Aquarell eines Border Collie Welpen
23|05|2026 – Unser F-Wurf fei­ert sei­nen 7. Geburtstag

Unserem F-Wurf zum siebten Geburtstag: über das Beobachten und Beobachtet werden – und die Beziehung, die aus beidem entsteht.

Mit unge­fähr sie­ben Jah­ren beginnt man, sich Gedan­ken zu machen. Über Din­ge, die man frü­her für selbst­ver­ständ­lich hielt. Zum Bei­spiel über dich.

Frü­her dach­te ich, du hät­test alles im Griff. Wirk­lich alles. Du konn­test Türen öff­nen. Nicht nur eine, alle. Sogar die, die abge­schlos­sen waren. Du konn­test uns an Orte brin­gen, die nach Meer, Scha­fen oder Pom­mes rochen. Du konn­test Din­ge bestel­len, die dann plötz­lich vor der Haus­tür stan­den. Fut­ter. Spiel­zeug. Manch­mal voll­kom­men unnö­ti­ge Din­ge, von denen du behaup­tet hast, sie sei­en »im Ange­bot« gewe­sen. Du konn­test tele­fo­nie­ren und gleich­zei­tig kochen. Men­schen begrü­ßen, obwohl du gar kei­ne Lust dazu hat­test. Rech­nun­gen bezah­len. Kof­fer packen. Ent­schei­dun­gen treffen.

Ehr­lich gesagt war ich beein­druckt. Ziem­lich beein­druckt. Als ich jün­ger war, dach­te ich oft: Wenn irgend­et­was schief­geht, wirst du schon wis­sen, was zu tun ist. Und dann wur­dest du älter. Bezie­hungs­wei­se: Ich wur­de älter und begann, genau­er hinzusehen.

Du suchst Din­ge, die direkt vor dir lie­gen. Den Schlüs­sel. Die Bril­le. Die gute Lau­ne. Du sagst: »Heu­te gehen wir nur kurz«, und dann dau­ert der Spa­zier­gang plötz­lich doch zwei Stun­den, weil du an irgend­ei­nem Gar­ten­zaun ste­hen­bleibst und dich mit dem einen Nach­barn über den ande­ren unter­hältst. Du sagst, du seist müde, gehst aber trotz­dem nicht schla­fen. Du schaust auf die­ses leuch­ten­de Ding in dei­ner Hand und wirst danach manch­mal still. Manch­mal trau­rig. Manch­mal sagst du: »Alles gut«, obwohl offen­sicht­lich gar nicht alles gut ist.

Ich bin nicht sicher, ob du immer weißt, was du tust. Des­halb kom­me ich nach­se­hen, wenn du zu lan­ge im Bad bleibst. Des­halb schla­fe ich lau­ter, wenn du nachts wach liegst. Des­halb pas­se ich auf, dass du zwei­mal täg­lich an die fri­sche Luft kommst. Damit du Men­schen triffst. Und nicht zu lan­ge arbei­test. Zuge­ge­ben: ohne Druck geht das nicht. Ohne Starr­blick. Ohne Seuf­zen. Ohne die Pfo­te, die an der Haus­tür kratzt.

Mit unge­fähr sie­ben Jah­ren ver­steht man man­ches bes­ser. Zum Bei­spiel, dass Lie­be oft ziem­lich unprak­tisch aus­sieht. Dass sie manch­mal bedeu­tet, im Flur zu war­ten. Vor der Bade­zim­mer­tür zu lie­gen. Sich so auf dei­ne Füße zu set­zen, dass du zwar nicht mehr auf­ste­hen kannst — aber dafür auch nicht allein bist.

Viel­leicht, den­ke ich, hat­test du nie alles im Griff. Viel­leicht sah es nur von unten so aus. Aber viel­leicht war das auch nie ent­schei­dend. Weil viel wich­ti­ger war: Dass wir bei­de erstaun­lich wenig Ahnung haben, was wir tun — und es trotz­dem seit sie­ben Jah­ren gemein­sam versuchen.

© Johannes Willwacher