20|04|2017 – »Ella« stellt das Leben von Lisa und ihrer Familie in Asbach auf den Kopf
20|04|2017 – »Ella« stellt das Leben von Lisa und ihrer Fami­lie in Asbach auf den Kopf

Am Ende: unsere Welpen ziehen aus. Über Abschiede und Neuanfänge – das, was man geleistet hat und das, was noch geleistet werden muss. Und über große schwarze Vögel.

Black­bird sin­ging in
the dead of night.

Es ist Mitt­woch – ein Tag, bevor die ers­ten drei der fünf Wel­pen aus­zie­hen sol­len –, als ich mich an den Schreib­tisch set­ze, um mit dem letz­ten Tage­buch­ein­trag zu begin­nen. Die Son­ne geht gera­de auf – aus dem Fens­ter sehe ich, wie sich die Wol­ken rot und die höchs­ten Äste der Obst­bäu­me gol­den fär­ben – dar­un­ter, wo noch alles im Schat­ten liegt, glit­zert der Frost und ist auch das Dach des Wel­pen­haus von einer dün­nen, wei­ßen Schicht über­zo­gen, eine Amsel hüpft ver­lo­ren dar­auf her­um, wippt und plus­tert sich auf. Wäh­rend ich dem schwar­zen Vogel nach­schaue, ihn im Geäst schließ­lich aus den Augen ver­lie­re, klingt sein Zwit­schern noch lan­ge in mei­nen Ohren nach. Viel­leicht gar nicht seins, den­ke ich, viel­leicht bloß irgend­ei­nes. Und dann begin­ne ich zu schrei­ben.

Dem letz­ten Ein­trag im Wurf­ta­ge­buch kommt für mich immer eine beson­de­re Bedeu­tung zu. Das nicht, weil er der Letz­te ist, und es sich über Abschie­de beson­ders gut schrei­ben lie­ße – Abschie­de machen auch mich schluss­end­lich eher sprach­los –, son­dern viel mehr, weil er noch deut­li­cher als jeder ande­re wider­spie­geln soll, was ich wäh­rend der Auf­zucht gedacht und gefühlt habe: Wie ich die­sen oder jenen Wel­pen erlebt und ein­zu­schät­zen gelernt habe, wo des­sen Stär­ken und Schwä­chen sind. Wie viel Lie­be, Zeit und Weit­sicht ich für die Prä­gung auf­ge­wandt habe – was bei den frü­he­ren Wür­fen anders war, nun bes­ser ist. Und viel­leicht auch, wo ich selbst ste­he, nach­dem alle gegan­gen sind. Letz­te­res ist am leich­tes­ten in Wor­te zu fas­sen, und Letz­te­res kann wohl auch am leich­tes­ten ver­stan­den wer­den: Wer nach­fühlt, was man nach acht Wochen auf­gibt – vom Put­zen und Waschen und dem Gefühl, nie genü­gend Zeit zu haben, ein­mal abge­se­hen –, der dürf­te mit dem Bild des gro­ßen schwar­zen Vogels, der früh­mor­gens ver­lo­ren im Wel­pen­aus­lauf her­um­hüpft, zwei­fels­oh­ne etwas anfan­gen kön­nen.

22|04|2017 – »Elvis« wird mit Kirstin in Essen glücklich werden
22|04|2017 – »Elvis« wird mit Kirs­tin in Essen glück­lich wer­den

All your life, you were only wai­ting
for this moment to ari­se.

Es wird Don­ners­tag, bis ich wie­der die Zeit fin­de mich an den Schreib­tisch zu set­zen. Auf der Abla­ge hin­ter mir sta­peln sich Papie­re – Ver­trä­ge, die noch unter­schrie­ben und Doku­men­te, die noch aus­ge­füllt wer­den wol­len – und wäh­rend auf dem Bild­schirm vor mir die Digi­tal­an­zei­ge in der Sta­tus­leis­te auf sechs Uhr umspringt, kopie­re ich die letz­ten Fotos auf den fünf­ten und letz­ten USB-Stick. Dann ist schließ­lich alles bereit. Zeit, um mich dem gro­ßen schwar­zen Vogel zu wid­men fin­de ich aber den­noch nicht, denn vor der Wurf­ab­nah­me, die in einer guten Stun­de erfol­gen soll, wol­len noch die Wel­pen gefüt­tert, das Wel­pen­zim­mer geputzt und auch die drei erwach­se­nen Hun­de ver­sorgt wer­den. Ich spei­che­re also das Doku­ment, das mit dem Titel eines Beat­les-Stücks über­schrie­ben ist, nip­pe an mei­nem Kaf­fee und schie­be den Stuhl zurück. Der letz­te Tag beginnt.

20|04|2017 – »Jill« ist zu Anke und Wilfried nach Euskirchen gezogen
20|04|2017 – »Jill« ist zu Anke und Wil­fried nach Eus­kir­chen gezo­gen

Black­bird fly, black­bird fly,
into the light of the dark black night.

Als es Mit­tag wird, machen sich mit Ella, Jill und Enya drei der fünf Wel­pen auf den Weg in ihr neu­es Zuhau­se – nach Asbach bei Augs­burg, Eus­kir­chen und Worms –, Elvis und Tyr­i­on, die bei­den Rüden, die nicht weit von­ein­an­der ent­fernt in Essen und Wup­per­tal leben wer­den, sol­len noch bis zum Wochen­en­de blei­ben. Ich läch­le, wäh­rend ich Hän­de schütt­le, und blei­be noch einen Moment am Gar­ten­tor ste­hen, um jeder der drei Hün­din­nen nach­zu­win­ken, dann wen­de ich mich ab, set­ze mich zu Nell, die abseits auf dem Rasen liegt – die sich, ganz gegen ihre Gewohn­heit, zum ers­ten Mal nicht von ihren Wel­pen ver­ab­schie­det hat –, und ver­gra­be mein Gesicht in ihrem Fell. Dass Nell mir dabei die Hän­de leckt, macht es nicht bes­ser – ganz im Gegen­teil –, denn die Trä­nen gel­ten nicht bloß den Wel­pen, sie gel­ten auch ihr: der Zeit, in der ich sie als Zucht­hün­din erle­ben durf­te, und die mit die­sem Wurf, mit die­sem Tag zu Ende geht.

20|04|2017 – »Enya« wird bei Nicole, Wenzel und ihren Jungs in Worms leben
20|04|2017 – »Enya« wird bei Nico­le, Wen­zel und ihren Jungs in Worms leben

All your life, you were only wai­ting
for this moment to be free.
»Black­bird«, The Beat­les (1968)

Aus­ge­gli­chen und freund­lich, mutig und neu­gie­rig, auf­merk­sam, geleh­rig und bei­na­he stu­ben­rein – es ist Sams­tag gewor­den, als ich die­se Zei­len schrei­be, und so sehr ich mich auch bemü­he, will mir nichts ein­fal­len, das gegen­tei­lig klingt und bei die­sen fünf Wel­pen nicht gelun­gen ist. Das macht das Abschied­neh­men umso schwe­rer – und wäh­rend Regen und Nebel kalt und grau über die Hügel drän­gen, mir kaum noch Wor­te blei­ben, rückt auch der nächs­te Abschied näher. Dass auch die­ser nicht für immer sein wird – dass es Tref­fen und Besu­che, Aus­stel­lun­gen und Tur­nie­re geben und man­cher die Zucht­li­ni­en wei­ter­füh­ren wird –, macht es nicht leich­ter: aus den Augen viel­leicht, aber nie aus dem Sinn – und immer im Her­zen.

Eine Amsel sitzt im Kirsch­baum. Sie singt eine Wei­le. Und dann fliegt sie davon. In ein lan­ges, gro­ßes, glück­li­ches Leben.

23|04|2017 – »Tyrion« hat sein Zuhause bei Frank und Norbert in Wuppertal gefunden
23|04|2017 – »Tyr­i­on« hat sein Zuhau­se bei Frank und Nor­bert in Wup­per­tal gefun­den

Die letzten Fotos unserer Border Collie Welpen

Danke für die schöne Zeit!

© Johannes Willwacher