
Unserem G-Wurf zum siebten Geburtstag: Über Menschen in Flugzeugen – und die Frage, wie aus gewöhnlichen Tagen irgendwann sieben Jahre werden.
Am 1. Oktober werde ich vermutlich irgendwo über dem Atlantik sitzen. Genauer lässt sich das im Augenblick nicht sagen. Zunächst fliege ich von Little Rock nach Dallas, dann von Dallas nach Frankfurt, wobei »nach Frankfurt« bei einem Transatlantikflug eine ziemlich großzügige Ortsangabe ist. Die meiste Zeit ist man schließlich nicht auf dem Weg nach Frankfurt, sondern über Arkansas, Tennessee, Virginia, dem Atlantik, Irland oder sonst irgendwo, wo unten Dinge geschehen, von denen man in Reihe 23 nichts mitbekommt.
Unser G-Wurf wird an diesem Tag sieben Jahre alt.
Das ist praktisch, weil ein Geburtstag zu den wenigen Ereignissen gehört, für die man nicht persönlich anwesend sein muss. Die Erde erledigt das. Sie braucht ungefähr 365 Tage, um einmal um die Sonne zu fliegen, und wenn sie siebenmal an einer bestimmten Stelle vorbeigekommen ist, schreiben Menschen »Alles Gute zum siebten Geburtstag« unter Fotos von Hunden, die von der ganzen Sache nichts wissen.
Hunde sind in dieser Hinsicht beneidenswert. Keiner von ihnen wird morgens aufwachen und denken: sieben. Keiner wird sich fragen, ob sieben viel ist. Ob man mit sieben nicht langsam vernünftiger werden müsste. Ob die Zeit schnell vergangen ist. Und ganz sicher wird keiner ausrechnen, wie viele Jahre ihm statistisch noch bleiben könnten, weil Statistik eine der vielen Möglichkeiten ist, mit denen Menschen es schaffen, sich einen schönen Tag zu ruinieren.
Für einen Hund ist der 1. Oktober zunächst ein Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag – wobei auch das schon eine menschliche Unterstellung ist. Für einen Hund ist der 1. Oktober morgens. Dann vielleicht raus. Dann Futter. Jemand kommt nach Hause. Jemand sagt seinen Namen. Irgendwo fällt etwas Essbares auf den Boden.
Wenn in Deutschland der 1. Oktober beginnt, ist in Little Rock noch der 30. September. Wenn der G-Wurf in Deutschland sieben Jahre alt wird, bin ich also streng genommen noch in einem Land unterwegs, in dem er sechs ist. Später werde ich in Dallas in ein Flugzeug steigen, irgendwo über dem Atlantik mehrere Stunden verlieren und in Frankfurt in einer Zukunft aussteigen, die dort längst begonnen hat. Natürlich gehen die Stunden nicht wirklich verloren. Sie werden nur auf einer Uhr übersprungen.
Das weiß man. Es hilft erstaunlich wenig. Denn vielleicht ist Zeit überhaupt vor allem das: etwas, von dem wir sehr genau wissen, wie es funktioniert, und trotzdem regelmäßig überrascht sind, dass sie vergangen ist. Sieben Jahre zum Beispiel.
Am 1. Oktober 2019 lagen da sechs sehr kleine Hunde, deren Leben gerade erst angefangen hatte. Sechs Körper, in die noch alles hineinpasste: Menschen, Wohnungen, Urlaube, Krankheiten, Lieblingsplätze, schlechte Angewohnheiten, Autofahrten, Sonntage, Tierarztwartezimmer, Bälle, Sofas und jene vollkommen unspektakulären Abende, an denen ein Hund irgendwo im Zimmer schläft und niemand auf die Idee kommt, dass genau das einmal Erinnerung sein wird.
Das ist vermutlich der eigentliche Trick. Die wichtigen Dinge kündigen sich selten als wichtige Dinge an. Niemand sagt: Achtung, dies ist einer der Abende, an die du später zurückdenken wirst. Niemand macht ein Foto davon, wie ein Hund zum dreitausendsten Mal in seinem Körbchen liegt. Man fotografiert Geburtstage, Ausstellungen, Urlaube, Schnee. All das, was sich besonders anfühlt. Und dazwischen findet das Leben statt, ohne sich besonders um Dokumentation zu bemühen.
Vielleicht feiern wir deshalb Geburtstage. Nicht weil sich in dieser Nacht um null Uhr irgendetwas verändert. Sondern weil man gelegentlich eine Markierung braucht. Einen Punkt, an dem man kurz stehen bleibt und sich umdreht.
Sieben Jahre. Ich werde mich an diesem Punkt ausgerechnet mit ungefähr 900 Kilometern pro Stunde vorwärtsbewegen. Das ist entweder eine sehr schlechte Metapher oder eine sehr, sehr gute. Während irgendwo unter mir der Atlantik liegt und auf einem kleinen Bildschirm ein Flugzeug Zentimeter für Zentimeter Richtung Europa rückt, werden sechs Hunde ihren Tag verbringen. Wahrscheinlich ohne jede Ahnung davon, dass sie Geburtstag haben. Hoffentlich mit Menschen, die es wissen.
Und irgendwann lande ich in Frankfurt. Dann ist dort schon der 2. Oktober. Die Uhren zeigen wieder dieselbe Zeit wie die Menschen um mich herum. Mein Körper wird anderer Meinung sein. Der Atlantik liegt wieder hinter mir. Sieben Jahre liegen hinter dem G-Wurf.
Und beides klingt nach einer viel größeren Entfernung, als es sich anfühlt.



© Johannes Willwacher