24|10|2015 – Broad­me­a­dows Cheek to Cheek, »Zoe«

Es gibt eine Fra­ge, die mir immer wie­der gestellt wird – näm­lich, wel­cher der sie­ben Wel­pen mein Lieb­ling, mein Favo­rit ist. Weil ich nur ungern eine Ant­wort schul­dig blei­be, möch­te ich auch dar­auf ger­ne ant­wor­ten. Viel­leicht nicht so, wie man es erwar­tet – oder für den, der mei­ne Schrei­be kennt, gera­de so …

Es war ein­mal ein Mann, der leb­te mit sei­nen sie­ben Kin­dern in einer wind­schie­fen Hüt­te im Wald. Weil es das Leben gut mit ihnen gemeint, und sich in den Wäl­dern rings­um­her immer etwas gefun­den hat­te, das gejagt, gesam­melt und auf den Tisch gebracht wer­den konn­te, wuch­sen die Sie­ben bald her­an – eines stär­ker und schö­ner als das ande­re.

Als der Mann sich eines Abends schließ­lich müde aus­ge­streckt und das Nacht­licht am Kopf­en­de sei­nes Bet­tes längst gelöscht hat­te, klopf­te es mit lau­tem Schlag an der Tür der Hüt­te. »Wer mag das sein?«, flüs­ter­ten die Sie­ben, um den Vater nicht zu wecken, spran­gen aus den Bet­ten und lie­fen auf lei­sen Soh­len zur Tür. Davor fan­den sie nicht den ver­irr­ten Wan­ders­mann, den sie erwar­tet hat­ten, davor stand, in einen mot­ten­sti­chi­gen Umhang gehüllt, der schwar­ze Gevat­ter höchst selbst.

»Es ist Zeit«, sag­te die­ser und ließ die Sichel blit­zen, »den Vater zu holen, er soll mit mir kom­men«. Die Kin­der blick­ten sich mit gro­ßen Augen an, dann trat end­lich eines her­vor und fing mutig an zu spre­chen: »Der Vater hat noch nicht beschlos­sen, wel­ches von uns Kin­dern ihm das Liebs­te ist, und wem die Hüt­te und der Wald gehö­ren sol­len. Wenn du errätst, an wel­chem von uns Sie­ben sein Herz am meis­ten hängt, dann magst du ihn ger­ne mit dir neh­men«. Der Gevat­ter nahm die Sichel und rich­te­te sie auf das Kind, das gespro­chen hat­te: »Das wirst schon du sein – du bist sein Sohn –, der ein­zi­ge wohl­weis­lich. Was sol­len die Töch­ter mit einer Hüt­te im Wald, in der ihnen allei­ne Angst und Bang wird?« Der Sohn aber sag­te: »Das wäre zu ein­fach – und allein, weil ich der Ein­zi­ge bin, macht mich das nicht zu sei­nem größ­ten Schatz. Rate nur wei­ter, ich bin es nicht«. Der Gevat­ter fuhr also fort, ver­such­te es mit die­sem, dann mit dem nächs­ten Kind, bis er schließ­lich alle Sie­ben befragt hat­te. Er wuss­te nun zwar, dass das eine am schöns­ten, das ande­re am folg­sams­ten und wie­der ein ande­res das mutigs­te war – das Rät­sel, wel­ches der Kin­der dem Vater aber das liebs­te sei, hat­te er nicht lösen kön­nen. Also nahm er end­lich sei­ne Sichel und beschloss, es im Jahr dar­auf erneut zu ver­su­chen.

Als der Mann am Mor­gen dar­auf erwach­te, stan­den die Kin­der schon lan­ge um sein Bett. Ver­wun­dert rieb er sich die Augen, bis schließ­lich eines der Sie­ben die Fra­ge stell­te, die allen seit der Nacht auf der Zun­ge gebrannt hat­te. Der Mann lach­te und sag­te: »Jedes und kei­nes. Jedes, weil jedes beson­ders, und kei­nes, weil kei­nes wie das ande­re ist«.

© Johannes Willwacher