
Unserem I-Wurf zum vierten Geburtstag. Über rote Kleider, Rückblicke und Ranglisten. Und wo sich sechs Welpen zwischen alldem wiederfinden.
Schon Wochen bevor »Confessions 2« erschien, hatte Madonna meinen Facebook-Feed übernommen. Rückblicke. Interviews. Ranglisten. Die besten Alben. Die schlechtesten Alben. Die unterschätztesten Alben. Und vermutlich auch die, die vollkommen zu Recht seit Jahren niemand mehr aus dem Regal gezogen hat. Offenbar gehört es zu den Naturgesetzen des Pop, dass jede Neuerscheinung vor allem Anlass ist, das Vergangene noch einmal in eine neue Reihenfolge zu bringen.
Ich habe fast jeden dieser Artikel gelesen. Nicht, weil ich hoffte, endlich zu erfahren, welches Madonna-Album das beste ist. Das wusste ich – so wie jeder andere, der denselben Artikel angeklickt hatte – selbstverständlich längst. Sondern viel eher, weil Madonna für mich nie einfach nur Musik war. Weil mit ihr alles beginnt.
Zum Ende meines ersten Grundschuljahres veranstaltete unsere Schule ein Sommerfest. Alle Klassen führten irgendetwas auf. Kleine Theaterstücke vielleicht. Sketche. Gedichte. Ich weiß es nicht mehr. Nur, dass ich ein Hasenkostüm trug. Und an einen Jungen aus der vierten Klasse. Er trug ein rotes Kleid mit schwarzen Streifen, hatte die Haare streng nach hinten gegelt und bewegte sich zu »La Isla Bonita« mit einer Ernsthaftigkeit, die vermutlich nur Kinder zustande bringen. Ich saß mit offenem Mund daneben. Zumindest behaupten das die Fotos, die von diesem Nachmittag existieren. Wenige Monate später wünschte ich mir zum Geburtstag »True Blue«. Ich verstand zwar kein Wort, tanzte trotzdem ausgelassen in meinem Kinderzimmer dazu. Meinen Eltern hätte damals eigentlich schon alles klar sein müssen.
Nun also »Confessions 2«. Und wieder diese Listen.
Ich frage mich, warum Menschen so gern ordnen. Warum wir unbedingt wissen möchten, welches Album auf Platz eins gehört und welches guten Gewissens auf Platz neun. Als ließe sich Geschmack vermessen. Als gäbe es für Erinnerungen eine Punkteskala. Fast genauso unmöglich erscheint mir der Gedanke, unsere Würfe in eine Reihenfolge zu bringen.
Natürlich gäbe es Kriterien. Man könnte über Ausstellungserfolge sprechen. Über Gesundheitsergebnisse. Über Wesen. Über das, was züchterisch gelungen ist – und über das, was man beim nächsten Mal anders machen würde. Man könnte zählen, vergleichen und abwägen. Wahrscheinlich käme am Ende sogar eine ziemlich plausible Liste dabei heraus. Nur hätte sie mit dem, woran ich denke, wenn ich die Buchstaben A bis L höre, herzlich wenig zu tun. Denn Würfe sind keine Tabellen. Sie sind Zeitkapseln.
Jeder von ihnen steht für einen anderen Abschnitt. Für andere Hoffnungen, andere Erfahrungen, andere Vorstellungen davon, was gute Zucht eigentlich bedeutet. Man erinnert sich nicht an Prozentzahlen oder Ausstellungsergebnisse. Man erinnert sich an Stimmungen. An schlaflose Nächte. An kleine Katastrophen, die im Rückblick längst zu guten Geschichten geworden sind. Und an Momente, die damals völlig unscheinbar wirkten und einem Jahre später plötzlich wieder einfallen – ausgelöst durch ein Foto, einen Satz oder eben ein neues Madonna-Album.
Die nächsten Listen über Madonna werde ich wahrscheinlich trotzdem lesen. Mich ärgern. Zustimmen. Widersprechen. Und selbstverständlich den Kopf darüber schütteln, dass irgendjemand »True Blue« hinter »Hard Candy« einsortiert hat – sollte das tatsächlich einmal passieren.
Und der I-Wurf? Steht ganz genau dort, wo er hingehört. Im Leben. Mittendrin.



© Johannes Willwacher