Auf­merk­sam­keit nicht unbe­grenzt ist, son­dern kost­bar. 

So wie Lie­be. So wie Leben. So wie die­ses eine – nun neun­jäh­ri­ge – Leben auch.

© Johannes Willwacher