
Unserem B-Wurf zum dreizehnten Geburtstag: über Erinnerung, Zeit und die Kunst, nach dem Zählen der Fehlenden die Anwesenden nicht zu vergessen.
The drum beats out of time.
Cyndi Lauper (1983)
Wenn man sich an Geburtstagen nur noch an die erinnert, die nicht mehr da sind. Ich weiß nicht, wann das anfängt. Wahrscheinlich viel früher, als man glaubt. Man stellt sich vor, Erinnerung sei etwas, das sich mit den Jahren verändert, dabei verändert sie sich vielleicht eher mit der Anzahl der Namen. Solange eine Gruppe klein und neu ist, scheint die Zukunft ihr natürlicher Zustand zu sein. Man denkt an das, was kommen wird. An das nächste Jahr, den nächsten Sommer, die nächste Reise, das nächste Wiedersehen.
Irgendwann aber hört die Zukunft auf, selbstverständlich größer zu sein als alles andere. Sie hört nicht auf zu existieren, aber sie sitzt nicht mehr am Kopfende des Tisches. Stattdessen drängen sich andere Dinge nach vorn. Geschichten. Gesichter. Die Erinnerung an jemanden, der immer zuerst durch die Tür ging oder immer zuletzt begriff, dass alle anderen längst aufgebrochen waren. Es sind selten die großen Ereignisse, die zurückkehren. Fast nie die Dinge, von denen man damals glaubte, sie seien wichtig. Die Erinnerung ist eigensinnig. Sie hebt auf, was ihr gefällt, und lässt verschwinden, was man gerne bewahrt hätte.
Vielleicht wirken Geburtstage deshalb irgendwann anders als früher. Man feiert zwar ein Datum, aber eigentlich betrachtet man eine Zeitspanne. Dreizehn Jahre. Fünfzig Jahre. Achtzig Jahre. Die Zahl spielt kaum eine Rolle. Entscheidend ist, dass sie lang genug geworden ist, um Spuren zu hinterlassen. Wer jemals alte Klassenfotos angesehen hat, kennt dieses Gefühl. Anfangs betrachtet man die Gesichter. Später betrachtet man die Zwischenräume. Man weiß, wer geheiratet hat, wer fortgezogen ist, wer nie wieder auf einem Foto auftauchte. Das Bild selbst hat sich nicht verändert, und doch zeigt es jedes Mal etwas anderes.
Vielleicht sind Erinnerungen überhaupt keine Aufzeichnungen, sondern Überarbeitungen. Jedes Mal, wenn wir zurückblicken, schreiben wir denselben Text neu. Mit anderen Auslassungen. Mit anderen Hervorhebungen. Mit anderen Verlusten.
An Geburtstagen fällt das besonders auf, weil sie eine seltsame Form von Vollständigkeit behaupten. Sie tun so, als ließe sich ein Leben, ein Jahr oder eine Gemeinschaft für einen Moment zusammenfassen. Als könne man zählen, wer dazugehört. Dabei ist längst klar, dass solche Rechnungen nicht aufgehen. Wer zu einer Familie gehört, wer zu einem Freundeskreis gehört, wer zu einem Rudel gehört, entscheidet sich nicht allein durch Anwesenheit. Manche verschwinden und bleiben trotzdem Teil jeder Erzählung. Ihre Namen fallen ganz selbstverständlich. Ihre Gewohnheiten werden weitererzählt. Irgendjemand sagt: Weißt du noch? Und für einen Augenblick sind sie wieder da, nicht als Erscheinung und nicht als Trost, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der Wirklichkeit, die man gemeinsam erlebt hat.
Vielleicht erklärt das die eigentümliche Schwere solcher Tage. Man freut sich über das, was geblieben ist, und gleichzeitig merkt man, wie viel von dem, was einmal Gegenwart war, inzwischen Erinnerung geworden ist. Diese beiden Empfindungen widersprechen einander nicht. Sie sitzen nur etwas unbeholfen nebeneinander und warten darauf, dass man ihnen einen Platz zuweist.
Und vielleicht ist das auch der Grund, weshalb man sich an manchen Geburtstagen zuerst an die erinnert, die fehlen. Nicht aus Undankbarkeit gegenüber denen, die noch da sind, und auch nicht aus einer besonderen Vorliebe für Traurigkeit. Eher weil die Zeit selbst auf solche Tage aufmerksam macht. Sie legt die Jahre nebeneinander wie Fotografien auf einen Tisch und überlässt es uns, was wir darin sehen. Manchmal sieht man das Glück. Manchmal die Verluste. Meistens beides zugleich.
Die Kunst besteht vermutlich darin, nach dem Zählen der Fehlenden die Anwesenden nicht zu vergessen.



© Johannes Willwacher