28|03|2017 – Unsere Border Collie Welpen in der 6. Lebenswoche
28|03|2017 – Unse­re Bor­der Col­lie Wel­pen in der 6. Lebens­wo­che

Der zweite Teil aus meinem eigenen Welpentagebuch: womit man als Züchter in der sechsten Lebenswoche der Welpen seinen Tag zubringt – und warum der oft ein wenig länger ist, als man denkt …

Zweiter Teil – 12 Uhr bis 22 Uhr

Den ers­ten Teil ver­passt? »Ein­mal Bor­der Col­lie Züch­ter sein – I« kannst Du hier nach­le­sen …

Im Schat­ten regt sich was. Gäh­nend streckt sich erst einer, dann ein zwei­ter, schließ­lich stre­cken auch die übri­gen drei Wel­pen blin­zelnd die Köp­fe aus dem Wel­pen­haus. Ich habe den Fut­ter­ring bereits abge­stellt, mit dem Fin­ger geprüft, ob der dicke Brei schon aus­rei­chend abge­kühlt ist, muss die Wel­pen aber – ganz im Gegen­satz zu Nell, die sich vor dem Git­ter begie­rig die Schnau­ze leckt – erst ein­mal locken. Als Hun­de­mensch, sagt man, sei vor allen Din­gen eine Bega­bung von Vor­teil – näm­lich jene, sich für nichts zu scha­de zu sein. Dem stim­me ich zu. Ich blen­de also die Pas­san­ten aus, die lachend hin­ter der lich­ten Hecke ste­hen blei­ben und – noch immer lachend – vor­über­ge­hen, beu­ge mich über Brei und Ring und begin­ne, herz­haft zu schmat­zen. Aus den Augen­win­keln sehe ich, wie ein Wel­pe neu­gie­rig her­an­ge­trabt kommt, die ande­ren fol­gen ihm mit klei­nem Abstand nach. Zwei tun es mir umge­hend gleich, sen­ken die Köp­fe und schmat­zen, wäh­rend einer abseits sit­zen bleibt und – noch immer gäh­nend – an einem Gras­hälm­chen zupft, und zwei wei­te­re in mei­ne Ohr­läpp­chen bei­ßen.

25|03|2017 – Unsere Border Collie Welpen in der 6. Lebenswoche
25|03|2017 – Unse­re Bor­der Col­lie Wel­pen in der 6. Lebens­wo­che

Nach dem Essen neh­me ich mir jeden der fünf Bor­der Col­lie Wel­pen ein­zeln her­aus, ver­las­se mit ihm die siche­re Umzäu­nung und schaue, wie er sich außer Sicht­wei­te sei­ner Geschwis­ter und ganz auf sich allein gestellt ver­hält. Bei den vor­an­ge­gan­ge­nen Wür­fen gab es immer den einen oder ande­ren Wel­pen, der sich zurück­hal­ten­der zeig­te und – ein­mal im unte­ren Gar­ten abge­setzt – kaum von der Stel­le bewe­gen woll­te. In die­sem nicht. In die­sem ist der feh­len­de Rück­halt der Geschwis­ter bei allen Fün­fen gleich ver­ges­sen und wird mit aller­größ­ter Neu­gier erforscht, was rings um die ver­wit­ter­ten Beton­plat­ten wächst. Sobald ich mich aber ein Stück weit ent­fer­ne, wan­dert der Blick mir auf­ge­regt hin­ter­her und sind die Wel­pen­bei­ne, die sonst nur gemäch­lich tra­ben, ganz plötz­lich dop­pelt so schnell. Ich lobe jeden und freue mich laut­stark – bin mir längst sicher, dass hin­ter den Hecken wie­der lachen­de Pas­san­ten ste­hen – und tra­ge Wel­pe für Wel­pe unter Dut­zen­den von Küs­sen zu den war­ten­den Geschwis­tern im Aus­lauf zurück.

Es wird Nach­mit­tag. Wäh­rend es mir der Besuch am Vor­tag erlaubt hat, die Wel­pen unbe­auf­sich­tigt zu las­sen und mich dem Haus­halt zu wid­men – das Nor­ma­le kommt in der Wel­pen­zeit immer zu kurz – muss ich mich heu­te damit begnü­gen, die Wäsche auf der Gar­ten­bank zusam­men­zu­le­gen, um wei­ter ein Auge auf die schla­fen­den Fünf haben zu kön­nen. Auch Nell, Ida und Zion, die rings um den Wel­pen­aus­lauf im Schat­ten dösen, sind bei jedem Geräusch, das von Außer­halb kommt, gleich hell­wach, recken den Hals und die Ohren, dösen aber wei­ter, wenn das Geräusch abebbt und kei­ne Gefahr zu ver­mel­den ist. Als Gefahr wird wohl auch nur man­cher Spa­zier­gän­ger ver­stan­den, der mit sei­nem Hund am Gar­ten­zaun ste­hen bleibt, sich hin­über beugt, um einen bes­se­ren Blick auf die Wel­pen zu haben, und mit lau­tem »Ah!« und »Oh!« wis­sen lässt, wie hübsch die­se doch sind. Ich könn­te mich also auf das Rudel ver­las­sen, den­ken: »Die Drei, die regeln das schon«, wür­de deren Auf­merk­sam­keit nicht aus­schließ­lich dem frem­den Hund und nicht dem mensch­li­chen Zaun­gast gel­ten. Käme jemand ohne Hund, der – wie von ande­ren Züch­tern schon berich­tet wor­den ist – über den Gar­ten­zaun steigt und sich unbe­ob­ach­tet einen der Wel­pen nimmt, wür­den die Hun­de die­sen wohl noch schwanz­we­delnd begrü­ßen und ohne Gebell und Pro­test mit dem Wel­pen zie­hen las­sen. Ich wid­me mich also wei­ter den Socken, neh­me mir dann Stift und Papier, um den nächs­ten Ein­trag im Wurf­ta­ge­buch zu ent­wer­fen, fül­le schnell ein bis zwei Sei­ten, und lese mir das Geschrie­be­ne – um genau zu sein, han­delt es sich dabei um eben die­se Zei­len – schließ­lich selbst laut vor. Und strei­che die Hälf­te. Etwas ger­ne zu tun ist das eine, etwas gut zu tun aber etwas ganz ande­res.

27|03|2017 – Unsere Border Collie Welpen in der 6. Lebenswoche
27|03|2017 – Unse­re Bor­der Col­lie Wel­pen in der 6. Lebens­wo­che

Als die Son­ne ein­mal um den Gar­ten her­um gewan­dert ist und die Schat­ten der bei­den Kirsch­bäu­me so lang und breit gewor­den sind, dass der Wel­pen­aus­lauf dar­un­ter nur noch wenig Tages­licht bekommt, beschlie­ße ich, es für heu­te gut sein zu las­sen, den fünf Bor­der Col­lie Wel­pen aber noch ein ganz beson­de­res Aben­teu­er zu bie­ten, bevor drin­nen die nächs­te Mahl­zeit und das Spiel­zim­mer war­ten. Ich fah­re also das Auto vor das grü­ne Gar­ten­tor, öff­ne die Heck­klap­pe und stel­le die von den vor­an­ge­gan­ge­nen Wür­fen bereits ange­nag­te Falt­box hin­ein, tra­ge dann einen Wel­pen um den ande­ren hin­aus, las­se die Reiß­ver­schlüs­se rit­schen und rat­schen und schließ­lich den Motor an.

Die Fahrt, die kaum fünf­zehn Minu­ten dau­ert und ein­mal rund durch die umlie­gen­den Ort­schaf­ten führt, ver­läuft zu mei­nem Erstau­nen aber wenig aben­teu­er­lich: das Geheul, das die ers­ten Meter beglei­tet, ist schon ver­stummt, als ich am Ende der Stra­ße den Blin­ker set­ze. Unse­re ers­ten bei­den Wür­fe, erin­ne­re ich mich, waren aus­dau­ernd und laut, ver­gli­chen mit die­sem, haben sich nicht nur in den Kur­ven gegen­sei­tig an Laut­stär­ke über­bo­ten, son­dern auch jedes Schlag­loch mit gro­ßem Buhei kom­men­tiert. Als ich den Wagen über die Bord­stein­kan­te zurück in die Ein­fahrt len­ke, höre ich aus dem Kof­fer­raum aber schließ­lich doch ein alt­be­kann­tes Geräusch – und nach­dem ich die Heck­klap­pe geöff­net und einen Blick durch das Sicht­fens­ter der Falt­box gewor­fen habe, sehe ich, dass einer der Wel­pen – die jüngs­te Hün­din – ganz grün um die Nasen­spit­ze ist. Der Rest: schläft. Und schläft auch gleich wei­ter, als alle zusam­men zurück im Haus sind.

27|03|2017 – Unse­re Bor­der Col­lie Wel­pen in der 6. Lebens­wo­che

Um halb acht habe ich end­lich die Mails beant­wor­tet, den Abwasch erle­digt und Staub gesaugt – zwar die drei erwach­se­nen Hun­de und die Wel­pen gefüt­tert, selbst aber noch immer nichts geges­sen. Bis halb elf muss ich mich noch wach hal­ten – den Aus­lauf für die Nacht vor­be­rei­ten, noch ein­mal durch­wi­schen und den Wel­pen die zwei­te Wurm­kur ver­ab­rei­chen – bis halb elf ist es eine hal­be Ewig­keit.

Sech­zehn Stun­den hat jeder Tag in den letz­ten Wochen der Wel­pen­zeit. Sech­zehn Stun­den, die viel Arbeit bedeu­ten und kaum eine ruhi­ge Minu­te las­sen. Und loh­nend? Es gibt zwei­fels­oh­ne loh­nen­de­re Beschäf­ti­gun­gen. Aber ganz sicher kaum schö­ne­re.

© Johannes Willwacher