Aquarellierte Bleistiftzeichnung aus einem Skizzenbuch, die drei Border Collie Welpen und verschiedene Portraits der Sängerin Madonna zeigt
19|07|2026 – Unser I-Wurf fei­ert sei­nen 4. Geburtstag

Unserem I-Wurf zum vierten Geburtstag. Über rote Kleider, Rückblicke und Ranglisten. Und wo sich sechs Welpen zwischen alldem wiederfinden.

Schon Wochen bevor »Con­fes­si­ons 2« erschien, hat­te Madon­na mei­nen Face­book-Feed über­nom­men. Rück­bli­cke. Inter­views. Rang­lis­ten. Die bes­ten Alben. Die schlech­tes­ten Alben. Die unter­schätz­tes­ten Alben. Und ver­mut­lich auch die, die voll­kom­men zu Recht seit Jah­ren nie­mand mehr aus dem Regal gezo­gen hat. Offen­bar gehört es zu den Natur­ge­set­zen des Pop, dass jede Neu­erschei­nung vor allem Anlass ist, das Ver­gan­ge­ne noch ein­mal in eine neue Rei­hen­fol­ge zu bringen.

Ich habe fast jeden die­ser Arti­kel gele­sen. Nicht, weil ich hoff­te, end­lich zu erfah­ren, wel­ches Madon­na-Album das bes­te ist. Das wuss­te ich – so wie jeder ande­re, der den­sel­ben Arti­kel ange­klickt hat­te – selbst­ver­ständ­lich längst. Son­dern viel eher, weil Madon­na für mich nie ein­fach nur Musik war. Weil mit ihr alles beginnt.

Zum Ende mei­nes ers­ten Grund­schul­jah­res ver­an­stal­te­te unse­re Schu­le ein Som­mer­fest. Alle Klas­sen führ­ten irgend­et­was auf. Klei­ne Thea­ter­stü­cke viel­leicht. Sket­che. Gedich­te. Ich weiß es nicht mehr. Nur, dass ich ein Hasen­kos­tüm trug. Und an einen Jun­gen aus der vier­ten Klas­se. Er trug ein rotes Kleid mit schwar­zen Strei­fen, hat­te die Haa­re streng nach hin­ten gegelt und beweg­te sich zu »La Isla Boni­ta« mit einer Ernst­haf­tig­keit, die ver­mut­lich nur Kin­der zustan­de brin­gen. Ich saß mit offe­nem Mund dane­ben. Zumin­dest behaup­ten das die Fotos, die von die­sem Nach­mit­tag exis­tie­ren. Weni­ge Mona­te spä­ter wünsch­te ich mir zum Geburts­tag »True Blue«. Ich ver­stand zwar kein Wort, tanz­te trotz­dem aus­ge­las­sen in mei­nem Kin­der­zim­mer dazu. Mei­nen Eltern hät­te damals eigent­lich schon alles klar sein müssen.

Nun also »Con­fes­si­ons 2«. Und wie­der die­se Listen.

Ich fra­ge mich, war­um Men­schen so gern ord­nen. War­um wir unbe­dingt wis­sen möch­ten, wel­ches Album auf Platz eins gehört und wel­ches guten Gewis­sens auf Platz neun. Als lie­ße sich Geschmack ver­mes­sen. Als gäbe es für Erin­ne­run­gen eine Punk­te­ska­la. Fast genau­so unmög­lich erscheint mir der Gedan­ke, unse­re Wür­fe in eine Rei­hen­fol­ge zu bringen.

Natür­lich gäbe es Kri­te­ri­en. Man könn­te über Aus­stel­lungs­er­fol­ge spre­chen. Über Gesund­heits­er­geb­nis­se. Über Wesen. Über das, was züch­te­risch gelun­gen ist – und über das, was man beim nächs­ten Mal anders machen wür­de. Man könn­te zäh­len, ver­glei­chen und abwä­gen. Wahr­schein­lich käme am Ende sogar eine ziem­lich plau­si­ble Lis­te dabei her­aus. Nur hät­te sie mit dem, wor­an ich den­ke, wenn ich die Buch­sta­ben A bis L höre, herz­lich wenig zu tun. Denn Wür­fe sind kei­ne Tabel­len. Sie sind Zeitkapseln.

Jeder von ihnen steht für einen ande­ren Abschnitt. Für ande­re Hoff­nun­gen, ande­re Erfah­run­gen, ande­re Vor­stel­lun­gen davon, was gute Zucht eigent­lich bedeu­tet. Man erin­nert sich nicht an Pro­zent­zah­len oder Aus­stel­lungs­er­geb­nis­se. Man erin­nert sich an Stim­mun­gen. An schlaf­lo­se Näch­te. An klei­ne Kata­stro­phen, die im Rück­blick längst zu guten Geschich­ten gewor­den sind. Und an Momen­te, die damals völ­lig unschein­bar wirk­ten und einem Jah­re spä­ter plötz­lich wie­der ein­fal­len – aus­ge­löst durch ein Foto, einen Satz oder eben ein neu­es Madonna-Album.

Die nächs­ten Lis­ten über Madon­na wer­de ich wahr­schein­lich trotz­dem lesen. Mich ärgern. Zustim­men. Wider­spre­chen. Und selbst­ver­ständ­lich den Kopf dar­über schüt­teln, dass irgend­je­mand »True Blue« hin­ter »Hard Can­dy« ein­sor­tiert hat – soll­te das tat­säch­lich ein­mal passieren.

Und der I-Wurf? Steht ganz genau dort, wo er hin­ge­hört. Im Leben. Mittendrin.

© Johannes Willwacher