Die 8. Träch­tig­keits­wo­che

Ein zwei­ter Bro­cken zer­birst braun und stau­big auf dem beto­nier­ten Geh­weg, die Herbst­blu­men dahin­ter zie­hen betrof­fen die Köp­fe ein. Wie­der und wie­der bebt es in der Hecke, aus der erst nur ange­streng­tes Hecheln, bald erdi­ges Schmat­zen zu hören ist, dann schließ­lich wird ein drit­ter Bro­cken Erde zu den bei­den ande­ren auf dem Weg geschleu­dert. »Wenn du auf der ande­ren Sei­te ange­kom­men bist«, rufe ich der Hecke zu und leh­ne mich ganz auf der Gar­ten­bank zurück, »schreib’ ne Kar­te!« Die Ant­wort folgt in Form eines vier­ten Flug­ge­schoss, das in abge­flach­ter Kur­ve kurz ansteigt, fällt, und in der Vogel­trän­ke unter dem fast ver­blüh­ten Som­mer­flie­der lan­det. Dann ist Ruhe.

Mit dem 57. Tag der Träch­tig­keit, den das mor­gi­ge Datum mar­kiert, sind die Lun­gen der Wel­pen so weit aus­ge­reift, dass der Wurf lebens­fä­hig gebo­ren wer­den kann. Das geht auch an der Hün­din nicht spur­los vor­bei: Oft­mals macht sich in den letz­ten Tagen vor der Geburt beson­de­re Unru­he bemerk­bar – nicht sel­ten kann ein beharr­li­ches Nest­bau­ver­hal­ten beob­ach­tet wer­den, das auch vor den Gar­ten­bee­ten nicht zurück­schreckt. Der Hün­din soll­ten nun meh­re­re klei­ne Mahl­zei­ten am Tag ange­bo­ten wer­den, um sie bei der wach­sen­den Lei­bes­fül­le nicht unnö­tig zu belas­ten – vie­len Hün­din­nen scheint es in den letz­ten Tagen vor der Geburt aber ohne­hin nicht mehr zu schme­cken, so dass sie jed­we­des Fut­ter von selbst ver­wei­gern. Um auf ein Absin­ken der Tem­pe­ra­tur, das als siche­res Zei­chen einer bevor­ste­hen­den Geburt gilt, vor­be­rei­tet zu sein, soll­te die Kör­per­tem­pe­ra­tur der Hün­din zudem drei­mal täg­lich kon­trol­liert wer­den.

Die Schnau­ze fast voll­stän­dig mit Lehm ver­krus­tet, schleicht sie schwer­fäl­lig auf mich zu. Erde, Gras und Wur­zeln zwän­gen sich zwi­schen ihre Zehen, jeder Zen­ti­me­ter ihres Kör­pers scheint mit Staub bedeckt zu sein. End­lich bei mir ange­kom­men, folgt sie nur zu ger­ne der Ein­la­dung der Hand, die sich zum Strei­cheln anbie­tet, und lässt sich lang­sam auf den Boden sin­ken. Ihr Bauch ist prall und rund, dar­un­ter spü­re ich fes­te, klei­ne Trit­te – win­zi­ge Pfo­ten, die es der Mut­ter gleich­tun, die gra­ben wol­len. »Wie vie­le Tage noch?«, den­ke ich, und las­se die Wel­pen wei­ter schau­keln. Nell blin­zelt. Ihr Blick sagt: »Bit­te ganz bald!«

Ganz schön rund: 77 Zen­ti­me­ter misst Nells Bauch­um­fang

© Johannes Willwacher