
Hundeausstellungen beruhen auf einem einfachen Prinzip: Man fragt fremde Menschen nach ihrer Meinung. Und hofft insgeheim auf die eigene.
More, more, more. How do you like it?
Andrea True Connection (1976)
Es gehört zu den bemerkenswerteren Eigenschaften von Hundeausstellern, dass sie freiwillig sehr früh aufstehen und mehrere hundert Kilometer fahren, um sich von jemandem sagen zu lassen, was er von ihrem Hund hält. Noch bemerkenswerter ist nur, dass sie eine ziemlich genaue Vorstellung davon haben, was dieser Mensch sagen sollte. Das macht die Sache gelegentlich schwierig.
Richterurteile sind Meinungen. Das klingt banal, wird aber oft ein bisschen kompliziert, sobald die Meinung nicht der eigenen entspricht. Dann wird aus der fachlichen Einschätzung schnell eine Fehlentscheidung, aus dem Richter ein Idiot und aus dem eigenen Hund so etwas wie das missverstandene Genie, das schon in der Schule immer unter seinen Möglichkeiten geblieben ist. Ich versuche, das zu vermeiden.
In Luxemburg fand die Richterin Love zu dünn. Zu wenig Substanz für zwölf Monate, meinte sie. Ich finde Love für zwölf Monate genau richtig. Damit hätten wir das Problem vollständig beschrieben.
Natürlich könnte ich jetzt erklären, dass sie vollständig abgehaart ist. Dass meine Linien sich spät entwickeln. Dass ich einem jungen Hund lieber Zeit zu reifen gebe, als möglichst früh einen fertigen Ausstellungshund vor mir stehen zu haben. Das alles wäre richtig und würde trotzdem nichts ändern. Heute war dieser Richterin Love eben viel zu dünn.
Für einen Hundeaussteller beginnt an dieser Stelle der anspruchsvollere Teil der Veranstaltung. Nicht das Laufen. Nicht das Stellen. Auch nicht, einen Käsewürfel möglichst unauffällig aus der Tasche zu ziehen. Sondern auszuhalten, dass jemand denselben Hund ansieht und etwas anderes sieht als man selbst. Der eine sieht Linien, Winkelungen, Bewegung, Typ. Der andere bleibt an Substanz, Fell oder Präsentation hängen. Das ist keine Willkür. Es sind unterschiedliche Blicke auf denselben Hund. Sonst könnten wir die Richterei auch einem Messschieber übertragen und wären alle früher zuhause.
Heidi war übrigens auch dabei. Neuneinhalb Jahre alt, Championklasse, zwei Konkurrentinnen um die zwei. Sie gewann die Klasse. Die Richterin hätte sich etwas mehr Temperament gewünscht. Auch da bin ich anderer Meinung. Aber wie auch immer: Das hatten wir schon.



© Johannes Willwacher