Der Embryo eines Hun­des am 30. Tag der Trächtigkeit

Was geschieht im Körper der trächtigen Border Collie Hündin? Wie verläuft die Entwicklung des ungeborenen Welpen? Ein Versuch, diesem Wunder auf die Spur zu gehen …

Wie ein nicht ganz bis auf den letz­ten Trop­fen aus­ge­wrun­ge­ner Wasch­lap­pen – so fühlt man sich, wäh­rend man schwe­re­los im rot leuch­ten­den Halb­dun­kel treibt, über allem ein mäch­ti­ges Dröh­nen, dass das lau­war­me Bade­was­ser woh­lig erschau­ern lässt. Bei­na­he könn­te man es mit der Angst zu tun bekom­men, wüss­te man nicht, dass da ande­re sind – ein »Wir«, das sich zu Per­len­schnü­ren auf­ge­reiht in ein rie­sen­haf­tes Mor­gen schaukelt.

Das wir nur Rie­sen wer­den kön­nen, scheint offen­bar, denn bin­nen drei­ßig Tagen haben wir ganz aben­teu­er­lich an Grö­ße gewon­nen: Am ers­ten Tag nur ein gei­ßeln­der Zell­kern, eine krei­seln­de Keim­zel­le, sich behän­de vor­wärts kämp­fend auf der Suche nach einem Kör­per, kaum grö­ßer als ein Fun­keln im Auge unse­res Vaters. Letzt­lich, am drit­ten Tag das Ziel erreicht, Zygo­te nennt man uns nun – und dem­entspre­chend teilt man sich und wächst, was das Zeug hält. Aus zwei wer­den vier, sech­zehn aus acht. Noch immer sind wir kaum einen zehn­tel Mil­li­me­ter groß – nicht als Maul­beer­keim und nicht als Blas­to­zys­te – zehn Tage sind wir nun schon alt und ziem­lich gespannt, im wört­li­chen Sinne.

Unse­re Zel­len sind dicht an dicht gela­gert, unser Inners­tes ist bei­na­he hohl. Mit Sack und Pack las­sen wir uns schnau­fend am Weges­rand nie­der – nach so gro­ßer Anstren­gung steht uns der Sinn allein nach Gemüt­lich­keit – und weil unser schlüs­sel­fer­ti­ges Heim längst zu klein für uns gewor­den ist, schlüp­fen wir als frü­he Embryo­nen schnell aus unse­rer Umhül­lung her­aus, bevor es an den Nest­bau geht. Jeder von uns hat nun sei­nen fes­ten Platz und ist gür­tel­för­mig von Wuche­run­gen der Gebär­mut­ter­schleim­haut umgeben.

In Win­des­ei­le begin­nen nun Kör­per­glie­der zu knos­pen, neun­zehn Tage sind ver­gan­gen, und neben Ner­ven, Nie­ren und Leber, die in unse­rem Inne­ren sprie­ßen, sitzt jedem von uns ein Kopf auf, der schwer nach vor­ne rollt. Unser Herz lässt sich noch drei Tage Zeit, bevor es anfängt zu schla­gen – schließ­lich puckert und pulst es in rasen­dem Takt.

Wer wie wir dar­auf war­tet gebo­ren zu wer­den ist bes­tens geübt dar­in, Zeit tot­zu­schla­gen: Gelang­weilt wäs­sert man vor sich hin, stram­pelt ein wenig und fragt dem föta­len »Wir« Löcher in den Bauch. Was wir ein­mal wer­den wol­len? Wal­fi­sche, viel­leicht, ruft jemand weit oben, von wei­ter unten tönt es: Affen, Giraf­fen, Kän­gu­rus, und in einem tage­lan­gen Tumult wer­den immer neue Tie­re genannt, bis man sich vor­erst dar­auf einigt, auf jeden Fall ein Säu­ge­tier zu sein. Schmol­lend rol­len sich zwei in sich zusam­men – kaum zufäl­lig jene, die sich laut­stark für Bunt­specht und Ein­horn ein­ge­setzt hat­ten – bis plötz­lich ein Drit­ter, der schwei­gend am Dau­men gelutscht hat­te, auf­schreit und meint, er füh­le da etwas an sei­nem Gau­men. Kral­len, ein­deu­tig Kral­len, ruft er und fährt sich mit der eben erst ent­deck­ten Tat­ze zum Krat­zen hin­ters Ohr. Bei mir wach­sen Bart­haa­re, schallt es ihm leb­haft ent­ge­gen und auch der nächs­te fühlt einen fei­nen Flaum auf sei­nen Lip­pen. Wir wer­den ein Wel­pe, bricht es fast gleich­zei­tig aus allen Mün­dern hevor, wir wer­den ein Hund! Es dröhnt schon wieder …

Nell schnarcht neu­er­dings. Das Maß­band misst zur Halb­zeit der Träch­tig­keit vier zusätz­li­che Zen­ti­me­ter und die Tail­le verschwindet.

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© Johannes Willwacher

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