
Unserem K-Wurf zum zweiten Geburtstag: von gehetzten ersten Jahren, vernünftigen zweiten – und einer Theorie, die biologisch vermutlich völliger Unsinn ist.
Hold tight, wait ‘til the party’s over.
Talking Heads (1983)
Vielleicht ist es so, dass das erste Jahr im Leben eines Hundes immer auf der Suche nach dem zweiten ist. Weil sich ein Jahr – so wie ein Mensch, ein Hund, ein Fruchtjoghurt – ganz furchtbar alleine fühlt, so lange kein zweites daneben steht. Vielleicht kann ein einzelnes Jahr deshalb gar nicht richtig Jahr sein. Ein gutes Jahr. Ein vernünftiges Jahr. Ein Jahr, mit dem man etwas anfangen kann. Vielleicht wirkt das erste deshalb immer ein wenig gehetzt, ein wenig suchend, ein wenig unzufrieden. Weil es sich erst dann ganz, erst dann komplett fühlt, wenn das zweite mit einer brennenden Geburtstagskerze neben ihm steht.
Das würde vieles erklären. Zumindest, warum ein zweijähriger Hund ganz plötzlich viel vernünftiger wirkt, als noch vor dreihundertfünfundsechzig Tagen. Menschen brauchen deutlich länger, bis sich aus eins und eins so etwas wie geistige Reife ergibt. Und beim Fruchtjoghurt scheitert die Theorie schon am Mindesthaltbarkeitsdatum. Bleiben wir also bei den Hunden. Bleiben wir beim zweiten Geburtstag. Oder besser: bei dem, was sich mit einem Mal richtig anfühlt.
Denn irgendetwas passiert tatsächlich. Nicht bei jedem Hund gleich. Nicht am Morgen des Geburtstags, pünktlich um halb acht. Aber wer viele junge Hunde erlebt hat, der kennt diesen Moment. Nicht den Tag. Den Moment.
Plötzlich ist da ein Hund, der nicht mehr auf jede Bewegung reagiert, als hinge das Schicksal der Welt davon ab. Einer, der sich selbst einen Augenblick länger Zeit lässt, bevor er entscheidet. Der nicht weniger neugierig ist als vorher, aber ein kleines bisschen sicherer. Ein kleines bisschen gelassener. Als hätte irgendwo tief drinnen jemand einen Schalter umgelegt, von dessen Existenz niemand etwas wusste.
Natürlich stimmt das biologisch alles nicht. Da wird kein zweites Jahr fertig montiert und neben das erste gestellt. Hormone, Erfahrungen, Reifung – die Erklärungen sind deutlich weniger poetisch. Aber sie sind auch ein gutes Stück langweiliger.
Deshalb belassen wir es dabei, dass mit Zwei Romeo endlich seine Julia findet. Holmes seinen Watson. Therese Giehse ihre Erika Mann. Und dass man das am besten feiert. Mit einem Fruchtjoghurt, vielleicht.



© Johannes Willwacher