56 Zen­ti­me­ter – inner­halb einer Woche hat Nells Bauch­um­fang um 5 Zen­ti­me­ter zuge­legt

Mit geschlos­se­nen Augen liegt Nell lang aus­ge­streckt vor dem Laut­spre­cher, das Knis­tern einer alten Schall­plat­ten­auf­nah­me erfüllt den Raum. Vor dem Fens­ter rauscht seit den frü­hen Mor­gen­stun­den der Regen, dick­bau­chi­ge Wol­ken haben sich trä­ge an den Hügeln fest­ge­setzt. Jetzt, um die Mit­tags­zeit, ist kein Mensch ist zu sehen. Ich sit­ze – nach der som­mer­li­chen Hit­ze der letz­ten Wochen bei­na­he herbst­lich ein­ge­stimmt – mit einer Tas­se Tee auf dem Sofa und beob­ach­te, wie sich der Brust­korb der Hün­din zu den zir­keln­den Klän­gen von Casals’ Cel­lo hebt und senkt: zum Ende der fünf­ten Träch­tig­keits­wo­che zeich­net sich bereits eine deut­li­che Run­dung unter dem Rip­pen­bo­gen unse­rer Köni­gin ab.

Kaum mehr als fünf Zen­ti­me­ter groß, erin­nern die Föten in der fünf­ten Träch­tig­keits­wo­che doch bereits an klei­ne Hun­de: Kopf und Rumpf sind unter­scheid­bar, die Fin­ger voll­stän­dig von­ein­an­der getrennt und auch die Kral­len aus­ge­bil­det. Bis­her nackt, beginnt nun das ers­te Fell der Föten zag­haft zu sprie­ßen. Ist ein durch­schnitt­lich gro­ßer Wurf zu erwar­ten, fällt bei der Hün­din nun viel­leicht eine ers­te Zunah­me in der Len­den­ge­gend auf, die von Woche zu Woche deut­li­cher wer­den wird: Das Grö­ßen­wachs­tum der Wel­pen hat gera­de erst begon­nen.

Satt schwingt die G-Sai­te ein letz­tes Mal, dann ist nur noch Rau­schen zu hören. Dass der war­me Klang des Vio­lon­cel­lo, dem man gemein­hin nach­sagt, unter allen Instru­men­ten am meis­ten der mensch­li­chen Stim­me zu ähneln, auch auf Hun­de beru­hi­gend wirkt, habe ich bereits wäh­rend Nells ers­ter Träch­tig­keit fest­stel­len kön­nen, bin aber immer wie­der erstaunt, wie gut Bach und unse­re Bor­der Col­lies mit­ein­an­der har­mo­nie­ren: Auch Zion, der neben mir auf dem Sofa liegt, kneift ruhig atmend die Augen zu und ist bin­nen Minu­ten ein­ge­schla­fen. Ob der Klang auch auf die Wel­pen wirkt? Ich ste­he auf, tätsch­le Nell, die erwar­tungs­voll die Bei­ne von sich streckt, den Bauch und wechs­le den Ton­trä­ger. Alle­gro Maes­to­so – wie gemacht, den­ke ich, um eine träch­ti­ge Bor­der Col­lie Hün­din zu beschrei­ben. Am bes­ten natür­lich die­se – die Köni­gin.

© Johannes Willwacher