Aquarellierte Bleistiftzeichung zweier Border Collie Welpen, Schattenwurf einer verblühten Pflingstrose
26|06|2026 – Unser B-Wurf fei­ert sei­nen 13. Geburtstag

Unserem B-Wurf zum dreizehnten Geburtstag: über Erinnerung, Zeit und die Kunst, nach dem Zählen der Fehlenden die Anwesenden nicht zu vergessen.

The drum beats out of time.
Cyn­di Lau­per (1983)

Wenn man sich an Geburts­ta­gen nur noch an die erin­nert, die nicht mehr da sind. Ich weiß nicht, wann das anfängt. Wahr­schein­lich viel frü­her, als man glaubt. Man stellt sich vor, Erin­ne­rung sei etwas, das sich mit den Jah­ren ver­än­dert, dabei ver­än­dert sie sich viel­leicht eher mit der Anzahl der Namen. Solan­ge eine Grup­pe klein und neu ist, scheint die Zukunft ihr natür­li­cher Zustand zu sein. Man denkt an das, was kom­men wird. An das nächs­te Jahr, den nächs­ten Som­mer, die nächs­te Rei­se, das nächs­te Wie­der­se­hen. 

Irgend­wann aber hört die Zukunft auf, selbst­ver­ständ­lich grö­ßer zu sein als alles ande­re. Sie hört nicht auf zu exis­tie­ren, aber sie sitzt nicht mehr am Kopf­en­de des Tisches. Statt­des­sen drän­gen sich ande­re Din­ge nach vorn. Geschich­ten. Gesich­ter. Die Erin­ne­rung an jeman­den, der immer zuerst durch die Tür ging oder immer zuletzt begriff, dass alle ande­ren längst auf­ge­bro­chen waren. Es sind sel­ten die gro­ßen Ereig­nis­se, die zurück­keh­ren. Fast nie die Din­ge, von denen man damals glaub­te, sie sei­en wich­tig. Die Erin­ne­rung ist eigen­sin­nig. Sie hebt auf, was ihr gefällt, und lässt ver­schwin­den, was man ger­ne bewahrt hätte.

Viel­leicht wir­ken Geburts­ta­ge des­halb irgend­wann anders als frü­her. Man fei­ert zwar ein Datum, aber eigent­lich betrach­tet man eine Zeit­span­ne. Drei­zehn Jah­re. Fünf­zig Jah­re. Acht­zig Jah­re. Die Zahl spielt kaum eine Rol­le. Ent­schei­dend ist, dass sie lang genug gewor­den ist, um Spu­ren zu hin­ter­las­sen. Wer jemals alte Klas­sen­fo­tos ange­se­hen hat, kennt die­ses Gefühl. Anfangs betrach­tet man die Gesich­ter. Spä­ter betrach­tet man die Zwi­schen­räu­me. Man weiß, wer gehei­ra­tet hat, wer fort­ge­zo­gen ist, wer nie wie­der auf einem Foto auf­tauch­te. Das Bild selbst hat sich nicht ver­än­dert, und doch zeigt es jedes Mal etwas ande­res. 

Viel­leicht sind Erin­ne­run­gen über­haupt kei­ne Auf­zeich­nun­gen, son­dern Über­ar­bei­tun­gen. Jedes Mal, wenn wir zurück­bli­cken, schrei­ben wir den­sel­ben Text neu. Mit ande­ren Aus­las­sun­gen. Mit ande­ren Her­vor­he­bun­gen. Mit ande­ren Verlusten.

An Geburts­ta­gen fällt das beson­ders auf, weil sie eine selt­sa­me Form von Voll­stän­dig­keit behaup­ten. Sie tun so, als lie­ße sich ein Leben, ein Jahr oder eine Gemein­schaft für einen Moment zusam­men­fas­sen. Als kön­ne man zäh­len, wer dazu­ge­hört. Dabei ist längst klar, dass sol­che Rech­nun­gen nicht auf­ge­hen. Wer zu einer Fami­lie gehört, wer zu einem Freun­des­kreis gehört, wer zu einem Rudel gehört, ent­schei­det sich nicht allein durch Anwe­sen­heit. Man­che ver­schwin­den und blei­ben trotz­dem Teil jeder Erzäh­lung. Ihre Namen fal­len ganz selbst­ver­ständ­lich. Ihre Gewohn­hei­ten wer­den wei­ter­erzählt. Irgend­je­mand sagt: Weißt du noch? Und für einen Augen­blick sind sie wie­der da, nicht als Erschei­nung und nicht als Trost, son­dern als selbst­ver­ständ­li­cher Bestand­teil der Wirk­lich­keit, die man gemein­sam erlebt hat. 

Viel­leicht erklärt das die eigen­tüm­li­che Schwe­re sol­cher Tage. Man freut sich über das, was geblie­ben ist, und gleich­zei­tig merkt man, wie viel von dem, was ein­mal Gegen­wart war, inzwi­schen Erin­ne­rung gewor­den ist. Die­se bei­den Emp­fin­dun­gen wider­spre­chen ein­an­der nicht. Sie sit­zen nur etwas unbe­hol­fen neben­ein­an­der und war­ten dar­auf, dass man ihnen einen Platz zuweist.

Und viel­leicht ist das auch der Grund, wes­halb man sich an man­chen Geburts­ta­gen zuerst an die erin­nert, die feh­len. Nicht aus Undank­bar­keit gegen­über denen, die noch da sind, und auch nicht aus einer beson­de­ren Vor­lie­be für Trau­rig­keit. Eher weil die Zeit selbst auf sol­che Tage auf­merk­sam macht. Sie legt die Jah­re neben­ein­an­der wie Foto­gra­fien auf einen Tisch und über­lässt es uns, was wir dar­in sehen. Manch­mal sieht man das Glück. Manch­mal die Ver­lus­te. Meis­tens bei­des zugleich.

Die Kunst besteht ver­mut­lich dar­in, nach dem Zäh­len der Feh­len­den die Anwe­sen­den nicht zu vergessen.

© Johannes Willwacher