08|06|2019 – Impressionen aus dem Welpenzimmer
08|06|2019 – Impres­sio­nen aus dem Wel­pen­zim­mer

Über Welpen, die laufen, eine Hündin, die sitzt, und einen halbnackten Mann mit Fön: ein ganz normaler Morgen während der Welpenaufzucht.

Es klingt bei­na­he so, als hät­te ich es erfun­den – bes­ser hät­te man es gar nicht erfin­den kön­nen –, aber tat­säch­lich ist es der klei­ne »For­rest Gump«, den ich als ers­tes der fünf Geschwis­ter durch die Wurf­kis­te lau­fen sehe, als ich am Frei­tag­mor­gen vom Sport kom­me. »Lauf, For­rest, lauf!«, rufe ich ihm lachend zu – wor­auf der Wel­pe den Kopf hebt und sich umdreht, kurz strau­chelt und nach hin­ten weg­kippt. Wie­der muss ich lachen. Der Wel­pe kugelt sich unbein­druckt zur ande­ren Sei­te, stemmt sich mit sei­nen win­zi­gen Pfo­ten lang­sam hoch und läuft eine wei­te­re wack­li­ge Run­de. Ich zie­he mir das oliv­grü­ne, vom Sport ver­schwitz­te T-Shirt über den Kopf, knül­le es in den Hän­den zusam­men und las­se es in eine Ecke der Wurf­kis­te fal­len. Das hat sei­nen Grund. Doch dazu spä­ter mehr. Erst ein­mal muss ich duschen.

08|06|2019 – Impressionen aus dem Welpenzimmer
08|06|2019 – Impres­sio­nen aus dem Wel­pen­zim­mer

Die Ent­wick­lungs­pha­se, in der sich die Wel­pen gegen­wär­tig befin­den, mag mit einer Dau­er von fünf bis sie­ben Tagen zwar die kür­zes­te in der Ent­wick­lung unse­rer klei­nen Vier­bei­ner sein, nichts des­to trotz geht sie aber wohl mit den meis­ten sicht­ba­ren Ver­än­de­run­gen ein­her: durch Hören und Sehen erwei­tert sich näm­lich nicht nur die Wahr­neh­mung der Wel­pen, auch das Ner­ven­sys­tem macht durch die neu­ge­won­ne­nen Fähig­kei­ten einen beacht­li­chen Ent­wick­lungs­sprung. Aus einem pas­si­ven Wel­pen, der bis­her bloß geschla­fen und getrun­ken hat, sich allein durch Krie­chen fort­be­we­gen konn­te, wird so inner­halb weni­ger Tage einer, der in der Lage ist, die ers­ten Geh­ver­su­che zu unter­neh­men und aktiv sei­ne Umwelt zu erkun­den.

Letz­te­res wird auch durch die Hün­din geför­dert – auch wenn das auf den ers­ten Blick viel­leicht gar nicht so schei­nen mag: hat sie in den ers­ten Wochen immer bei den Wel­pen gele­gen und das Wurf­la­ger kaum ver­las­sen, lässt sie die Wel­pen nun viel häu­fi­ger allein, legt sich zum Säu­gen weni­ger hin, son­dern lässt die Wel­pen im Sit­zen oder Ste­hen nach den Zit­zen suchen. Die Wel­pen müs­sen also aktiv wer­den – und üben durch die grö­ße­re Anstren­gung, die ihnen das auf­ge­rich­te­te, sit­zen­de oder ste­hen­de Trin­ken abver­langt, gleich­zei­tig mehr Kör­per­be­herr­schung ein. Die höhe­re Beweg­lich­keit hat aber noch einen wei­te­ren Grund. Einen, der so lang­sam auch der Hün­din stinkt.

In den ers­ten bei­den Lebens­wo­chen ist es einem Wel­pen nicht mög­lich, sich selb­stän­dig zu lösen. Die Aus­schei­dung von Kot und Urin wird des­halb von der Mut­ter­hün­din durch Belecken aus­ge­löst, das Wurf­la­ger von ihr sau­ber gehal­ten. Das ändert sich in der drit­ten Lebens­wo­che. Der Wel­pe ist nun in der Lage, sich gezielt zu lösen – und ver­sucht sei­ner­seits, das Wurf­la­ger nicht zu ver­un­rei­ni­gen, muss es also kurz­zei­tig ver­las­sen kön­nen. Die Hün­din ist zwar auch noch wei­ter­hin dar­um bemüht, die Wel­pen und die Wurf­kis­te sau­ber zu hal­ten, spä­tes­tens aber, wenn sich der Milch­kot in der vier­ten Lebens­wo­che durch die all­mäh­li­che Zufüt­te­rung ver­än­dert – er zu rie­chen beginnt –, gehört auch das der Ver­gan­gen­heit an und der Züch­ter muss Sor­ge dafür tra­gen, dass dem Wel­pen ein Löse­platz außer­halb sei­nes Schlaf­la­gers zur Ver­fü­gung steht. Das ist schnell ver­knüpft und schnell ver­in­ner­licht – und so wackeln auch unse­re Wel­pen nach und nach zum Lösen aus der Wurf­kis­te hin­aus: wich­ti­ge Schrit­te in der sozia­len Früh­prä­gung – die ers­ten Schrit­te zur Stu­ben­rein­heit.

08|06|2019 – Impressionen aus dem Welpenzimmer
08|06|2019 – Impres­sio­nen aus dem Wel­pen­zim­mer

Auch das ver­schwitz­te T-Shirt ver­steht sich im Sin­ne der Früh­prä­gung und liegt – wo soll­te es auch anders sein – auch dann noch an Ort und Stel­le, als ich mit einem Hand­tuch um die Hüf­ten aus dem Bade­zim­mer kom­me. Alles, was die Wel­pen in die­ser frü­hen Ent­wick­lungs­pha­se auf­neh­men und ken­nen­ler­nen – ganz gleich ob bewusst oder unbe­wusst –, wird für sie in ihrem spä­te­ren Leben selbst­ver­ständ­lich sein und auf­grund der beglei­ten­den Für­sor­ge der Hün­din im bes­ten Fall sogar ein erin­ner­tes Wohl­ge­fühl aus­lö­sen. Das kön­nen Geräu­sche und Gerü­che sein – mensch­li­che Gerü­che in Klei­dungs­stü­cken, Gesprä­che, Geräu­sche von Staub­saugern, aus dem Radio, ein lau­ter Fön. Mit Letz­te­rem wed­le ich schließ­lich auch ein wenig vor der Wurf­kis­te her­um – und gebe damit für den Außen­ste­hen­den wohl ein äußerst selt­sa­mens Bild ab: was macht ein halb­nack­ter Mann mit rasier­tem Kopf schon mit einem Fön? Den Wel­pen selbst ist das aber egal. Sie trin­ken unbe­ein­druckt wei­ter. Und genau so soll das sein.

© Johannes Willwacher