
Das Berufsbild des Border Collies hat sich in den vergangenen hundert Jahren erheblich erweitert. Im Kleingedruckten steht allerdings noch immer dasselbe.
Career opportunities are the ones that never knock.
The Clash (1977)
Der Border Collie ist ein Hütehund. Das klingt zunächst nach einer vollkommen überflüssigen Information, ungefähr so wie der Hinweis, dass ein Dackel eher länglich ist oder Wasser bei entsprechender Nutzung nass sein kann.
Trotzdem kann man es gelegentlich vergessen. Das liegt vermutlich daran, dass sich die Berufsbeschreibung des Border Collies in den vergangenen hundert Jahren erheblich erweitert hat. Heute arbeitet er als Agilityhund, Obediencehund, Rettungshund, Mantrailer, Therapiehund, Ausstellungshund und gelegentlich als hoch spezialisierter Mitarbeiter für die Überwachung von Eichhörnchen am Gartenzaun. Manche verwalten Tennisbälle. Andere haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Menschen darauf hinzuweisen, dass es 18.03 Uhr ist und das Abendessen bislang nicht stattgefunden hat.
Ursprünglich war die Sache übersichtlicher. Da waren Schafe. Sie standen an einem Ort, an dem sie nicht stehen sollten, und der Border Collie hatte dafür zu sorgen, dass sie anschließend an einem anderen Ort standen. Dafür brauchte es Ausdauer, Geschwindigkeit, Intelligenz, eine gewisse Bereitschaft zur Zusammenarbeit und jene besondere Art, andere Lebewesen allein durch einen Blick davon zu überzeugen, ihre bisherigen Lebensentscheidungen noch einmal grundsätzlich zu überdenken.
Über Generationen wurde genau danach selektiert. Nicht danach, ob die weiße Halskrause symmetrisch war. Nicht danach, ob jemand besonders elegant um einen roten Plastikkegel laufen konnte. Und ziemlich sicher hat sich kein Schäfer in den schottischen Borders seinen Hund angesehen und gedacht: Ein bisschen mehr Vorbrust wäre schön.
Das Interessante an alten Berufsbeschreibungen ist allerdings, dass sie nicht automatisch verschwinden, nur weil die meisten Stellen inzwischen anderweitig besetzt wurden. Sie stehen noch irgendwo im Kleingedruckten. In Abstammungen, Bewegungsmustern, Reaktionen. Manchmal deutlicher, manchmal kaum noch lesbar. Und natürlich genügt es nicht, »Border Collie« auf einen Hund zu schreiben und anschließend darauf zu warten, dass er weiß, was mit zweihundert Schafen zu tun ist. Talent ersetzt keine Ausbildung. Herkunft keine Erfahrung. Und Instinkt ist noch lange keine fertige Gebrauchsanweisung.
Vielleicht ist es gerade deshalb schön, wenn ein Border Collie Gelegenheit bekommt, sich mit seiner ursprünglichen Berufsbeschreibung tatsächlich zu beschäftigen.
Leev hat diese Gelegenheit schon früh bekommen: Bei Sandra gehören Schafe und Ziegen zum Alltag, ihr Interesse daran war früh erkennbar und wurde seither im Training weiterentwickelt. Gestern gab es dafür in Blankenheim unter Richter Horst Ludwig (FCI/CfBrH) nun auch den ersten offiziellen Haken: Broadmeadows Love Shine a Light hat ihren NHAT bestanden.
Herzlichen Glückwunsch, Leev – und natürlich auch Sandra.



© Johannes Willwacher