Besuch von Lou: Über das Erinnern und Vergessen, über Mütter und Söhne, über Kuchen, Silberlöffel und Futterringe. Und die Frage, wie viel es braucht, um aus einem beinahe erwachsenen Hund wieder einen Welpen herauszukitzeln.

Man gibt sich als Züch­ter wohl ger­ne dem Glau­ben hin, dass ein Wel­pe, den man acht Wochen lang umsorgt hat, nie ver­ges­sen wird, wes­sen Hän­den er das Leben ver­dankt. Viel­leicht ahnt man, wie schnell einem Wel­pen das Ver­ges­sen gelingt, wie schnell es jedem gelin­gen wird, und weiß auch, wie wich­tig es ist, dass sich neue Men­schen und Orte ein­prä­gen und das eige­ne Bild mit gro­ßem Pin­sel über­ma­len. Etwas zu ver­ges­sen ist bes­ser, als es ein Leben lang zu ver­mis­sen. Aber man hofft. Man hofft, dass wenn schon nicht alles bleibt, sich zumin­dest eine Ahnung ein­pflanzt, es nur wenig braucht, um die­ser nach­zu­spü­ren, und dass das, was man ver­ges­sen glaubt, leicht frei­ge­legt wer­den kann. Wie ein Kno­chen, der nur von einer dün­nen Erd­schicht bedeckt ist.

Als Lou vor gut acht Mona­ten als letz­ter Wel­pe aus unse­rem A-Wurf aus­zog, war ich fest davon über­zeugt, dass es nicht viel brau­chen wür­de, um die­se frü­hen Erin­ne­run­gen frei­zu­le­gen. Schon beim Wel­pen­tref­fen im Mai wur­de ich eines bes­se­ren belehrt und muss­te mir ein­ge­ste­hen, dass bei man­chem zwar kurz auf­zu­blit­zen schien, an die­sem Ort nicht ganz fremd zu sein – von unbän­di­ger Wie­der­se­hens­freu­de konn­te aber bei kei­nem der fünf Heim­keh­rer die Rede sein. Immer­hin fan­den sich die sechs Jung­hun­de genau mit den Geschwis­tern wie­der zusam­men, mit denen sie schon als Wel­pe gespielt hat­ten – also war viel­leicht doch nicht alles ver­ges­sen.

Auch wenn Sin­dy heu­te ger­ne behaup­tet, sie habe sich nur des­halb für mich als Züch­ter ent­schie­den, weil mein Kuchen am bes­ten gewe­sen sei (ich könn­te dar­auf erwi­dern, dass ich mei­ne Ent­schei­dung selbst dar­an fest gemacht hät­te, dass sie am meis­ten davon geges­sen habe – aber das tue ich selbst­ver­ständ­lich nicht), habe ich nicht lan­ge nach­den­ken müs­sen, als sie ankün­dig­te uns mit Lou besu­chen zu wol­len. Der Besuch im Mai lag schließ­lich schon eine gan­ze Wei­le zurück – und davon abge­se­hen, dass es schön ist, einen sei­ner Wel­pen wie­der­zu­se­hen, ver­bringt man auch ger­ne Zeit mit denen, die aus dem Wel­pen einen Hund gemacht und die­sem ein Zuhau­se gege­ben haben.

Der gest­ri­ge Nach­mit­tag hat mir zwei Erkennt­nis­se gebracht. Zum einen, dass selbst wenn Mut­ter und Sohn längst nicht mehr wis­sen, dass sie Mut­ter und Sohn sind, es trotz­dem ein unsicht­ba­res Band gibt, dass sie ver­bin­det. Dass sich Ähn­lich­kei­ten fin­den und es leicht fällt, dem Spiel des ande­ren zu fol­gen. Und zum ande­ren, dass viel­leicht alles ver­ges­sen ist – es aber manch­mal nur einen Sil­ber­löf­fel und einen Fut­ter­ring braucht, um aus dem bei­na­he erwach­se­nen Hund wie­der genau den Wel­pen her­aus­zu­kit­zeln, den man abge­ge­ben hat: »Schle­cki, Schle­cki!«

© Johannes Willwacher