Über die Menschen, die irgendwann aus unserem Leben verschwinden – und deren Einfluss trotzdem bleibt, lange nachdem wir aufgehört haben, ihn zu bemerken.

Man­che Men­schen ver­schwin­den aus unse­rem Leben, lan­ge bevor sie ster­ben. Nicht mit einem Streit. Nicht ein­mal mit einem Abschied. Man hört nur irgend­wann sel­te­ner von­ein­an­der. Erst ver­ge­hen Wochen, dann Mona­te, dann Jah­re. Das Leben füllt die Stel­len aus, an denen frü­her ein ande­rer Mensch gewe­sen ist – so zuver­läs­sig, dass man irgend­wann nicht mehr bemerkt, dass dort über­haupt eine Stel­le war.

Vor­ges­tern ist Gud­run gestor­ben. Sie war fünf­und­sech­zig Jah­re alt.

Ich habe in den letz­ten Jah­ren kaum Kon­takt zu Gud­run gehabt. Des­halb wäre es falsch, jetzt so zu schrei­ben, als hät­ten wir ein­an­der bis zuletzt nahe­ge­stan­den. Haben wir nicht. Und trotz­dem sit­ze ich seit ges­tern da und den­ke dar­über nach, wie viel von mei­nem heu­ti­gen Leben mit einer Frau zu tun hat, mit der ich zuletzt kaum noch gespro­chen habe.

2009 gab Gud­run mir Nell. Das ist zunächst ein­mal ein ein­fa­cher Satz. Ein Mensch gibt einem ande­ren einen Hund. Man unter­schreibt etwas, nimmt eine Lei­ne in die Hand, fährt nach Hau­se. Danach lebt der Hund bei einem, und irgend­wann glaubt man, die Geschich­te gehö­re einem selbst. Aber Geschich­ten haben Vor­ge­schich­ten, und manch­mal gehört die ent­schei­den­de Stel­le dar­in jemand anderem.

Gud­run fand näm­lich, ich sol­le Nell aus­stel­len. Ich weiß nicht mehr, wie viel Über­zeu­gungs­ar­beit sie dafür leis­ten muss­te. In mei­ner Erin­ne­rung war es jeden­falls weni­ger eine Fra­ge als eine Anwei­sung. West­fä­li­sche Bestimm­heit, könn­te man das womög­lich nen­nen. Also stell­te ich Nell aus. Gud­run fand außer­dem, ich sol­le Mit­glied im Club für Bri­ti­sche Hüte­hun­de wer­den. Also wur­de ich Mit­glied im Club für Bri­ti­sche Hütehunde.

Damals waren das ein­zel­ne Ent­schei­dun­gen. Heu­te weiß ich, dass sie hin­ter­ein­an­der­stan­den wie Dominosteine.

2011 nahm Gud­run mich mit an ihre Wurf­kis­te. Nicht, weil sie mei­ne Hil­fe gebraucht hät­te, son­dern weil sie wuss­te, dass ich bald selbst dort sit­zen wür­de. Sie woll­te, dass ich vor­her ein­mal gese­hen hat­te, was geschieht. Dass ich wuss­te, was nor­mal ist und wann man sich Sor­gen machen muss. Dass ich nicht zum ers­ten Mal vor einer Geburt stand, wenn die Ver­ant­wor­tung allein bei mir lag. Ein Jahr spä­ter saß ich an mei­ner eige­nen Wurf­kis­te und mein ers­ter Broad­me­a­dows-Wurf wur­de geboren.

Seit­dem sind vier­zehn Jah­re vergangen.

Es gab wei­te­re Wür­fe. Hun­de wur­den gebo­ren und Hun­de star­ben. Ich fuhr zu Aus­stel­lun­gen, wur­de Zucht­wart, über­nahm Ämter in Ver­ei­nen, lern­te Men­schen ken­nen, die ich ohne Hun­de nie­mals ken­nen­ge­lernt hät­te. Aus Din­gen, die ich ein­mal aus­pro­bier­te, wur­den Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten. Aus Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten wur­de ein Leben.

Man denkt sel­ten dar­über nach, wo ein Leben abge­bo­gen ist. Viel­leicht, weil man sich selbst gern für sei­nen Autor hält. Man erin­nert sich an die gro­ßen Ent­schei­dun­gen, die man getrof­fen hat, und über­sieht dabei die Men­schen, die irgend­wann einen Hund vor einen gesetzt, einen Satz gesagt oder einen Vor­schlag gemacht haben. Men­schen, die selbst längst wei­ter­ge­gan­gen sind, wäh­rend die Bewe­gung, die sie aus­ge­löst haben, noch immer anhält.

Natür­lich weiß ich nicht, wie mein Leben ohne Gud­run ver­lau­fen wäre. Viel­leicht hät­te ich irgend­wann trotz­dem Bor­der Col­lies gezüch­tet. Viel­leicht wäre ich trotz­dem auf Aus­stel­lun­gen gegan­gen. Viel­leicht hät­te ich irgend­wann trotz­dem ein Amt beklei­det und Din­ge getan, von denen ich 2009 noch nicht wuss­te, dass sie ein­mal einen beträcht­li­chen Teil mei­ner Zeit bean­spru­chen wür­den. Viel­leicht aber auch nicht.

Das Merk­wür­di­ge am Tod ist, dass er sol­che Fra­gen plötz­lich stellt, obwohl nie­mand mehr da ist, der sie beant­wor­ten könn­te. Nell ist im ver­gan­ge­nen Jahr gestor­ben. Fast sech­zehn Jah­re nach ihrer Geburt. Mit ihr ver­schwand das Lebe­we­sen, durch das Gud­run und ich über­haupt mit­ein­an­der ver­bun­den gewe­sen waren. Ich dach­te damals viel dar­über nach, was von einem Hund bleibt, wenn der Hund nicht mehr da ist. Seit ges­tern den­ke ich, dass die Fra­ge falsch gestellt war. Denn Nell ist nicht mehr da. Gud­run ist nicht mehr da. Und trotz­dem sit­ze ich hier, zwi­schen fünf schwarz-wei­ßen Hun­den, in einem Leben, des­sen Ver­lauf bei­de ver­än­dert haben.

Viel­leicht ist das eine der son­der­bars­ten For­men, in denen Men­schen blei­ben. Nicht in unse­ren Gedan­ken. Nicht auf Fotos. Nicht ein­mal in der Erin­ne­rung. Son­dern in dem Men­schen, der wir gewor­den sind. Und viel­leicht besteht Dank­bar­keit manch­mal genau dar­in, das zu erken­nen. Viel zu spät, wie so vie­les. Dass etwas, das für einen ande­ren Men­schen viel­leicht nur eine klei­ne Ent­schei­dung, ein Rat oder ein freund­li­cher Schubs in eine bestimm­te Rich­tung war, für uns selbst zu einem Teil des Lebens gewor­den ist.

Ich weiß nicht, ob ich Gud­run jemals gesagt habe, was sie damit ange­rich­tet hat.

Ich hof­fe es. Und wenn nicht, hät­te ich es tun sollen.

© Johannes Willwacher