02|07|2018 – Ida, Nell, Heidi und Zion
02|07|2018 – Ida, Nell, Hei­di und Zion

Es heißt, der Border Collie hat ein Problem. Wieder mal. Über Polemik, das postfaktische Zeitalter und Intuition per Definition: Zeit, unruhig zu werden.

Es ist August. Ein paar Tage noch, dann beginnt der Sep­tem­ber. Der Som­mer – das ver­rät mir ein Blick aus dem Fens­ter, vor dem der Him­mel in ein stump­fes Grau getaucht ist und schwe­re Regen­trop­fen gegen die Schei­ben schla­gen – ist vor­bei. Ich nip­pe an dem Kaf­fee, der längst nicht mehr warm ist, klau­be ein zwei­tes Kis­sen vom Boden auf, um es mir in den Rücken zu klem­men, und zie­he müh­sam erst das eine, dann das ande­re Bein unter der schla­fen­den Hün­din her­vor, die auf der zusam­men­ge­knüll­ten Bett­de­cke dar­über liegt. Alles ist ruhig. Nur ich bin es nicht.

Der Grund für die mor­gend­li­che Unru­he fin­det sich eine Hand­breit unter der Hüf­te und zeich­net sich farb­lich durch das glei­che stump­fe Grau aus, wie der Him­mel an die­sem Mor­gen. Die Tas­ta­tur und der Bild­schirm leuch­ten schwach, ein blau­er Strei­fen am obe­ren Rand, dar­un­ter in Spal­ten und Zei­len dicht­ge­dräng­te Buch­sta­ben. Seit­dem ich auf­ge­wacht und mit einer gro­ßen Tas­se Kaf­fee zurück unter die Bett­de­cke gekro­chen bin, habe ich mich durch fast die Hälf­te der Kom­men­ta­re gele­sen, die dort in weni­gen Stun­den abge­ge­ben wor­den sind – und mit jedem gele­se­nen Kom­men­tar ist nicht nur der Kaf­fee käl­ter oder mei­ne Lau­ne schlech­ter gewor­den, son­dern hat sich vor mei­nem inne­ren Auge auch immer mehr ein Bild mani­fes­tiert: das Bild eines Bor­der Col­lies, der einen sil­ber­nen Aluhut trägt.

Das post­fak­ti­sche Zeit­al­ter hat auch in der Hund­welt längst Ein­zug gehal­ten – und ver­gli­chen mit poli­ti­schen oder gesell­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen dort Grund­la­gen gefun­den, die noch viel stär­ker auf Emo­tio­nen, als auf nach­weis­ba­ren Fak­ten grün­den. Lie­be, Trau­er, Angst und Wut sind – mit etwas Fell und einem treu­en Blick ver­packt – ein Garant für vie­le Kom­men­ta­re. Und weil in der post­fak­ti­schen Welt grund­sätz­lich das für wahr gehal­ten wird, wor­über vie­le Men­schen reden, kommt es nicht von unge­fähr, dass sich in den sozia­len Netz­wer­ken immer mehr Dis­kus­sio­nen fin­den, die Pro­ble­me attes­tie­ren, wo gar kei­ne sind – ein sub­jek­ti­ver Ein­druck, ein biss­chen Pole­mik, und fer­tig ist das Pro­blem. An die­sem Mor­gen hat also der Bor­der Col­lie eines. Oder bes­ser: der »ech­te« Bor­der Col­lie. Mal wie­der. Es wird gebuht, geschrien und gehasst – und weil man stets einen exklu­si­ven Kreis von Leu­ten um sich hat, die mit den­sel­ben Inter­es­sen aus­ge­stat­tet sind, darf jede Mei­nung geäu­ßert wer­den: je gehäs­si­ger, des­to bes­ser. Aber über was redet man hier eigent­lich? Und wenn es den einen »ech­ten« Bor­der Col­lie tat­säch­lich gibt, gibt es dann auch einen »fal­schen«?

20|06|2018 – Ida, Heidi und Zion
20|06|2018 – Ida, Hei­di und Zion

Mehr Intuition!

Gibt es nicht. Und gab es nie. Weil die Ras­se schon in ihren Anfän­gen vor allen Din­gen einem unter­wor­fen gewe­sen ist: der züch­te­ri­schen Intui­ti­on. Letz­te­re hat schon früh zur Aus­prä­gung ver­schie­de­ner Typen geführt, die sich zwar durch ähn­li­che Arbeits­ei­gen­schaf­ten aus­zeich­ne­ten, optisch aber weit von­ein­an­der abwi­chen. Erst die Aner­ken­nung der Ras­se durch die FCI und die damit ver­bun­de­ne For­mu­lie­rung eines ver­bind­li­chen Ras­se­stan­dards hat einen homo­ge­ne­ren Typ her­vor­ge­hen las­sen – und mit­un­ter wohl auch dazu geführt, dass die Arbeits­ei­gen­schaf­ten der Ras­se nach­ran­gig behan­delt wur­den. Wel­cher Typ nun aber am ehes­ten dem Ide­al­bild ent­spricht, lässt sich kaum zufrie­den­stel­lend beant­wor­ten. War­um? Weil sich über Intui­ti­on nicht gut reden lässt.

Per Defi­ni­ti­on ist Intui­ti­on nie auch nur annä­hernd objek­tiv und immer in Abhän­gig­keit vom jewei­li­gen Wis­sens­stand und den Erfah­rungs­wer­ten zu sehen. Für sich genom­men hat dem­nach jeder Recht, der sich auf die Intui­ti­on beruft – und jeder Unrecht, der eine gegen­tei­li­ge Mei­nung ver­tritt. Wird also – wie beim Bor­der Col­lie – in der glei­chen Situa­ti­on aus unter­schied­li­chen Posi­tio­nen argu­men­tiert, kann das kaum zu einem Kon­sens füh­ren. Das erklärt im Ansatz viel­leicht, war­um Dis­kus­sio­nen über die Ent­wick­lung der Ras­se mit schö­ner Regel­mä­ßig­keit eska­lie­ren. Und damit auch mei­ne Unru­he an die­sem ver­reg­ne­ten Mor­gen: der Bor­der Col­lie hat ein Pro­blem.

Einer­seits hat er zu viel Fell und zu kur­ze Bei­ne, einen zu brei­ten Kopf und nichts dar­in. Ande­rer­seits sind die Bei­ne zu lang, die Win­kel zu steil und ist die Optik – ein biss­chen Pole­mik – so weit von den Ursprün­gen ent­fernt, wie Ham­burg von Mün­chen. Das eigent­li­che Pro­blem ist aber gar nicht das Vor­han­den­sein ver­schie­de­ner Typen – im Sin­ne der Intui­ti­on hat jeder sei­ne Für­spre­cher und jeder sei­ne Daseins­be­rech­ti­gung –, son­dern viel eher die Fra­ge, ob und wie sich die­se objek­tiv beur­tei­len las­sen.

19|07|2018 – Ida
19|07|2018 – Ida

Mehr Objektivität!

Am deut­lichs­ten wird die­ses Pro­blem im Fall von Hun­de­aus­stel­lun­gen, die eben nicht nur eine net­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung für Mensch und Hund, son­dern auch das maß­geb­li­che Instru­ment der inner­halb der FCI orga­ni­sier­ten Ras­se­hun­de­ver­ei­ne dar­stel­len, um die Zucht­taug­lich­keit eines Hun­des im Hin­blick auf den Ras­se­stan­dard ein­zu­schät­zen. Die Unzu­frie­den­heit, die oft­mals gera­de dort geäu­ßert wird, wo das Erschei­nungs­bild des Hun­des in einem oder meh­re­ren wesent­li­chen Punk­ten vom Stan­dard abweicht und die für eine Zucht­zu­las­sung erfor­der­li­chen Form­wert­no­ten nicht oder nur erschwert erreicht wer­den kön­nen, bricht sich auch in den Foren­dis­kus­sio­nen über die Ent­wick­lung der Ras­se immer wie­der Bahn. »Es fehlt an Objek­ti­vi­tät«, heißt es dann. Und zwei­fels­oh­ne braucht es mehr davon. Aber nicht unbe­dingt auf Sei­ten der Rich­ter. Viel mehr noch bedarf es ein Umden­ken auf Sei­ten derer, die von der Zucht­taug­lich­keits­prü­fung, die für den arbei­ten­den Bor­der Col­lie als Alter­na­ti­ve zum Aus­stel­lungs­we­sen gesetzt wor­den ist, kei­nen Gebrauch machen – in Sum­me haben im Club für bri­ti­sche Hüte­hun­de bis­lang kaum mehr als ein Dut­zend Hun­de einen Her­ding Working Test absol­viert und dar­über ihren Weg in die Zucht gefun­den – und der Zucht­zu­las­sung auf Aus­stel­lun­gen erfolg­los hin­ter­her­lau­fen.

War­um Umden­ken? War­um mehr Objek­ti­vi­tät? Weil es immer dar­um gehen soll­te, den Ist-Zustand ehr­lich und im Hin­blick auf die Fol­ge­ge­nera­ti­on zu beur­tei­len, Feh­ler aus­zu­glei­chen und zu extre­men Ent­wick­lun­gen gegen­zu­steu­ern. Das bedeu­tet frag­los, dass jeder Ansatz von Plump­heit zuguns­ten eines ath­le­ti­sche­ren Typs aus­ge­gli­chen wer­den soll­te – die Ent­wick­lung ist, im Gegen­satz zur gegen­wär­ti­gen Kri­tik, nicht neu und wird schon seit dem Import der ers­ten Hun­de aus aus­tra­li­schen und neu­see­län­di­schen Lini­en vor fast drei­ßig Jah­ren kon­tro­vers dis­ku­tiert. Das bedeu­tet aber gleich­wohl, dass auch die Züch­ter, die ihr Haupt­au­gen­merk auf der sport­li­chen Nut­zung der Ras­se haben, in der Pflicht sind und das Exte­ri­eur nicht auf Bie­gen und Bre­chen mög­li­chen Best­zei­ten unter­ge­ord­net wer­den darf – denn auch hier sind deut­li­che, wenn nicht zum Teil sogar bedenk­li­che Abwei­chun­gen zu fin­den. Und nicht zuletzt bedeu­tet das, Aus­stel­lun­gen als Sport­ver­an­stal­tun­gen zu begrei­fen, für die trai­niert wer­den muss – denn Erfol­ge fal­len selbst denen nicht in den Schoß, die ver­meint­lich immer vor­ne ste­hen: hier wird mit dem Hund zumeist schon vom Wel­pen­al­ter an geübt, genau­so wie es in allen sport­li­chen Dis­zi­pli­nen – im Agil­ty, Obedience, bei der Hüte­ar­beit – gang und gäbe ist. Wer den Trai­nings­auf­wand abtut, hat das wahr­schein­lich nicht begrif­fen. Und schafft sich damit selbst ein Pro­blem.

22|08|2018 – Ida und Heidi
22|08|2018 – Ida und Hei­di

Mehr Probleme?

»Hat der Bor­der Col­lie aber nun eines?«, fra­ge ich mich, als ich zwei Tage spä­ter wie­der mit dem Mac­book auf dem Schoß im Bett sit­ze. Wenn man es allein der Intui­ti­on über­lässt – viel­leicht. Wenn man, statt sich bewusst mit den Feh­lern der eige­nen Hun­de aus­ein­an­der­zu­set­zen, bloß die Feh­ler der ande­ren sieht – viel­leicht. Wenn man die Schuld allein bei Zucht­rich­tern sucht und glaubt, dass die­ser oder jener Typ bevor­zugt wird – viel­leicht. Dann könn­ten gegen­wär­ti­ge Ten­den­zen tat­säch­lich zu Pro­ble­men wer­den. Wenn man aber Wis­sen und Erfah­rungs­wer­te ein­setzt, wenn man Trai­ning nicht scheut und sich bewusst mit Feh­lern aus­ein­an­der­setzt, bestimmt nicht. Intui­ti­on allei­ne hat näm­lich einen ent­schei­den­den Nach­teil: sie trügt mit­un­ter. Den­ke ich, wäh­rend vor dem Fens­ter die Son­ne auf­geht. Der Som­mer, so scheint es, ist längst noch nicht vor­bei. Quod erat demonstran­dum. Falsch gedacht.

Noch ein bisschen mehr Sommer?
Unsere Lieblingsbilder!

© Johannes Willwacher