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29. Mai 2012
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29. Juni 2026
Aquarellierte Bleistiftzeichung zweier Border Collie Welpen, Schattenwurf einer verblühten Pflingstrose

Die Gesellschaft der Abwesenden

26. Juni 2026

© Johannes Willwacher

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    Dirk Eulberg

    Dirk Eulberg (*1972)
    Erzie­her in einem Kin­der- und Jugend­heim (Cari­tas)

    Ich arbei­te in einem Kin­der- und Jugend­heim. Die Hun­de sind dort Teil des All­tags – sie kom­men mit, wenn sie möch­ten (oder bes­ser: wenn ich es möchte).

    Mei­ne kyno­lo­gi­schen Kennt­nis­se? Sind eher am Aus­stel­lungs­ring ori­en­tiert. Ich kann lau­fen, stel­len und die Hun­de im Ring gut aus­se­hen las­sen – meis­tens jeden­falls. Alles, was dar­über hin­aus­geht – Stamm­bäu­me, Gene­tik, Wel­pen­an­fra­gen – über­las­se ich ger­ne ande­ren. Das hat sich bewährt. Und bis­lang auch nicht geschadet.

    Genau­so wie der küh­le Kopf, den ich auch dann behal­te, wenn es unter der Geburt ein­mal hek­tisch wird.

    Johannes Willwacher

    Johannes Willwacher

    Johannes Willwacher (*1979)
    Diplom-Desi­gner und neben­be­ruf­li­cher Fotograf

    Seit fast zwan­zig Jah­ren arbei­te ich in einer Wer­be­agen­tur in Frank­furt am Main – inzwi­schen aber fast aus­schließ­lich im Home Office, was weni­ger mit mir als mit den Hun­den zu tun hat.

    Ich schrei­be, gestal­te und foto­gra­fie­re also – auch das, was es hier zu lesen und zu sehen gibt. Gleich­zei­tig bin ich der­je­ni­ge, der unse­re Wür­fe plant – der viel­leicht ein biss­chen mehr kyno­lo­gi­sches Fach­wis­sen mit­bringt –, und am Ende auch der­je­ni­ge, der ent­schei­det, wer einen unse­rer Wel­pen mit nach Hau­se neh­men darf.

    Seit 2022 bin ich 1. Vor­sit­zen­der der Lan­des­grup­pe Hes­sen im Club für bri­ti­sche Hüte­hun­de e.V., seit 2025 außer­dem 1. Vor­sit­zen­der des VDH Lan­des­ver­bands Hes­sen e.V. Wenn irgend­wo Ver­ant­wor­tung ver­teilt wird, hebe ich offen­bar ganz ger­ne die Hand.

  • Kontakt
    Johannes Willwacher u. Dirk Eulberg
    Bahnhofstraße 32 | 56477 Rennerod
    Telefon 02664 9116406 (ab 19 Uhr)
    Mobil 0171 5138103
    info@broadmeadows.de
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Broad­mitt­wochs #15 Letz­te Woche ist es mir aufge Broadmittwochs #15 

Letzte Woche ist es mir aufgefallen. Keine große Erkenntnis. Eher wie ein offener Schnürsenkel, den man beim Laufen bemerkt. »Aha«, und man bückt sich. Bindet eine neue Schleife. Denkt vielleicht noch darüber nach, dass man auch mal ein paar neue Schuhe brauchen könnte. Und läuft weiter. 

Mit der WM war das ganz ähnlich. Das nicht, weil mich Fußball nicht interessiert – auch wenn ich vermutlich jedes Gesprächsthema der Abseitsregel vorziehen würde. Nein – eher, weil ich dem Umstand, mir Sport im Fernsehen anzuschauen, herzlich wenig abgewinnen kann. 

Ich bin mit Boris und Steffi aufgewachsen – und wahrscheinlich hat meine Mutter in den achtziger Jahren so ziemlich jedes Match der beiden geschaut. Stundenlang lief der Fernseher, auch ohne dass jemand hinschaute – und auch heute noch wache ich nachts manchmal auf und meine, dass irgendwer irgendwo »Love Thirty!« ruft. 

Ich habe Michael Schumacher eine um die andere Runde auf dem Nürburgring drehen sehen. War dabei, als Ayrton Senna beim großen Preis von San Marino verunglückte. Ich habe Gold gesehen, Silber und Bronze. Und gehört, wie meine Mutter seufzte: »Der Jürgen Klinsmann, das ist schon ein ganz feiner Kerl«. 

Interessiert hat mich das, wie gesagt, alles nicht. Weil sich Sport vor dem Fernseher ein bisschen wie Petting anfühlt. Man ist da, aber nicht drin. Man fiebert mit, könnte aber genauso gut die Wäsche machen. Den Einkaufszettel schreiben. Oder mit den Hunden rausgehen. 

Sport im Fernsehen wäre für mich nur dann wirklich interessant, wenn es sowas wie »Dog Show TV« gäbe. Den ganzen Tag Hunde, die im Kreis laufen, und Handler, die sich schnell noch die richtige Startnummer ans Jackett heften – ich wäre sowas von dabei! 

Das letzte Spiel der deutschen Mannschaft habe ich dann aber doch gesehen. Meine Mutter wahrscheinlich auch. Mein Verhältnis zum Fernsehfußball hat sich dadurch aber nicht nachhaltig verbessert. Eher im Gegenteil. Aber ich habe verstanden, warum ich den Ausstellungsring bevorzuge: Auch dort laufen alle im Kreis – allerdings wirkt dort wenigstens jeder, als wüsste er, wohin.
CACIB Aar­au 2026 Im Som­mer scheint d’Sonne, im W CACIB Aarau 2026

Im Sommer scheint d’Sonne, 
im Winter da schneit’s.
Vico Torriani (1974)

Vico Torriani hat 1974 vermutlich nicht an Hundeausstellungen gedacht, als er diese Zeilen sang. Wahrscheinlich dachte er überhaupt nicht besonders angestrengt nach. Es ist ja gerade das Schöne an Schlagern, dass sie Wahrheiten so unverschämt schlicht aussprechen, dass man erst einmal lachen muss, bevor man merkt, dass sie stimmen.

Im Sommer ist es heiß. Im Winter ist es kalt. Manchmal regnet es. Manchmal schneit es. Und manchmal tut das Wetter leider nicht das, was einem selbst, dem eigenen Hund, dem Veranstalter, dem Richter oder dem frisch geföhnten Fell am besten passen würde. Also redet man über Verantwortung. Oder besser: wer welchen Teil davon zu tragen hat.

Natürlich hat ein Veranstalter Verantwortung. Niemand, der selbst Ausstellungen organisiert, wird das bestreiten. Wer eine Veranstaltung im Sommer plant, muss Hitze einkalkulieren. Muss Schatten schaffen, Wasser bereitstellen, Abläufe anpassen – und im Zweifel Entscheidungen treffen, die nicht jedem gefallen. Ein Veranstalter kann sich nicht hinstellen und sagen: Ende Juni, wer konnte denn ahnen, dass es warm wird?

Aber dasselbe gilt auch eben auch für den Aussteller. Wer meldet, meldet nicht in einen wetterlosen Raum hinein. Er meldet im Kalender. In einer Jahreszeit. An einem Ort. Mit einem Hund, den er kennt oder zumindest kennen sollte. Er weiß, ob dieser Hund Hitze gut verträgt, ob er entspannt wartet, ob er Schatten sucht oder sich lieber mitten in die Sonne legt wie ein Toastbrot mit Stammbaum. Wer die Bedingungen trotz allem für nicht vertretbar hält, bleibt eben zuhause. 

Am Ende bleibt es dabei: Im Sommer scheint d’Sonne, im Winter da schneit’s. Und wer verantwortliche Entscheidungen treffen muss, der trifft sie. Joey und Karma haben in Aarau trotz der schweißtreibenden Temperaturen alle Bedingungen für den Schweizer Schönheits-Champion erfüllt. Und wenn die Schweizer am vergangenen Wochenende eines bewiesen haben, dann wohl, dass man eine Hundeausstellung auch bei 35 Grad verantwortungsvoll durchführen kann.
Die Gesell­schaft der Abwe­sen­den Unse­rem B-Wurf zu Die Gesellschaft der Abwesenden

Unserem B-Wurf zum dreizehnten Geburtstag: über Erinnerung, Zeit und die Kunst, nach dem Zählen der Fehlenden die Anwesenden nicht zu vergessen.

The drum beats out of time.
Cyndi Lauper (1983)
Broad­mitt­wochs #14 Um fünf wird aus der Gruft für Broadmittwochs #14

Um fünf wird aus der Gruft für zwei Stunden wieder ein Zuhause. Danach werden die Fenster wieder geschlossen, die Rolläden heruntergelassen – und drinnen ist es wieder so dunkel, dass man nicht nur über die Hunde fällt, wenn sie im Weg herum liegen. Der Ventilator surrt, die Hunde hecheln. Und Graf Dracula denkt sich, dass so nun einmal der Sommer klingt. Nicht wie Freibad. Nicht wie »Ice in the Sunshine«. Sondern wie der Gesang der Jünglinge im Feuerofen. »Ihr wollt da gar nicht raus«, raunt der Graf also den Hunden zu, während er den Sargdeckel schon wieder schließen möchte – weiß aber längst, dass dieselben das völlig anders sehen.

Nach fünfzehn Minuten möchte ich testamentarisch verfügen, dass meine Asche in einem Planschbecken verstreut wird. Dabei ist es noch nicht einmal halb acht. Dabei beobachte ich tagtäglich, dass sich andere Menschen mit ihren Hunden selbst in der größten Mittagshitze heraus wagen. 

Während ich verstohlen durch die dünnen Schlitze der Rolläden blinzle – in der Gruft hat man ja sonst nichts zu tun –, sehe ich immer wieder jemanden mit Hund die Straße herauf kommen. Denke an Asphalt. An nackte Pfoten. Und dann wieder an den Gesang der Jünglinge im Feuerofen. Und nehme mir selbst vor, morgen noch eine halbe Stunde früher aufzustehen.

Vielleicht haben die Geschichten also unrecht. Vielleicht fürchten Vampire das Sonnenlicht gar nicht. Vielleicht finden sie es bloß lästig. Vielleicht sitzen sie den ganzen Sommer über hinter heruntergelassenen Rolläden, lauschen dem Surren eines Ventilators und warten darauf, dass irgendjemand den Herbst einschaltet.

Ich höre Stockhausen, bis dahin.
Broad­mitt­wochs #13 Heu­te Mor­gen bin ich mit einem Broadmittwochs #13

Heute Morgen bin ich mit einem Ohrwurm aufgewacht. Einem, der über dreißig Jahre unbemerkt zwischen binomischen Formeln und adverbialen Bestimmungen geschlummert haben muss – denn ungefähr genau so lange habe ich an ihn nicht mehr gedacht. »Alle waren Sieger, auch wenn einer nur gewinnen kann.« Ich muss zehn, vielleicht elf Jahre alt gewesen sein, als die Mini Playback Show zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Und aus welchem Grund auch immer, ist sie seit heute Morgen wieder auf Sendung. »Hier kommt jeder, der was kann auch dran!« An mehr kann ich mich nicht erinnern. 

Den Ohrwurm stört das nicht. Selbstbewusst lässt er die beiden Zeilen in Endlosschleife rotieren. Beim Kaffeekochen, beim Zähneputzen, beim Schuhe anziehen. Und ganz sicher wird er mich auch noch begleiten, wenn ich gleich mit den Hunden rausgehe. »Hallo, aber hallo!« Marijke Amado sitzt in meinem Unterbewusstsein. Und sie geht einfach nicht mehr weg.

Vielleicht, denke ich, möchte mir mein Unterbewusstsein damit aber auch etwas ganz anderes sagen. Vielleicht, dass es nichts bringt, sich über Dinge aufzuregen, von denen man ziemlich genau weiß, dass sie nicht mehr weggehen werden. Ohrwürmer. Die Neunziger. Oder ChatGPT. 

In den letzten Monaten habe ich erstaunlich viele Texte gelesen, die sich anfühlen wie die Mini Playback Show. Sie sind freundlich, flüssig, völlig überzeugend vorgetragen. Tun schlussendlich aber nur so als ob. Sie tragen Schuhe, die zu groß sind. Perücken, die nicht sitzen. Und haben statt der eigenen Stimme nur eine, die vom Band kommt. 

Inzwischen scheint es oft zu genügen, dass etwas professionell aussieht. Da werden Texte veröffentlicht, die niemand mehr fachlich geprüft hat. Grafiken geteilt, auf denen Hunderassen aussehen wie ihre entfernten Verwandten. Logos verstümmelt. Jahreszahlen vertauscht. Alles sieht ganz hervorragend aus, steckt aber trotzdem voller Fehler. 

Also sitze ich heute Morgen hier und frage: Wer rettet mich vor Marijke Amado? Und wer – »Hallo, aber hallo!« – rettet die Verbandskommunikation?
Broad­mitt­wochs #12 Ken­nen Sie das auch? Wenn man Broadmittwochs #12

Kennen Sie das auch? Wenn man mich nach dem Alter meiner Hunde fragt, fällt es mir nicht schwer, dasselbe zu benennen – beinahe bis auf den Tag genau. Werde ich aber danach gefragt, wie alt ich selbst bin, werde ich nur stutzig. Ich muss überlegen, nachrechnen – und schüttle am Ende dieser Rechnung zumeist ziemlich ungläubig den Kopf. So alt bin ich doch gar nicht. Bin ich nicht? Oder vielleicht: doch?

Vielleicht ist das ein Hundehalterproblem. Ich könnte Ihnen spontan sagen, wann welcher Hund das erste Mal die Treppe allein heruntergelaufen ist. Wer wann seinen ersten Zahn verloren hat. Wann welcher Hund plötzlich Angst vor Mülltonnen entwickelte. Oder vor Männern mit Hüten. Oder vor exakt diesem einen Blumenkübel im Hof, der schon immer dort steht, urplötzlich aber hochgradig verdächtig erschien.

Ich weiß noch genau, wann welcher Hund beschloss, kein Regenwesen mehr zu sein. Wer plötzlich auf nassem Gras stand wie eine viktorianische Dame ohne geeignete Schuhe. Aber mein eigenes Alter? Keine Ahnung.

Es gibt Menschen, die sagen Sätze wie: »Mit Mitte vierzig verändert sich der Stoffwechsel.« Ich hingegen denke: Moment – bin ich Mitte vierzig? Und dann rechne ich nach wie jemand, der in der Schule Mathe nur besucht hat, weil Anwesenheitspflicht bestand.

Womöglich liegt das Problem woanders. Irgendwann hört man offenbar auf, Zeit in Jahren zu messen. Man denkt nicht mehr: Das war 2019. Sondern: »Da lebte die alte Hündin noch.« Oder: »Das war kurz bevor die Welpen geboren wurden.« Und während man selbst innerlich noch ungefähr zweiunddreißig ist, schaut einen plötzlich eine graue Schnauze an. Oder schlimmer: ein junger Hund, der einen erwartungsvoll ansieht, während man selbst kurz überlegt, ob man sich vor dem Spaziergang nicht doch erst noch einmal setzen sollte.

Vielleicht altern Hundehalter deshalb so irritiert. Weil die Hunde höflich genug sind, das für uns sichtbar zu übernehmen. Bis man irgendwann merkt: Der Hund ist alt geworden. Und man selbst offenbar heimlich mit.
Broad­mitt­wochs #11 Ich den­ke an Posi­ta­no. An die Broadmittwochs #11

Ich denke an Positano. An die blauen Kuppeln von Santorin. An all die anderen Orte, die man schon tausendmal gesehen hat, obwohl man noch nie dort war. 

Man kennt die Kulisse, kennt das Panorama – meint womöglich fast schon zu wissen, wie man sich fühlen würde, wenn man selbst einmal dort stünde. Weil die gleiche Szene auf Social Media immer wieder auftaucht. Als Kopie der Kopie einer Kopie. Als hätte jemand beschlossen, aus einem Geheimnis eine Sehenswürdigkeit zu machen. Und plötzlich stehen dreitausend andere mit dem gezückten Smartphone davor.

»Wo ist das? Da müssen wir unbedingt auch einmal hin!« 

Vielleicht lebt das Schöne tatsächlich von einer gewissen Verborgenheit. Davon, dass nicht alles vollständig sichtbar, vollständig verfügbar und sofort konsumierbar ist. Dass man irgendwo sitzen kann, ohne darüber nachzudenken, dass schon der Nächste auf die Aussicht wartet. Auf das Luftanhalten. Auf das Prickeln auf der Haut. Auf das Wasser, das von allen Seiten spritzt.

Und dann denke ich an diesen Ort. Eine größere Pfütze, irgendwo im Westerwald. Und daran, dass man nicht alles teilen muss. Keinen Standort, keine Empfehlung. Und wenn doch, dann vielleicht nur die Gewissheit, dass es diesen Ort gibt. Wie die Spur von fünf nassen Hunden, irgendwo außerhalb der Zeit.
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© Johannes Willwacher

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