26|09|2015 – Augen auf: Unse­re Wel­pen sind zwei Wochen alt

»Wovon träumt man«, den­ke ich und betrach­te den Wel­pen, der schla­fend auf mei­ner Brust liegt, »wenn man noch nichts gese­hen hat, die neu­ro­na­len Net­ze noch nicht aus­ge­wor­fen sind, um Erleb­tes und Erin­ner­tes mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen?« Der Wel­pe auf mei­ner Brust streckt sich, schmatzt, dann scheint es, als woll­ten alle Vie­re dazu anset­zen, mit wei­ten Schrit­ten durch die Luft zu schnei­den. »Wohin läuft man, ohne fest im Gehirn ver­an­ker­te Bil­der erin­nern und – viel­leicht – auf Traum­wie­sen einem Ball hin­ter­her­ja­gen zu kön­nen?«, fra­ge ich mich. »Soll­te das alles bloß moto­ri­scher Leer­lauf sein oder gibt es Bil­der, die man nicht gese­hen haben muss, um sie sehen zu kön­nen?« Ich lecke mei­nen klei­nen Fin­ger an und las­se die­sen vor­sich­tig über die zucken­den Pfo­ten strei­chen.

Zwei Wochen fast ist ein Wel­pe blind und taub, die Welt um ihn her­um bloß ein flüch­ti­ger Geruch, ein tas­ten­des Gefühl. Als Züch­ter bemüht man sich bereits früh – wäh­rend der vege­ta­ti­ven Pha­se – die Wel­pen mit Rei­zen zu kon­fron­tie­ren, die ihnen die Für­sor­ge der Mut­ter nicht bie­ten kann. Dabei sind es nicht nur Berüh­run­gen, die dafür sor­gen, dass die tak­ti­le Wahr­neh­mung der Wel­pen geschärft und syn­ap­ti­sche Ver­bin­dun­gen akti­viert wer­den, die sonst unge­nutzt blei­ben wür­den, auch die frü­he Bewäl­ti­gung mil­der Stress­si­tua­tio­nen wirkt sich posi­tiv auf die grund­le­gends­ten Ver­hal­tens­ei­gen­schaf­ten der Wel­pen aus.

Das Stress, ins­be­son­de­re über das Tem­pe­ra­tur­emp­fin­den, nicht nur den Ent­wick­lungs­ver­lauf, son­dern auch die Sozi­al­kom­pe­tenz eines Wel­pen maß­geb­lich beein­flus­sen kann, mag erstau­nen – wie kon­takt­freu­dig sich ein Hund im spä­te­ren Leben sowohl Men­schen als auch ande­ren Hun­den gegen­über ver­hält, wird aber oft schon in der Wurf­kis­te ange­legt. Gera­de als Neu­züch­ter neigt man viel­leicht ger­ne dazu, sei­ne Wel­pen zu sehr zu behü­ten, und neben der Wär­me­lam­pe, die Tag und Nacht über der Wurf­kis­te brennt, auch die Raum­tem­pe­ra­tur ent­spre­chend zu regu­lie­ren: Wo aber die Nest­wär­me vor­ran­gig aus der Steck­do­se kommt, statt aus dem Wech­sel­spiel mit Mut­ter und Wurf­ge­schwis­tern zu resul­tie­ren, wer­den auch die ers­ten Sozi­al­kon­tak­te weni­ger posi­tiv erlebt und abge­spei­chert. Nähe muss man nicht gese­hen haben, um sie suchen, um sie sehen zu kön­nen.

Gäh­nend dreht sich der Wel­pe zu mir um, die win­zi­ge Nase zuckt, und auf den zwei­ten Blick bemer­ke ich, dass sich dort, wo die Lider noch immer fest ver­klebt sind, fei­ne Schlit­ze gebil­det haben, durch die es schüch­tern silb­rig blitzt.

© Johannes Willwacher