06|02|2019 – Heidi

Ein Unfall kann in Sekunden ein ganzes Leben verändern: über eine junge Hündin mit großer Zukunft – und über die Augenblicke danach.

Das größ­te Unglück ist, glück­lich gewe­sen zu sein.
Deut­sches Sprich­wort

Es sind genau sechs Wor­te, die in mei­nem Kopf wider­hal­len. Sechs Wor­te, die sich unent­wegt wie­der­ho­len, in End­los­schlei­fe – und mit jeder Wie­der­ho­lung ver­schwin­det etwas mehr Far­be aus mei­nem Gesicht: eine jun­ge Hün­din mit gro­ßer Zukunft. Was belang­los klingt – eine Zei­le aus einem Rich­ter­be­richt –, ist es an die­sem Frei­tag­abend ganz und gar nicht, denn in mei­nen Armen tra­ge ich nicht nur die besag­te jun­ge Hün­din vor mir her, son­dern gleich­wohl auch ein Stück jener Zukunft. Oder bes­ser: einer Zukunft, die fünf Minu­ten zuvor frag­lich gewor­den ist. Aber von Anfang an.

»Schon nach fünf«, den­ke ich und klap­pe das Note­book zu. Die Hun­de, die gera­de noch fried­lich gedöst haben, schau­en auf. Gro­ße Lust, mich noch ein­mal mit den Vie­ren auf den Weg zu machen, habe ich eigent­lich nicht – und für einen kur­zen Moment möch­te ich es mir ger­ne erlau­ben, die Abend­run­de aus­fal­len und die Hun­de bloß in den Gar­ten zu las­sen –, set­ze dann aber doch einen Fuß vor den ande­ren, und nach­ein­an­der sprin­gen alle Vier aus­ge­las­sen auf. »Bloß zur Tal­sper­re, eine hal­be Stun­de übers Feld«, den­ke ich, »das mögen alle«, und weil sich die aus­ge­las­se­ne Stim­mung auch noch am Ziel ange­kom­men fort­setzt, fal­len gleich alle Lei­nen und die Hun­de stür­men los – Zion und Hei­di vor­ne­weg, dahin­ter Nell, und schließ­lich Ida. Ich strei­fe die Kapu­ze über und ste­cke bei­de Hän­de in die Jacken­ta­schen – über das wei­te, baum­lo­se Feld bläst ein eisi­ger Wind – und viel­leicht ist es genau die­ser Moment, in dem alles beginnt, falsch zu lau­fen.

Ida ist die Ers­te, die umkehrt, um nach­zu­schau­en, was ich in mei­ner Jacken­ta­sche habe. Kurz dar­auf folgt ihr Nell, die auf Fut­ter hofft, und unge­stüm an mir hoch­springt – ein­mal, zwei­mal, mit for­dern­dem Gebell. Hei­di möch­te es ihr gleich tun – und aus dem Augen­win­kel sehe ich, wie sie zum Sprung ansetzt, sich weit hin­auf­schraubt und das Gleich­ge­wicht ver­liert, wie sie kippt und schließ­lich unge­bremst fällt. Dann schreit sie. Sie schreit nur ein­mal kurz auf. Es sind genau sechs Wor­te, die in mei­nem Kopf wider­hal­len – und die Zukunft liegt irgend­wo in Trüm­mern auf dem Feld.

Es ist kein ein­fa­cher Bruch, steht am Tag dar­auf fest – der lin­ke Hin­ter­lauf ist über dem Sprung­ge­lenk gleich zwei­fach gebro­chen. Die Tier­ärz­tin, die uns in der Tier­kli­nik Hof­heim betreut und nur kurz den Raum ver­lässt, um mit dem chir­ur­gi­schen Hin­ter­grund­dienst zu tele­fo­nie­ren, hat von Plat­ten und Schrau­ben gespro­chen – sechs Schrau­ben und einer frag­li­chen Aus­sicht auf voll­stän­di­ge Hei­lung –, und wäh­rend ich mit der jun­gen Hün­din im Behand­lungs­raum allei­ne bin, kann ich die Trä­nen nicht mehr zurück­hal­ten. Hei­di, die zwar lahmt, sich sonst aber kaum etwas anmer­ken lässt, ist viel tap­fe­rer als ich. Das muss sie auch sein – denn als die Tier­ärz­tin kur­ze Zeit spä­ter zurück­kehrt steht fest, dass Hei­di noch am glei­chen Tag ope­riert und sta­tio­när auf­ge­nom­men wer­den soll. Für wie lan­ge, kann mir die Tier­ärz­tin nicht sagen. »Das hängt vom Schmerz­emp­fin­den der Pati­en­tin ab«.

Zweifache Tibia-Fraktur: vor der Operation
Zwei­fa­che Tibia-Frak­tur: vor der Ope­ra­ti­on
Zweifache Tibia-Fraktur: nach der Operation
Zwei­fa­che Tibia-Frak­tur: nach der Ope­ra­ti­on

Der Chir­urg, der sich am Abend nach der Ope­ra­ti­on tele­fo­nisch an mich wen­det, äußert sich dann aber schon viel opti­mis­ti­scher. Die Ope­ra­ti­on sei zwar schwie­ri­ger aus­ge­fal­len, als ange­nom­men – im Rönt­gen­bild waren nur die bei­den Frak­tu­ren ein­deu­tig zu erken­nen gewe­sen, nicht aber, dass das mitt­le­re Kno­chen­stück zusätz­lich in zahl­rei­che Bruch­stü­cke zer­split­tert war –, mit dem Ergeb­nis sei er aber sehr zufrie­den. Er redet über wei­te­re Rönt­gen­ter­mi­ne – nach zwei, sechs und zwölf Wochen –, dar­über, dass die Plat­te in einem wei­te­ren Ein­griff ent­fernt wer­den muss, und weist dar­auf hin, dass der Hund für sechs bis acht Mona­te geschont wer­den muss. Mich inter­es­siert in die­sem Moment aber nur, wann ich Hei­di nach Hau­se holen kann. »Wir rufen Sie mor­gen vor­mit­tag an«, sagt er, und ich bedan­ke mich.

Dass wir die Crufts ver­pas­sen, für die sich Hei­di im ver­gan­ge­nen Jahr qua­li­fi­ziert hat­te, tut nur für einen Moment weh. Dass sie sich ihre letz­te, noch für den Deut­schen Cham­pi­on feh­len­de Anwart­schaft nicht nach Ablauf eines Jah­res im Juli erlau­fen kön­nen wird, einen Moment län­ger. Dass unse­re Wurf­pla­nung für den Herbst mit ihrem Unfall frag­lich gewor­den ist, schmerzt aber viel­leicht am meis­ten: eine Hün­din las­se ich nur bei bes­ter Kon­di­ti­on bele­gen – und selbst wenn die Hei­lung nichts zu wün­schen übrig las­sen wird, wird im Nach­gang noch eini­ges an Phy­sio­the­ra­pie not­wen­dig sein, um dem Mus­kel­ab­bau ent­ge­gen­zu­wir­ken, der sich durch die lan­ge Schon­zeit erge­ben wird. Viel­leicht sieht man es mir des­halb nach, dass ich in der dar­auf fol­gen­den Nacht wach lie­ge und mit mir selbst hade­re – nicht nur über­le­ge, die Wurf­pla­nung für die­ses Jahr zu ver­schie­ben, son­dern gleich alles hin­zu­schmei­ßen. Man bekommt nur so viel auf­ge­bür­det, wie man tra­gen kann, heißt es irgend­wo. Ich bin mir da manch­mal nicht so sicher.

Sicher bin ich mir, dass sich man­cher das miss­güns­ti­ge Lachen kaum ver­knei­fen kön­nen wird. Nicht, weil Erfolg immer Nei­der nach sich zieht, nicht, weil schlim­men Men­schen eben schlim­me Din­ge pas­sie­ren, son­dern viel­mehr, weil nicht nur Hei­di den Sima­ro-Stem­pel trägt, son­dern ein wenig viel­leicht auch ich. Wenn ich ehr­lich sein soll, ist mir das aber gera­de voll­kom­men egal. Wenn ich ehr­lich sein soll, möch­te ich gera­de nur die­se jun­ge Hün­din nach Hau­se holen, die unser Leben so sehr berei­chert hat. Möch­te für sie nicht die gro­ße, son­dern nur die schmerz­freie, die gesun­de Zukunft. Weil alles ande­re in die­sem Moment nicht mehr wich­tig ist.

06|02|2019 – Heidi

© Johannes Willwacher