
Unserem F-Wurf zum siebten Geburtstag: über das Beobachten und Beobachtet werden – und die Beziehung, die aus beidem entsteht.
I always feel like
somebody’s watching me.
Rockwell (1983)
Mit ungefähr sieben Jahren beginnt man, sich Gedanken zu machen. Über Dinge, die man früher für selbstverständlich hielt. Zum Beispiel über dich.
Früher dachte ich, du hättest alles im Griff. Wirklich alles. Du konntest Türen öffnen. Nicht nur eine, alle. Sogar die, die abgeschlossen waren. Du konntest uns an Orte bringen, die nach Meer, Schafen oder Pommes rochen. Du konntest Dinge bestellen, die dann plötzlich vor der Haustür standen. Futter. Spielzeug. Manchmal vollkommen unnötige Dinge, von denen du behauptet hast, sie seien »im Angebot« gewesen. Du konntest telefonieren und gleichzeitig kochen. Menschen begrüßen, obwohl du gar keine Lust dazu hattest. Rechnungen bezahlen. Koffer packen. Entscheidungen treffen.
Ehrlich gesagt war ich beeindruckt. Ziemlich beeindruckt. Als ich jünger war, dachte ich oft: Wenn irgendetwas schiefgeht, wirst du schon wissen, was zu tun ist. Und dann wurdest du älter. Beziehungsweise: Ich wurde älter und begann, genauer hinzusehen.
Du suchst Dinge, die direkt vor dir liegen. Den Schlüssel. Die Brille. Die gute Laune. Du sagst: »Heute gehen wir nur kurz«, und dann dauert der Spaziergang plötzlich doch zwei Stunden, weil du an irgendeinem Gartenzaun stehenbleibst und dich mit dem einen Nachbarn über den anderen unterhältst. Du sagst, du seist müde, gehst aber trotzdem nicht schlafen. Du schaust auf dieses leuchtende Ding in deiner Hand und wirst danach manchmal still. Manchmal traurig. Manchmal sagst du: »Alles gut«, obwohl offensichtlich gar nicht alles gut ist.
Ich bin nicht sicher, ob du immer weißt, was du tust. Deshalb komme ich nachsehen, wenn du zu lange im Bad bleibst. Deshalb schlafe ich lauter, wenn du nachts wach liegst. Deshalb passe ich auf, dass du zweimal täglich an die frische Luft kommst. Damit du Menschen triffst. Und nicht zu lange arbeitest. Zugegeben: ohne Druck geht das nicht. Ohne Starrblick. Ohne Seufzen. Ohne die Pfote, die an der Haustür kratzt.
Mit ungefähr sieben Jahren versteht man manches besser. Zum Beispiel, dass Liebe oft ziemlich unpraktisch aussieht. Dass sie manchmal bedeutet, im Flur zu warten. Vor der Badezimmertür zu liegen. Sich so auf deine Füße zu setzen, dass du zwar nicht mehr aufstehen kannst — aber dafür auch nicht allein bist.
Vielleicht, denke ich, hattest du nie alles im Griff. Vielleicht sah es nur von unten so aus. Aber vielleicht war das auch nie entscheidend. Weil viel wichtiger war: Dass wir beide erstaunlich wenig Ahnung haben, was wir tun — und es trotzdem seit sieben Jahren gemeinsam versuchen.



© Johannes Willwacher