Border Collie Hündin morgens am Heisterberger Weiher
08|06|2013 – Ein biss­chen rund und rund­um glück­lich

Alles in einem anderen Licht: Die letzten drei Wochen, ein Tagebucheintrag, der sich selbst schreiben wollte – und eine trächtige Hündin, die Wasser tritt.

Like the legend of the phoe­nix, 
all ends with begin­nings …

»Nicht ganz drei Wochen bis zur Geburt unse­rer Wel­pen«, den­ke ich und knei­fe geblen­det die Augen zusam­men. Durch das Geäst der Bäu­me zieht eine leich­te Bri­se, die Was­ser­ober­flä­che des Sees kräu­selt sich. Zwei nas­se Hun­de dösen im Schat­ten, einer hat es sich zu mei­nen Füßen gemüt­lich gemacht. Der Bauch, der mir ent­ge­gen­ge­streckt wird, ist eben­so rund wie mei­ne Wan­ge, in der ein lei­ser Schmerz pul­siert: Drei Weis­heits­zäh­ne, zwei Zäh­ne in der Front. Der Schmerz ist echt, auch wenn die Schwel­lung nach­lässt. »Geh schwim­men«, sage ich und erin­ne­re mich gehört zu haben, dass Was­ser­tre­ten gut für Schwan­ge­re ist. Und wäh­rend die eine Hand ganz im Hier und Jetzt, streckt sich die ande­re nach dem Ges­tern aus.

Milchzähne kennen keine Gewissensbisse …

Wir waren fünf oder sechs Kin­der, vier davon Mäd­chen und neben mir von Zeit zu Zeit ein wei­te­rer Jun­ge, alle etwa im glei­chen Alter, mit den glei­chen son­nen­ver­brann­ten Gesich­tern und den glei­chen schorf­ver­krus­te­ten Kni­en. Der kreis­run­de Wen­de­platz am Ende der Sack­gas­se, gleich vor der wuchern­den Mau­er, die den Vor­gar­ten unse­res Hau­ses umgab, war unser Spiel­platz. Him­mel und Höl­le und Deutsch­land erklärt den Krieg (auch ein Kind der frie­dens­be­weg­ten acht­zi­ger Jah­re dach­te sich nichts bei dem Namen), geschos­sen wur­de mit Krei­de, weit öfter noch mit Mal­stei­nen, die man zwi­schen den Neu­bau­ten gesam­melt hat­te, und wer am Ende ohne Land da stand, der wein­te bit­ter­lich. Letz­te­res war meis­tens ich. Das nicht, weil ich mich am häu­figs­ten der blond, braun oder rot­be­zopf­ten Über­macht erge­ben muss­te – nein, viel eher, weil ich mich bei allem beson­ders unge­schickt anstell­te und kaum ein Tag ver­ging, an dem nicht Blut, Was­ser oder Trä­nen weg­zu­wi­schen waren. Wenn es hieß, mit einem muti­gen Satz über die maus­graue Mau­er der Nach­barn zu sprin­gen, gelang das vier von fün­fen. Der fünf­te, das also ich, blieb mit dem Zeh in der San­da­le an der Kan­te, und damit auch der kurz­ge­schnit­te­ne Nagel an der­sel­ben hän­gen. Wenn es hieß, den Abhang hin­ter dem Haus der Nach­barn gegen­über hin­un­ter zu klet­tern und über den Bach zu sprin­gen, brach­te ich nicht nur blaue Knie, son­dern auch nas­se Hosen heim. Hieß es sprin­gen, dann fiel ich, ganz kla­re Sache. Das ich mir dabei wei­ter nichts dach­te, soll nicht stö­ren – Milch­zäh­ne ken­nen kei­ne Gewis­sens­bis­se.

Dann bricht der Reifen zum Geschmack von Blut und Asphalt …

Das höl­zer­ne Dös­chen für die Milch­zäh­ne, das mir mei­ne Tan­te zum Schul­an­fang in die weiß-blaue Tüte gesteckt hat­te, war bereits zu einem guten Stück gefüllt. Zwei waren im But­ter­brot ste­cken geblie­ben, vier muss­ten sich dem neu­gie­ri­gen Spiel von Fin­gern und Zun­ge erge­ben, eini­ge mehr gin­gen ein­fach so. Was aus dem Dös­chen gewor­den ist, kann ich eben­so wenig beant­wor­ten wie die Fra­ge, ob die bei­den Zäh­ne, die sich an jenem Nach­mit­tag ent­schei­den soll­ten, doch kei­ne blei­ben­den zu sein, noch im Asphalt ste­cken oder ob das Schlag­loch und der Rei­fen, die den Grund dafür gaben, mitt­ler­wei­le geflickt sind. Wahr­schein­lich ist nichts von alle­dem geblie­ben – nichts, und nur die Erin­ne­rung an ein grü­nes Fahr­rad, das nicht mei­nes war.

Zu fünft oder sechst, so wie immer, und weil das eige­ne Rad längst lang­wei­lig, zum Wett­ren­nen flugs die Räder getauscht. Kaum den Fried­hof in Sicht, ich lie­ge weit vor­ne, ste­he vorn­über gebeugt in den Peda­len. Dort endet die Stra­ße, ich kann sie schon hören – dann bricht der Rei­fen zum Geschmack von Blut und Asphalt.

Bei­de Schnei­de­zäh­ne gehen mir an die­sem Nach­mit­tag ver­lo­ren. Einer von bei­den in den Jah­ren dar­auf mal um mal. Mal ist es der Kopf eines Klas­sen­ka­me­ra­den, der Schul­hof der Grund­schu­le und tau­meln­des Grün. Ich schreie erschro­cken, doch statt mei­ne zu hören, höre ich die Schreie des ande­ren. Der schreit, weil er denkt, der Zahn steckt im Kopf, bei­na­he noch lau­ter oder eben­so sehr. Beim nächs­ten Mal ein Ell­bo­gen in der Jun­gen­um­klei­de, es riecht nach Schweiß und Hor­mo­nen in Schu­hen. War­um man sich prü­gelt, weiß ich nicht mehr, nur das ich unter­lie­ge und mit unge­brems­ter Wucht, den Kopf wie immer vor­an, auf das Lin­ole­um flie­ge. Zuletzt dann Wie­der­se­hens­freu­de, der Kopf eines Hun­des und ein Zahn­arzt der meint: »Das muss alles raus«. Das war.

Was war und was wird, was man weiß, was man ahnt, was wir sind …

Der Nach­mit­tag, Mal­stei­ne und das grü­ne Fahr­rad, der Schul­hof, ein Hund, ein ver­lo­re­ner Zahn, das Kind und der Mensch, der aus die­sem gewor­den – alles ver­bun­den in die­sem Moment. Die eine Hand wiegt den Kopf eines Hun­des, strei­chelt und schau­dert, die Augen geschlos­sen. Die ande­re zögert, hält inne und fragt sich: Säße ich hier, wenn dort, vor zwan­zig Jah­ren, kein Schlag­loch gewe­sen wäre? Wür­de der Mensch, der statt mei­ner hier säße, das glei­che sehen und das glei­che füh­len? Den glei­chen Schmerz, den Herz­schlag des Unge­bo­re­nen? Was war und was wird, was man weiß, was man ahnt, was wir sind, ger­ne wären, was wir vor­ge­ben zu sein? Was wie Was­ser ver­rinnt und in ewi­gen Krei­sen aus­strahlt von die­sem einen Moment? Schmat­zend schla­gen die Wel­len ans Ufer. »Nicht ganz drei Wochen bis zur Geburt unse­rer Wel­pen«, den­ke ich und läch­le, so gut es nur geht. Zehn Zen­ti­me­ter mehr um den Bauch, ein Kilo­gramm schwe­rer. Die Welt hat Zäh­ne. Wir fal­len viel­leicht, aber wir bei­ßen zurück.

We’ve come too far to give up who we are …
– 
Daft Punk, »Get Lucky«

Border Collie Hündin im Blumenmeer
08|06|2013 – Noch drei Wochen, viel­leicht …

© Johannes Willwacher