Samstag, 18. April

Ich erinnere mich, dass Dirk mir auf halber Treppe entgegen kam, einen Blick auf die wattierte Winterjacke warf, die ich zusammen mit den Wanderstiefeln vor mir her trug, und meinte, die bräuchte ich nicht. Das war gestern.

Während Dirk sich mit Zion vor einer halben Stunde auf den Weg nach Chemnitz gemacht hat, um – davor und danach setze ich ein gedankliches Fragezeichen – mit der vierten Anwartschaft auf den Deutschen Champion wiederzukommen, habe ich mit den beiden anderen Hunden gerade das Waldgrundstück verlassen, auf dem wir uns über das Wochenende eingemietet haben, und freue mich über nichts mehr, als meine warme Winterjacke: Das sonnige Frühlingswetter, das sich bei uns bereits am Vortag abzeichnete, ist im Erzgebirge noch nicht angekommen – es ist kalt. So kalt, dass der Nebel, den der Wald dann und wann mit tiefem Ächzen ausstößt, beinahe zu klirren scheint, wenn er an meinen Wangen zerbricht. »Die brauchst du nicht«, blöke ich mit leiernder Stimme vor mich hin, ziehe den Reißverschluss der Jacke noch ein wenig höher, und meine, sogar die Hunde lachen zu hören.

Ich bin kaum zehn Minuten gelaufen, als sich der Weg gabelt, und unschlüssig ziehe ich die Wanderkarte hervor. Keines der Zeichen, die dort eingetragen sind, finde ich auf den umstehenden Fichtenstämmen wieder, also beschließe ich, der halbmondförmigen Spur zu folgen, die von Pferdehufen in den unebenen Grund getreten worden ist, und hoffe, dass auch die Reiter das gleiche Wochenendziel hatten, wie ich: die Greifensteine. Jene sind die einzigen freistehenden Felsen im oberen Erzgebirge, und – laut meiner Wanderkarte – nur einen, für die Hunde frühmorgens ohnehin erforderlichen, leichten Spaziergang von unserem Wochenendhaus entfernt. Was in keinem Urlaubsalbum fehlen darf, notiere ich mir gedanklich, pfeife die Hunde heran, und laufe weiter.

Honigfarbene Weihnachtspyramiden, handgeschnitzt, und Räuchermännchen sind die einzigen Dinge, die ich mit dem Erzgebirge verbinde – und während die kreisenden Flügelräder meinem dreijährigen Ich noch ein, mit jeder Drehung stärker werdendes Gefühl von Begehrlichkeit einflüstern mögen, hat mein dreißigjähriges Ich kaum etwas übrig für naive Volkskunst. An den geschnitzten Waldwichteln und Wildschweinen, die den Wanderweg bald darauf zu beiden Seiten säumen, laufe ich also bloß mit verdrehtem Blick vorbei. »Man ist zu leicht davon überzeugt, über etwas hinausgewachsen und zu etwas Besserem geworden zu sein«, denke ich und bleibe stehen, »wenn man mehr gesehen, mehr gelebt hat«, und muss im nächsten Moment an Ausstellungsringe und Richterberichte denken: Gilt in der Hundezucht nicht oft genug das Gleiche? Nell balanciert über den Rücken eines Wildschweins. Ich zücke die Kamera und drücke ab. Mein dreijähriges Ich lächelt.

Die Waldeinsamkeit wird abgelöst von poliertem Asphalt und Parkplätzen, dahinter stechen die sieben Felstürme der Greifensteine in den unruhig bewölkten Himmel. Kein Mensch ist zu sehen. Mit den Hunden an der langen Leine wandere ich dreimal um die gewaltigen Blocksäulen herum, überlege, das Drehkreuz zur Aussichtsplattform zu passieren, der Fotoapparat klickt, dann haben wir alles gesehen: Nebel sieht auch von oben nur wie Nebel aus.

Als wir die Einfriedung erreichen, die das Waldgrundstück mit seinen hundefreundlichen 3.000 Quadratmetern umgibt, summt es in meiner Jackentasche. Die grüne Sprechblase, die aufpoppt, als ich den Bildschirm berühre, besteht aus zwei Buchstaben, und da Dirk bloß schreibt (sonst ruft er an), weiß ich gleich, dass es zum Gewinn der Klasse diesmal nicht gereicht hat. V2 steht da. Ich denke an sich drehende Flügelräder und dass man mit dem Erfolg viel zu schnell verlernt, sich über gute Ergebnisse zu freuen. Blöd, eigentlich. Ziemlich blöd sogar.

18|04|2015 – CACIB Chemnitz (Aleksandra Lubaszka/PL)
Broadmeadows Avalon »Zion«, Offene Klasse Rüden (3) V2 Res. CAC

Montag, 20. April

Ich weiß nicht, ob der Sonnenaufgang heute morgen irgendwie schlecht war (zum einen war er das nicht und zum anderen würde das voraussetzen, dass Sonnenaufgänge, genauso wie Eidotter, schlecht werden können) oder ob die Zeit, die ich danach allein auf den Stufen zu unserer Waldhütte gesessen habe, ganz einfach zu lang war. Man gerät gerne ins Grübeln, wenn man zu viel Zeit hat, und niemand da ist, um einen abzulenken. Die Gesellschaft von drei Hunden macht da keine Ausnahme – sie ist viel mehr erst Grund dazu. Der Gedanke an das Was wäre wenn (Was, wenn der Krebs doch nicht besiegt ist? Wenn er zurückkommt? Wenn wir nicht sehen, was vielleicht längst offensichtlich ist?) spricht besonders dann ganz ungemein laut, wenn alles andere schweigt: Sechs Uhr morgens ist eine gute Zeit, um Angst zu haben.

Während wir gestern Abend – nach zwei weiteren Wanderungen – mit zwei Eistüten vor der Hütte saßen, und darüber lachten, mit welchen Kunststückchen wir davon überzeugt werden sollten unser Eis mit den Hunden zu teilen, meinte ich irgendwann, dass ich mir sehr sicher sei, dass Nell auch noch in zehn Jahren genauso vor mir sitzen und die, dann vielleicht etwas graueren, Pfoten um sich werfen werde. Wortlos schauten wir uns an. »Bei Ida glaube ich das nicht«, sagte ich schließlich, »bei Ida bleibt uns nur die Gewissheit, von Jahr zu Jahr zu leben und dankbar zu sein, so lange sie da ist«. Schweigen, nichts weiter. Erstaunlich, dass man gemeinsam vor etwas Angst haben kann und trotzdem nicht weiß, wie es dem anderen damit geht.

Dienstag, 21. April

Die letzten Worte auf dem letzten gelben Post-it. To end sth. on a high note, heißt es im Englischen – steht da. Vielleicht stehen wir mehr für die Zwischentöne – ende ich.