06|06|2019 – Unsere drei Border Collie Hündinnen
06|06|2019 – Unse­re drei Bor­der Col­lie Hün­din­nen

Blind und taub geboren, öffnen die Welpen in der zweiten Lebenswoche ihre Augen und Ohren. Ein Versuch über Sinneseindrücke und Erinnerungen.

In dem decken­ho­hen Bücher­re­gal, das in dem offe­nen, an das Wel­pen­zim­mer gren­zen­den Raum eine gan­ze Wand ein­nimmt, steht eine ein­fa­che wei­ße Papp­schach­tel, kaum grö­ßer als ein Schuh­kar­ton. Dort steht sie neben ande­ren, die genau­so groß und genau­so weiß sind, die aber jemand im Gegen­satz zu der bewuss­ten Schach­tel vor Jah­ren beschrif­tet hat: »Stif­te« liest man auf der einen, »Näh­garn« auf der nächs­ten, »Far­ben« auf einer, bei der sich der Deckel nach oben wölbt. Die Schach­tel dane­ben ist bloß weiß und ver­rät nichts. Wür­de man den Deckel lüf­ten, um einen Blick hin­ein zu wer­fen, wür­de man wahr­schein­lich zuerst das gefal­te­te Papier her­aus­neh­men, das ganz zuoberst liegt, es gedan­ken­los bei­sei­te legen, sich dann über die dick­gla­si­ge Bril­le wun­dern, die dar­un­ter zum Vor­schein gekom­men ist, viel­leicht kurz auf­la­chen, und schließ­lich die Fotos betrach­ten, die am Boden der Schach­tel lose aus­ge­streut sind. Dar­auf lachen­de Gesich­ter. Men­schen, die gleich­zei­tig alt und jung und anders schei­nen. Erin­ne­run­gen, die fast zwan­zig Jah­re lang in die­ser Schach­tel bewahrt wor­den sind. Das eben bei­sei­te geleg­te, in der Mit­te gefal­te­te Papier ist eine davon. Das ist Inge.

06|06|2019 – Unsere beiden Border Collie Rüden
06|06|2019 – Unse­re bei­den Bor­der Col­lie Rüden

Inges Zim­mer befand sich ganz am Ende des geflies­ten Gangs, gleich neben dem Zim­mer von Doris. In die­sem Zim­mer ver­brach­te sie täg­lich Stun­den an ihrem Schreib­tisch, schnitt Din­ge aus alten Zeit­schrif­ten aus und kleb­te die Schnip­sel zu klei­nen Kunst­wer­ken zusam­men. Kunst­wer­ke, die oft nur sie selbst ver­stand, die sie nie­man­dem erklä­ren konn­te. Spre­chen konn­te Inge ohne­hin nicht, auch nicht hören. Inge war taub­stumm. Wenn sie sprach, dann waren es nur weni­ge Wor­te, die nach­voll­zieh­bar klan­gen. »Papa« gehör­te dazu. Und »Hua«, das hieß »Hund«. Ich weiß nicht, ob sie jemals einen eige­nen Hund beses­sen hat, weiß viel zu wenig dar­über, wie ihr Leben aus­ge­se­hen hat, bevor sie in das Wohn­heim für Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung zog, in dem ich damals mei­nen Zivil­dienst ableis­te­te. Ich weiß aber, dass auf ihren Kle­be­bil­dern immer wie­der Hun­de auf­tauch­ten und sie oft genug von Hun­den sprach, die­se gespielt an sich drück­te und zärt­lich in den Armen wieg­te. Ich weiß, dass sie sich vor­stel­len konn­te, einen Hund zu haben, dass sie ein Bild vor Augen hat­te, wie es sein wür­de. Damals dach­te ich, das sol­le nicht nur Vor­stel­lung blei­ben, nicht nur ein Bild, das sie nur mit einem Sinn, nur mit den Augen erfasst.

06|06|2019 – Unsere drei Border Collie Hündinnen
06|06|2019 – Unse­re drei Bor­der Col­lie Hün­din­nen

Ich kann mich gut an den Tag erin­nern – einen der letz­ten in mei­ner elf­mo­na­ti­gen Dienst­zeit –, als ich mit einem jun­gen Bor­der Col­lie an der Lei­ne in der Ein­gangs­tür zur Wohn­grup­pe stand. Lai­nes war im Jahr davor bei uns ein­ge­zo­gen, zu die­sem Zeit­punkt viel­leicht neun oder zehn Mona­te alt, und auch wenn sein Alter ande­res nahe­le­gen möch­te, ein eher zurück­hal­ten­der Ver­tre­ter sei­ner Ras­se. Ich war mir also sicher, dass es sei­tens des Vier­bei­ners kei­ne stür­mi­sche Begrü­ßung geben wür­de, mit der die Bewoh­ner womög­lich über­for­dert gewe­sen wären. Tat­säch­lich war bloß Inge über­for­dert, als ihr der Hund gegen­über stand. Tat­säch­lich war sie die Ein­zi­ge, die sich strikt wei­ger­te, sich dem Hund zu nähern oder, schlim­mer noch, ihn anzu­fas­sen. Hat­te ich nicht ange­nom­men, dass gera­de das ihr Her­zens­wunsch sei? Sich einen Hund nicht nur vor­stel­len zu müs­sen, son­dern mit allen Sin­nen zu erle­ben? Wie sehr hat­te ich mich getäuscht! Denn schein­bar genüg­te ihr die blo­ße Vor­stel­lung, brauch­te sie das Füh­len und Tas­ten genau­so wenig, wie ihre Stim­me oder ihr Gehör – lös­te der Hund, der ihr dort im Gang gegen­über stand und der in der Rea­li­tät, die sie für sich selbst kon­stru­iert hat­te, schlicht­weg nicht vor­ge­se­hen war, kei­ne Freu­de, son­dern viel­mehr Angst aus.

06|06|2019 – Unsere beiden Border Collie Rüden
06|06|2019 – Unse­re bei­den Bor­der Col­lie Rüden

War­um ich heu­te mor­gen an die wei­ße Papp­schach­tel und an Inge den­ken muss? Weil ich mir gera­de die Fra­ge stel­le, ob es einem Wel­pen, der blind und taub gebo­ren wird und dem sich die Welt in den ers­ten bei­den Lebens­wo­chen fast allein über den Geruch erschließt, nicht ähn­lich geht. Wie ist das, wenn sich die Sin­nes­ein­drü­cke erwei­tern, sich end­lich Augen und Ohren öff­nen, und ein Wel­pe das, was er bis­lang nur undeut­lich wahr­ge­nom­men hat, zum ers­ten Mal bewusst erlebt? Löst das Angst und Ableh­nung aus? Oder befeu­ert das nicht viel­mehr die Neu­gier, das Erkun­dungs­ver­hal­ten? Letz­te­res wird ger­ne als Trieb­fe­der für die frü­he Wel­pen­ent­wick­lung bezeich­net – als maß­geb­lich, bevor es in der spä­te­ren Ent­wick­lung vom Angst­ver­hal­ten über­la­gert wird. Heißt das, dass ein Wel­pe in den ers­ten Lebens­wo­chen noch gar nicht fähig ist, Angst zu zei­gen? Er allem erst ein­mal neu­gie­rig und ohne Ableh­nung gegen­über tritt, um die Syn­ap­sen zum Glü­hen zu brin­gen und mög­lichst vie­le neu­ro­na­le Ver­bin­dun­gen zu schaf­fen?

Ich kann es nicht sagen – genau­so wenig, wie ich beant­wor­ten kann, was aus Inge gewor­den ist. Nach dem Ende des Zivil­diens­tes bin ich nur noch ein­mal dort zu Besuch gewe­sen – allei­ne, fast ein Jahr spä­ter, ohne Hund. Bei die­sem letz­ten Besuch habe ich eines von Inges Kunst­wer­ken mit­ge­nom­men – eines, auf dem zwei Pudel auf einem Tret­rol­ler fah­ren –, und eben jenes gefal­te­te, mit bun­ten Schnip­seln bekleb­te Blatt Papier liegt nun ganz zuoberst in der wei­ßen Papp­schach­tel, die im Bücher­re­gal vor dem Wel­pen­zim­mer steht. Eine Erin­ne­rung. Etwas das ich begrif­fen, gese­hen, erlebt habe, das mich – wenn man so will – für mein Leben geprägt hat.

An was wer­den sich unse­re fünf Wel­pen spä­ter erin­nern? Sind das Gesich­ter, Geräu­sche, Gerü­che? Wel­ches Bild machen sie sich von der Welt? Was macht ihnen Freu­de, was macht ihnen Angst? Wir wer­den sehen.

Zwei Wochen sind unse­re fünf Bor­der Col­lie Wel­pen nun alt – und alle Fünf schi­cken sich nicht nur an, ihr Geburts­ge­wicht lang­sam aber sicher zu ver­drei­fa­chen, son­dern öff­nen auch nach und nach die Augen. Wäh­rend ich bei dem einen oder ande­ren bereits am Anfang der Woche einen win­zi­gen Spalt in den Augen­win­keln bemer­ken durf­te, haben mitt­ler­wei­le alle die Augen geöff­net und schau­en mit trü­bem Blick vor sich hin. Sehen kön­nen die Wel­pen aber noch nicht – bis die Trü­bung der Augen ver­schwun­den ist und sich die Seh­fä­hig­keit voll ent­wi­ckelt hat, wird es noch drei oder vier Tage dau­ern. Die Ruhe, von der die Wel­pen­auf­zucht in den ers­ten bei­den Lebens­wo­chen geprägt ist, gehört damit bald der Ver­gan­gen­heit an – die Wel­pen neh­men ihre Umwelt von nun an nicht nur bewusst wahr, sie begin­nen auch, die­se auf eige­ne Faust zu erkun­den. Die ers­ten wack­li­gen Geh­ver­su­che sind bereits getan!

© Johannes Willwacher