Aquarellierte Bleistiftzeichnung eines Border Collie Welpen
01|10|2026 – Unser G-Wurf fei­ert sei­nen 7. Geburtstag

Unserem G-Wurf zum siebten Geburtstag: Über Menschen in Flugzeugen – und die Frage, wie aus gewöhnlichen Tagen irgendwann sieben Jahre werden.

Am 1. Okto­ber wer­de ich ver­mut­lich irgend­wo über dem Atlan­tik sit­zen. Genau­er lässt sich das im Augen­blick nicht sagen. Zunächst flie­ge ich von Litt­le Rock nach Dal­las, dann von Dal­las nach Frank­furt, wobei »nach Frank­furt« bei einem Trans­at­lan­tik­flug eine ziem­lich groß­zü­gi­ge Orts­an­ga­be ist. Die meis­te Zeit ist man schließ­lich nicht auf dem Weg nach Frank­furt, son­dern über Arkan­sas, Ten­nes­see, Vir­gi­nia, dem Atlan­tik, Irland oder sonst irgend­wo, wo unten Din­ge gesche­hen, von denen man in Rei­he 23 nichts mitbekommt.

Unser G-Wurf wird an die­sem Tag sie­ben Jah­re alt.

Das ist prak­tisch, weil ein Geburts­tag zu den weni­gen Ereig­nis­sen gehört, für die man nicht per­sön­lich anwe­send sein muss. Die Erde erle­digt das. Sie braucht unge­fähr 365 Tage, um ein­mal um die Son­ne zu flie­gen, und wenn sie sie­ben­mal an einer bestimm­ten Stel­le vor­bei­ge­kom­men ist, schrei­ben Men­schen »Alles Gute zum sieb­ten Geburts­tag« unter Fotos von Hun­den, die von der gan­zen Sache nichts wissen.

Hun­de sind in die­ser Hin­sicht benei­dens­wert. Kei­ner von ihnen wird mor­gens auf­wa­chen und den­ken: sie­ben. Kei­ner wird sich fra­gen, ob sie­ben viel ist. Ob man mit sie­ben nicht lang­sam ver­nünf­ti­ger wer­den müss­te. Ob die Zeit schnell ver­gan­gen ist. Und ganz sicher wird kei­ner aus­rech­nen, wie vie­le Jah­re ihm sta­tis­tisch noch blei­ben könn­ten, weil Sta­tis­tik eine der vie­len Mög­lich­kei­ten ist, mit denen Men­schen es schaf­fen, sich einen schö­nen Tag zu ruinieren.

Für einen Hund ist der 1. Okto­ber zunächst ein Diens­tag, Mitt­woch oder Don­ners­tag – wobei auch das schon eine mensch­li­che Unter­stel­lung ist. Für einen Hund ist der 1. Okto­ber mor­gens. Dann viel­leicht raus. Dann Fut­ter. Jemand kommt nach Hau­se. Jemand sagt sei­nen Namen. Irgend­wo fällt etwas Ess­ba­res auf den Boden.

Wenn in Deutsch­land der 1. Okto­ber beginnt, ist in Litt­le Rock noch der 30. Sep­tem­ber. Wenn der G-Wurf in Deutsch­land sie­ben Jah­re alt wird, bin ich also streng genom­men noch in einem Land unter­wegs, in dem er sechs ist. Spä­ter wer­de ich in Dal­las in ein Flug­zeug stei­gen, irgend­wo über dem Atlan­tik meh­re­re Stun­den ver­lie­ren und in Frank­furt in einer Zukunft aus­stei­gen, die dort längst begon­nen hat. Natür­lich gehen die Stun­den nicht wirk­lich ver­lo­ren. Sie wer­den nur auf einer Uhr übersprungen.

Das weiß man. Es hilft erstaun­lich wenig. Denn viel­leicht ist Zeit über­haupt vor allem das: etwas, von dem wir sehr genau wis­sen, wie es funk­tio­niert, und trotz­dem regel­mä­ßig über­rascht sind, dass sie ver­gan­gen ist. Sie­ben Jah­re zum Beispiel.

Am 1. Okto­ber 2019 lagen da sechs sehr klei­ne Hun­de, deren Leben gera­de erst ange­fan­gen hat­te. Sechs Kör­per, in die noch alles hin­ein­pass­te: Men­schen, Woh­nun­gen, Urlau­be, Krank­hei­ten, Lieb­lings­plät­ze, schlech­te Ange­wohn­hei­ten, Auto­fahr­ten, Sonn­ta­ge, Tier­arzt­war­te­zim­mer, Bäl­le, Sofas und jene voll­kom­men unspek­ta­ku­lä­ren Aben­de, an denen ein Hund irgend­wo im Zim­mer schläft und nie­mand auf die Idee kommt, dass genau das ein­mal Erin­ne­rung sein wird.

Das ist ver­mut­lich der eigent­li­che Trick. Die wich­ti­gen Din­ge kün­di­gen sich sel­ten als wich­ti­ge Din­ge an. Nie­mand sagt: Ach­tung, dies ist einer der Aben­de, an die du spä­ter zurück­den­ken wirst. Nie­mand macht ein Foto davon, wie ein Hund zum drei­tau­sends­ten Mal in sei­nem Körb­chen liegt. Man foto­gra­fiert Geburts­ta­ge, Aus­stel­lun­gen, Urlau­be, Schnee. All das, was sich beson­ders anfühlt. Und dazwi­schen fin­det das Leben statt, ohne sich beson­ders um Doku­men­ta­ti­on zu bemühen.

Viel­leicht fei­ern wir des­halb Geburts­ta­ge. Nicht weil sich in die­ser Nacht um null Uhr irgend­et­was ver­än­dert. Son­dern weil man gele­gent­lich eine Mar­kie­rung braucht. Einen Punkt, an dem man kurz ste­hen bleibt und sich umdreht.

Sie­ben Jah­re. Ich wer­de mich an die­sem Punkt aus­ge­rech­net mit unge­fähr 900 Kilo­me­tern pro Stun­de vor­wärts­be­we­gen. Das ist ent­we­der eine sehr schlech­te Meta­pher oder eine sehr, sehr gute. Wäh­rend irgend­wo unter mir der Atlan­tik liegt und auf einem klei­nen Bild­schirm ein Flug­zeug Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter Rich­tung Euro­pa rückt, wer­den sechs Hun­de ihren Tag ver­brin­gen. Wahr­schein­lich ohne jede Ahnung davon, dass sie Geburts­tag haben. Hof­fent­lich mit Men­schen, die es wissen.

Und irgend­wann lan­de ich in Frank­furt. Dann ist dort schon der 2. Okto­ber. Die Uhren zei­gen wie­der die­sel­be Zeit wie die Men­schen um mich her­um. Mein Kör­per wird ande­rer Mei­nung sein. Der Atlan­tik liegt wie­der hin­ter mir. Sie­ben Jah­re lie­gen hin­ter dem G-Wurf.

Und bei­des klingt nach einer viel grö­ße­ren Ent­fer­nung, als es sich anfühlt.

© Johannes Willwacher