26|12|2011 – Ida’s ers­ter Geburts­tag

Ida’s erster Geburtstag – ein Wintermärchen ganz ohne Schnee. Oder zumindest: Ohne echten …

Als du gebo­ren wur­dest, waren Wald und Wie­sen tief ver­schneit. Dicht an dei­ne Mut­ter gedrückt ver­schliefst du die ers­ten Wochen – nur um dann und wann auf­zu­wa­chen, dem Hun­ger fol­gend, und dich noch ein wenig tie­fer in das wär­men­de Fell zu gra­ben. Was magst du gedacht haben als die Augen­schlit­ze, so gut und fest ver­schlos­sen, sich zöger­lich öff­ne­ten und offen­bar­ten, dass hin­ter dem Herz­schlag dei­ner Mut­ter eine gan­ze Welt – zuerst noch mil­chig trüb – dar­auf war­te­te ent­deckt zu wer­den? Strei­cheln­de Hän­de, Spiel­zeug – und Schnee? Weit, ganz weit, hat­test du die klei­nen Augen auf­ge­ris­sen – mehr erstaunt, als ent­setzt – als du den ers­ten Schritt in die Welt vor dem Fens­ter wag­test, immer mutig vor­an. Du bliebst ganz ruhig, wäh­rend dei­ne Brü­der win­sel­ten und jaul­ten, und steck­test dei­ne Nase noch ein wenig tie­fer in das glit­zern­de, wei­ße Unbe­kann­te …

Vor eini­gen Wochen fiel der ers­te Schnee. Lei­se Flo­cken, die sich flüs­ternd eine Schlaf­statt such­ten – nur weni­ge erst, dann pol­ter­te es aus sturm­schwan­ge­ren Wol­ken. Du hat­test das Gewit­ter lan­ge vor mir gehört, das Grol­len und Knur­ren, und dei­ne Nase keck in den Wind gehal­ten, der die Flo­cken wild, wie aus tau­send Feder­bet­ten, tan­zen ließ. Weit, ganz weit hat­test du die Augen auf­ge­ris­sen – mehr ent­setzt, als erstaunt – dei­ne Zäh­ne noch immer tief in das wei­che Feder­bett ver­gra­ben, als sich die Tür zum Schlaf­zim­mer öff­ne­te. Federn, fein und weiß, stie­ben durch den Spalt und mir ins Gesicht. »Man ver­passt so viel, wenn man kei­ne Hun­de hat«, dach­te ich, wäh­rend ich dem hand­tel­ler­gro­ßen Loch in mei­ner Bett­de­cke mit Nadel und Faden zu Lei­be rück­te. Frau Hol­le unter­des drück­te bei­de Augen zu: Nichts sehen, nichts hören – nichts gewe­sen.

Zwölf Mona­te, ein gan­zes Jahr. Dein ers­ter Geburts­tag muss ohne Schnee aus­kom­men. Statt sei­ner tut es viel­leicht auch ein vier­stim­mi­ges Staub­sauger­kon­zert – und ein sei­fi­ges Stac­ca­to von Sprüh­fla­schen. So wie die Lie­be zum Schnee, scheint dir jene zu jeder Art von Putz­ge­rät wohl­weis­lich in die Wie­ge gelegt wor­den zu sein – schon als Wel­pe ver­folg­test du mit wachem Blick jeden Schritt, den die Frau auf der ande­ren Sei­te des Git­ters mit Schwamm­tuch, Schrub­ber und Staub­sauger tat. »Ein ordent­li­ches Mäd­chen«, sag­te die­se Frau, dei­ne Züch­te­rin. Alles, was ich mir wün­schen konn­te – freund­lich, freu­dig, auf­merk­sam – sage ich. Ein Schnee­kö­nig, wer dich hat.

© Johannes Willwacher