Urlaub mit drei Border Collies in Kroatien: Drei Wochen haben wir auf der Insel Brač verbracht und manchen unvergesslichen Eindruck mitgenommen.

Wirk­lich reich ist, wer mehr
Träu­me in sei­ner See­le hat, als
die Rea­li­tät zer­stö­ren kann.
– Hans Krup­pa

In einen Oli­ven­hain geduckt steht das Haus am Hang, davor wach­sen Fei­gen und Laven­del, und bis zum Meer, das kaum fünf­zig Meter ent­fernt gegen die Fel­sen bran­det, unge­zähl­te Wein­re­ben, zwi­schen denen sich – jetzt, in der Däm­me­rung – Zika­den ver­ste­cken, die – kaum zu sehen, nie zu über­hö­ren – dem Rau­schen des Mee­res zu ant­wor­ten schei­nen. Sonst hört man nichts. Stil­le. Bis zur Stra­ße, die, steil den Hang hin­auf, kaum mehr als ein unbe­fes­tig­ter Fahr­weg ist, sind es zwei­hun­dert Meter, und nur sel­ten ver­irrt sich ein frem­des Fahr­zeug hier­her – Moto­ren­lärm bleibt den Boo­ten auf dem Was­ser vor­be­hal­ten. Der nächs­te Ort liegt gut drei Kilo­me­ter die Küs­te hin­ab. Die Küs­te hin­auf fin­den sich hier und da bloß ver­ein­zel­te Häu­ser und dort, wo der Fahr­weg endet, ein ver­las­se­nes Klos­ter. Das Ende der Welt – in wei­ßen Kalk­stein gefasst.

16|06|2014 – Blick von der Son­nen­ter­ras­se

Samstag, 7. Juni

»Beau­ti­ful dogs«, heißt es von der einen Sei­te – die Ame­ri­ka­ne­rin trägt eine dunk­le Son­nen­bril­le mit Gold­rand, die kaum so teu­er gewe­sen sein wird, wie sie aus­sieht –, von der ande­ren lächeln Japa­ner und zücken bel­lend ihre Foto­ap­pa­ra­te, bevor sie mit aus­ge­streck­ten Hän­den auf die drei Hun­de zuei­len. Am Ende des Tages wer­den die drei Bor­der Col­lies – neben den Plit­vič­ka Jeze­ra, der eigent­li­chen Attrak­ti­on – auf zahl­lo­sen Fotos fest­ge­hal­ten wor­den sein: Big in Japan.

Dass ich mich füh­le, als habe man uns mit­samt der Hun­de in eines der Bücher des japa­ni­schen Schrift­stel­lers Haru­ki Mura­ka­mi hin­ein­ge­schrie­ben, in denen Tie­re spre­chen und Men­schen zwi­schen Tag und Traum umher­wan­dern kön­nen, liegt aber nicht allein an den asia­ti­schen Tou­ris­ten, die sich zusam­men mit uns über die Holz­ste­ge und Plan­ken ent­lang der Was­ser­fäl­le schie­ben: Viel mehr ist es so, dass trotz der aber­tau­send ande­ren Besu­cher, die sich an die­sem Wochen­en­de rund um die Plit­vicer Seen tum­meln, ein unbe­stimm­ter Zau­ber in der Luft liegt. Dabei sind die tür­kis­blau­en Seen alles ande­re als ver­zau­bert oder ver­wun­schen: Die Über­sät­ti­gung des Was­sers mit Kal­zi­um­kar­bo­nat begüns­tigt die Bil­dung von Tra­ver­tin, einer porö­sen Gesteins­art, die sich zusam­men mit Moo­sen und Flech­ten im Bereich der Was­ser­fäl­le ansam­melt, neue Stau­stu­fen bil­det und den Ver­lauf des Was­sers so fort­wäh­rend ver­än­dert. Was nach grau­er Theo­rie klingt, sieht umso ein­la­den­der aus, nur – baden dür­fen wir hier nicht.

Unse­re Tage ver­brin­gen wir am Strand, der ver­steckt in einer klei­nen Bucht liegt und der, obwohl es kein Hin­weis­schild gibt, das ihn als Pri­vat­ei­gen­tum aus­wei­sen wür­de, bei­na­he uns allein gehört. Kaum jemand ver­irrt sich hier­her, ein Ein­hei­mi­scher dann und wann, ansons­ten sind es bloß die Motor­boo­te, die vor der Küs­te kreu­zen, die mit uns um die Ruhe kon­kur­rie­ren.

Gegen­über erhebt sich die Nach­bar­in­sel Hvar, deren Hügel kaum so hoch sind, wie das Gebir­ge in unse­rem Rücken – der Vido­va Gora ist mit knapp 800 Metern die zweit­höchs­te Erhe­bung auf den kroa­ti­schen Inseln –, dazwi­schen klei­ne und gro­ße Boo­te mit weiß leuch­ten­den Segeln, die vor den Buch­ten ankern. Wir begnü­gen uns mit unse­rer: Auf fei­nen Kies, der ent­lang der Was­ser­li­nie bei­na­he zu Sand ver­wa­schen ist, fol­gen nach weni­gen Metern mäch­ti­ge Fel­sen, die mit Muscheln und Was­ser­schne­cken bewach­sen sind, dahin­ter fällt der Mee­res­bo­den steil ab. Wo die Füße halt fin­den, wis­sen wir nach weni­gen Tagen.

10|06|2014 – Die Bucht und das Meer

Mittwoch, 11. Juni

Wir sind fast eine Stun­de gelau­fen, rings um uns nichts als Geröll und nied­ri­ge Kie­fern, als ein aus­ge­brann­ter Bus, Brac­tours ist unter Rost und Ruß gera­de noch zu ent­zif­fern, am Weges­rand auf­taucht, der in der Ein­öde eben­so ver­lo­ren scheint, wie wir. Der Weg wird zuse­hens schlech­ter, tie­fe Rin­nen schnei­den sich dar­in ein, und nur sel­ten erin­nert ein mit roter Far­be auf den Fels gepin­sel­ter Punkt dar­an, dass wir nicht die ers­ten Men­schen sind, die die­sen Weg bewan­dern. »Gott­ver­las­sen«, den­ke ich. Die Ein­sied­ler, die sich vor mehr als vier­hun­dert Jah­ren dar­an mach­ten, in dem abge­le­ge­nen Tal, das am Ende des Weges liegt, ein Klos­ter zu errich­ten, wer­den anders gedacht haben: In der Stil­le schien nicht nur die Gegen­wart Got­tes deut­li­cher, son­dern auch die Abwe­sen­heit der Tür­ken, die im 16. Jahr­hun­dert über Pol­ji­ca ein­fie­len und die alt­sla­wi­schen Pries­ter in die Flucht trie­ben. Als Bla­ca schließ­lich hin­ter einem Fels­vor­sprung auf­taucht, fin­den wir die Tore des Klos­ters ver­rie­gelt vor – auch Gott kennt Öff­nungs­zei­ten.

Um die Mit­tags­zeit erfüllt Schu­berts Impromp­tu in As Dur das stein­ge­deck­te Haus, Schmet­ter­lin­ge tum­meln sich im Laven­del und die Hun­de dösen im Schat­ten. Nur dann und wann hebt einer den Kopf, um das Schau­spiel schläf­rig zu ver­fol­gen. Unter den Oli­ven­bäu­men erspä­he ich zwei, bei­na­he ganz von Laub und Zwei­gen ver­steckt, dar­über, im dich­te­ren Geäst, eine fin­ger­gro­ße Gril­le, die stumm auf den Abend war­tet. Die Son­ne gleißt auf dem Was­ser, das viel zu weiß scheint, und dort, wo der Him­mel ins Meer taucht, mischt sich gewitt­ri­ges Gelb ins Blau. »Sieht nach Regen aus«, sagt jemand, sage ich, viel­leicht.

Am Abend zie­hen regen­schwe­re Wol­ken vom Fest­land her­über, der Don­ner dröhnt über die Berg­gip­fel, und das Meer ist ein grau­er, blin­der Spie­gel, in dem sich alles Licht ver­liert. Am offe­nen Fens­ter genie­ßen wir die unge­wohn­te Küh­le, und der Tag geht bei­na­he unbe­merkt in die Nacht über.

Donnerstag, 19. Juni

»Viel­leicht ein wenig ver­schla­fen«, sage ich, als ich die Wagen­tür hin­ter mir schlie­ße, und den Blick ein letz­tes Mal über die umste­hen­den Häu­ser schwei­fen las­se, die sich, kaum eines höher als das ande­re, um den Dorf­platz und die klei­ne Kir­che scha­ren. Die engen Gas­sen sind leer, hier und da flat­tert die Wäsche vom Vor­tag im Wind. Ein Fern­se­her, der irgend­wo hin­ter fest ver­schlos­se­nen, grü­nen Fens­ter­lä­den rauscht, scheint der ein­zi­ge Beweis, dass hier Men­schen leben.

Nack­tes Mau­er­werk, ver­wit­ter­ter Sand­stein – jene Ursprüng­lich­keit ist vie­ler­orts längst einer glo­ba­li­sier­ten Archi­tek­tur im Mit­tel­meer­stil gewi­chen. »Alles aus Stein, auch Dach«, lässt uns, nicht ohne Stolz, eine alte Frau wis­sen, die rade­bre­chend Deutsch spricht und uns in der Scheu­ne ihres drei­hun­dert Jah­re alten Wohn­hau­ses mit Öl und Wein ver­kös­tigt. Häu­ser wie ihres gibt es in dem klei­nen Ort nur noch weni­ge, sagt sie, die jun­gen Leu­te, drü­ben, jen­seits der Dorf­stra­ße, wol­len neue Häu­ser. »Mehr so«, lacht sie, wäh­rend ihre Hän­de in der Luft ein Recht­eck beschrei­ben, »ist immer gleich«.

Dabei ist es eigent­lich das gleich­be­rech­tig­te Neben­ein­an­der, das ins Auge fal­len will: Früh­christ­li­che Rui­nen, goti­sche Bogen­fens­ter, Renais­sance­fas­sa­den und ita­lie­ni­scher Barock – nicht weni­ge Kul­tu­ren haben die Insel in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten in der Hand gehal­ten. Spu­ren der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit fin­den sich indes nur weni­ge und sind, wie das Bije­la Kuca in Bol – das 1936 von den im nahe­ge­le­ge­nen Klos­ter ansäs­si­gen Domi­ni­ka­nern erbau­te »Wei­ße Haus« wur­de 1963 durch die kom­mu­nis­ti­sche Regie­rung ent­eig­net und zu einem staat­li­chen Bade­ho­tel umge­baut – längst dem Ver­fall preis­ge­ge­ben: Letz­te Sai­son.

Zuletzt hat er es doch gewagt: Sich einen der Fel­sen aus­ge­sucht, die im fla­chen Was­ser eine Hand­breit über die Wel­len ragen, die Pfo­ten dicht gedrängt dar­auf gesetzt, und sich mit einem lei­sen Seuf­zer abge­sto­ßen. Schäu­mend schnei­det er durch die Bran­dung, die sich brau­send über ihn ergießt – taucht unter und schwimmt, bis nur noch der Kopf zu sehen ist. Das Meer ist ruhig, schim­mern­des Tür­kis, und am Ufer war­ten die bei­den Hün­din­nen auf ihn.

Dienstag, 24. Juni

Dort, am Strand, zwei frem­de Hun­de. Hier sie, die Pfo­ten auf dem wei­ßen Plas­tik­kis­sen ver­schränkt, den Kopf erho­ben, hell­wach. Die Nase im Wind, ver­sucht sie Wit­te­rung auf­zu­neh­men, ver­sucht nach­zu­spü­ren, wer die ande­ren sind. Ver­ge­bens. Sie riecht bloß Salz und Meer. Als sich eine Wel­le kra­chend am Bug bricht, ver­lie­ren sich die Frem­den in Schlei­ern von Gischt, das Boot nimmt Fahrt auf, und bald ist auch der Strand aus ihrem Blick­feld ver­schwun­den.

450 Kuna – das sind etwa 60 Euro – kos­tet es, ein Boot für einen Tag zu mie­ten. Das macht sich bezahlt – nicht allein, weil vie­le der ein­sa­men Buch­ten nur vom Was­ser aus zu errei­chen sind, son­dern auch, weil die Hun­de es sicht­lich genie­ßen: Das Flüs­tern des Win­des, das Rau­schen der See und das Glück, ein­fach zu exis­tie­ren. Das ist es.

Montag, 30. Juni

»Das war‘s«, sind die ers­ten Wor­te, die mir ein­fal­len, als ich wie­der an mei­nem Schreib­tisch sit­ze. Auf den Die­len vor mir brei­ten sich die Taschen und Kof­fer aus, die, in der ver­gan­ge­nen Nacht has­tig dort abge­stellt, noch dar­auf war­ten, aus­ge­packt zu wer­den. Ein Blick auf die Uhr ver­rät mir, dass es kaum sie­ben durch ist, alle ande­ren schla­fen noch. Nur Ida win­det sich schwanz­we­delnd um mei­ne Bei­ne, und gibt Lau­te von sich, die sich wie »Zuhau­se, zuhau­se« anhö­ren. Ich läch­le, las­se das Fell hin­ter ihren Ohren durch mei­ne Fin­ger zwir­beln, und bli­cke schließ­lich wie­der auf den Bild­schirm.

Viel wei­ter dahin­ter rauscht das Meer, tief und blau, und irgend­wo auf den tan­zen­den Wel­len sit­zen zwei Jun­gen in einem Boot, drei schwarz-wei­ße Hun­de bli­cken über den Bug, wäh­rend über dem Land die Son­ne auf­geht. Kein Face­book, kein Gere­de, kein Cyber­mob­bing, den­ke ich – und die letz­ten Wor­te, die ich schrei­be sind: »Das ist es«.

© Johannes Willwacher