
Manchmal braucht ein anderer Mensch nur ein paar Minuten, um etwas zu sehen, über das man selbst wochenlang nachgedacht hat. Love in Ludwigshafen.
I paid my dues with every bruise
I knew what to expect.
Taylor Swift (2025)
Ich sitze im Garten und heule.
Was insofern ein bisschen albern ist, als dass gerade überhaupt nichts passiert ist. Zwei Hunde liegen irgendwo im Gras und lassen sich das nasse Fell von der Sommersonne trocknen, der Gartenschlauch tropft, und auf dem Display meines Handys ist ein Richterbericht geöffnet. Handschriftlich. »Zwölf Monate alte Hündin«, steht da. »Feminin, elegant, vorzügliche Gesamterscheinung.« Dinge, über die man sich als Züchter freut. Dinge, wegen derer man normalerweise nicht heulend im Garten sitzt. Am Ende steht: »Ein absolutes Show-Girl!« Und dann ist es eben doch vorbei mit der Fassung.
Vor ein paar Wochen haben Dirk und ich noch darüber gesprochen, ob Love vielleicht erst einmal keine Ausstellungen mehr besuchen sollte. In Hirschaid hatte sie die Zahnkontrolle verweigert und deshalb ein SG bekommen, obwohl der restliche Richterbericht durchweg vorzüglich ausgefallen war. Das SG war dabei eigentlich das kleinste Problem. Schleifen kann man sich an die Wand hängen, Pokale verstauben irgendwann, und Richterberichte landen in Ordnern, in die man erstaunlich selten hineinschaut. Schwieriger war die Frage, was wir da eigentlich gerade tun.
Love ist sensibel. Nicht im Sinne jener etwas bemühten Züchterbeschreibung, nach der ein Hund »sensibel« ist, wenn man eigentlich »kompliziert« meint. Sie nimmt viel wahr. Menschen, Stimmungen, Spannung. Und sie braucht jemanden neben sich, der ihr vermittelt, dass die Welt schon nicht untergehen wird.
Dirk ist allerdings eher der Typ Mensch, der Ruhe dadurch herzustellen versucht, dass er sich besonders intensiv um sie bemüht: wenn er nervös wird, versucht er es mehr. Wenn mehr nicht hilft, versucht er sehr viel mehr. Das ist bei einem Hund, der auf Druck mit Unsicherheit reagiert, eine ziemlich effiziente Methode, um aus einem kleinen Problem ein größeres zu machen.
Darüber haben wir gestritten. Auch darüber, dass Training nicht nur bedeutet, am Hund zu arbeiten. Dass Love mehr Menschen kennenlernen muss, mehr Situationen, mehr Hände, die einmal ihre Lefzen anheben. Und dass der Mensch am anderen Ende der Leine vielleicht ebenfalls ein bisschen üben könnte.
Gestern war Ludwigshafen. Ich hatte mit nichts gerechnet. Vielleicht ist das eine dieser Schutzmaßnahmen, die man sich angewöhnt, wenn einem etwas wichtig ist: Erwartungen möglichst klein falten, damit sie in die Hosentasche passen. Dann kam die Nachricht. Love gewinnt die Jugendklasse. Wird Bester Junghund. Später Best of Breed. Und irgendwann schickt Dirk mir den Richterbericht von Sarah Boyd. »Temperamentvoll und arbeitsfreudig, freundliches Verhalten, ein absolutes Show-Girl.«
Manchmal braucht ein anderer Mensch nur ein paar Minuten, um etwas zu sehen, über das man selbst wochenlang nachgedacht hat. Vielleicht heule ich deshalb. Nicht wegen des BOB. Na gut. Ein bisschen auch wegen des BOB. Vor allem aber, weil da plötzlich wieder die Hündin steht, die ich kenne. Nicht das Problem, das wir lösen müssen. Nicht die Zahnkontrolle. Nicht das SG von Hirschaid. Love. Zwölf Monate alt. Sensibel, temperamentvoll, arbeitsfreudig.
Und ein absolutes Show-Girl.
15|08|2026 – CACIB Ludwigshafen
Richterin: Sarah Boyd (DE)
Broadmeadows Love at First Sight
Jugendklasse Hündinnen (11) V1 CAC-J CACIB-J BJ BOB
Ch Broadmeadows June in January
Championklasse Hündinnen (3) V1 CAC



© Johannes Willwacher