12|03|2017 – Impressionen aus dem Welpenzimmer
12|03|2017 – Impres­sio­nen aus dem Wel­pen­zim­mer

Warum spielen Welpen? Und was spielen sie da genau? Das und mehr entdecken wir in der vierten Lebenswoche unserer Border Collie Welpen …

Gäh­nend lässt sich die jun­ge Hün­din aus der Wurf­kis­te auf den Boden vor ihr rut­schen, die Vor­der­pfo­ten hält sie weit von sich gestreckt. Ein wenig Mühe kos­tet es sie schon, sich auf alle Vie­re zu stel­len – kaum dass sie einen Schritt getan hat, geben die Hin­ter­läu­fe nach, die auf dem glat­ten Boden ein­fach kei­nen Halt fin­den wol­len, und sie muss aufs Neue anset­zen. Kurz den­ke ich dar­über nach, ihr auf die Bei­ne zu hel­fen – sie hoch zu neh­men und sicher abzu­set­zen –, schließ­lich gelingt es ihr aber doch, das kur­ze Stück selb­stän­dig zu bewäl­ti­gen, das sie von der Wurf­kis­te, die sie als letz­te ver­las­sen hat, zu dem wei­ßen Laken zurück­le­gen muss, auf dem sich ihre vier Wurf­ge­schwis­ter bereits zwi­schen mei­nen gestreck­ten Bei­nen tum­meln. Dort ange­kom­men, nähert sie sich neu­gie­rig mei­nem nack­ten Fuß, lässt zuerst die Nase über dem Knö­chel krei­sen und beginnt anschlie­ßend zag­haft, mei­ne Zehen abzule­cken. Die win­zi­ge Wel­pen­zun­ge kit­zelt – lachend weh­re ich die zudring­li­che Hün­din ab und rol­le ihr statt­des­sen einen blau­en Ball zu, der kurz vor ihrer Schnau­ze zum Lie­gen kommt. Unschlüs­sig legt sie den Kopf dar­auf ab, ver­liert dabei aber das Gleich­ge­wicht und lässt den Ball – der viel­leicht auch ein ganz brauch­ba­res Kis­sen abge­ge­ben hät­te (woher soll ein Wel­pe auch den Unter­schied ken­nen?) – unfrei­wil­lig wei­ter rol­len. Sie schaut fra­gend hin­ter­her.

14|03|2017 – Impressionen aus dem Welpenzimmer
14|03|2017 – Impres­sio­nen aus dem Wel­pen­zim­mer

Spielen ist (nicht) gleich Spielen

Was hat ein Wel­pe, der sich selbst in den Schwanz beißt, mit einem Wel­pen gemein­sam, der einen ande­ren auf­for­dernd fixiert? Bei bei­den han­delt es sich um Spiel­ar­ten, die Wel­pen im Zuge ihrer Ver­hal­tens­ent­wick­lung mehr oder weni­ger deut­lich zei­gen. Wäh­rend das Soli­tär­spiel des Erst­ge­nann­ten bereits früh auf­tritt (als Soli­tär- oder Bewe­gungs­spie­le wer­den all jene Spiel­for­men bezeich­net, die ohne die Betei­li­gung eines Art­ge­nos­sen aus­kom­men, sich also mit »sich selbst«, dem eige­nen Kör­per befas­sen), gewin­nen Objekt- und Sozi­al­spie­le erst spä­ter an Bedeu­tung. Das Sozi­al­spiel umfasst alle Spiel­hand­lun­gen, die auf einen oder meh­re­re Sozi­al­part­ner – sowohl Art­ge­nos­sen, als auch Art­frem­de – gerich­tet sind, und lässt sich in Kampf-, Beiß- und Ver­fol­gungs­spie­le auf­glie­dern, die jeweils auch einen Objekt­be­zug auf­wei­sen kön­nen.

Wenn die Neu­gier einen Wel­pen in der vier­ten Lebens­wo­che antreibt, das Wurf­la­ger immer öfter zu ver­las­sen, sind auch die ers­ten spie­le­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Umwelt zu beob­ach­ten. Hat sich der Wel­pe bis­her fast aus­schließ­lich mit sich selbst befasst und den eige­nen Kör­per erkun­det, beginnt er nun ver­stärkt, sich frem­den Rei­zen zuzu­wen­den und neben den Wurf­ge­schwis­tern auch unbe­leb­te Din­ge – Bäl­le und ande­re Spiel­zeu­ge – zu ent­de­cken. Man könn­te das als gege­ben anse­hen – den­ken: »Wel­pen spie­len nun mal« – und nicht wei­ter hin­ter­fra­gen. Die Fra­ge, war­um Wel­pen spie­len, lohnt aber alle­mal.

Nach dem nie­der­län­di­schen Kul­tur­anthro­po­lo­gen Johan Hui­zin­ga ist das Spiel als »eine frei­wil­li­ge Hand­lung« defi­niert, »die inner­halb gewis­ser fest­ge­setz­ter Gren­zen […] nach frei­wil­lig ange­nom­me­nen, aber unbe­dingt bin­den­den Regeln ver­rich­tet wird, ihr Ziel in sich sel­ber hat und beglei­tet wird von einem Gefühl der Span­nung und Freu­de und einem Bewusst­sein des Anders­seins als das gewöhn­li­che Leben« (in: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kul­tur im Spiel, 1939). Für spie­len­de Wel­pen gilt die­se Defi­ni­ti­on in beson­de­rem Maße, denn im Spiel wird nicht nur die rich­ti­ge Aus­füh­rung der ange­bo­re­nen Ver­hal­tens­wei­sen ein­ge­übt – dazu zäh­len sowohl moto­ri­sche als auch kogni­ti­ve Fähig­kei­ten –, son­dern auch die Ver­hal­tens­re­geln des sozia­len Umgangs erlernt, ohne das ein mit­tel­ba­rer Ernst­be­zug gege­ben ist. Wenn sich zwei Wel­pen brum­mend gegen­über­sit­zen, sich bal­gen oder spie­le­risch so lan­ge in den Nacken bei­ßen, bis einer zu quiet­schen beginnt, bedeu­tet das also erst ein­mal bloß: hier wird gelernt – was erlaubt ist und was nicht.

13|03|2017 – Impressionen aus dem Welpenzimmer
13|03|2017 – Impres­sio­nen aus dem Wel­pen­zim­mer

Wäh­rend ich die bei­den Rüden dabei beob­ach­te, wie sie ver­gnügt über­ein­an­der kugeln – mal gewinnt der eine, mal der ande­re die Ober­hand –, macht sich eine der Hün­din­nen an dem schwar­zen Objek­tiv­de­ckel zu schaf­fen, den ich auf dem wei­ßen Laken habe lie­gen las­sen. Zuerst tippt sie die­sen zögernd mit den Pfo­ten an, weicht dann ein klei­nes Stück zurück, um schließ­lich den Vor­der­kör­per abzu­sen­ken und das abson­der­li­che Ding mit einem – zuge­ge­ben, noch nicht ganz aus­ge­wach­se­nen – Bel­len zu beden­ken. Der Deckel aber denkt gar nicht dar­an, die Spiel­auf­for­de­rung zu beant­wor­ten – infol­ge­des­sen bleibt er lie­gen und wird sich ande­ren Din­gen zuge­wandt: dem lee­ren Kaf­fee­be­cher mit dem blau­en Mus­ter, dem Radio, das gegen­über singt und rauscht, dem Bett, unter dem es sich zwi­schen Staub und Flu­sen gut ver­ste­cken lässt, und immer wie­der mei­nen Füßen. »Mit nicht ein­mal vier Wochen«, den­ke ich und wack­le mit den Zehen, »ist ein Wel­pe das größ­te, stärks­te, mutigs­te unter allen Tie­ren – Angst kennt er noch nicht, Aben­teu­er ist alles«. Und die gan­ze gro­ße, klei­ne Welt ein Spiel­platz.

© Johannes Willwacher