Fünf Wochen alter Border Collie Welpe bei einem Ausflug in den Wald
27|06|2019 – Sis­si, Broad­me­a­dows First Last Eter­ni­ty

Gedächtnis, Geschichte und Genetik: wenn es an einem Morgen, den man mit den Welpen im Wald verbringt, ganz plötzlich »Klick« macht …

»Viel­leicht«, den­ke ich, als ich am frü­hen Diens­tag­mor­gen mit der Kame­ra in der Hand auf einer Wald­lich­tung unweit der schma­len Stra­ße ste­he, die von den letz­ten Anhö­hen des Wes­ter­walds durch das Buch­hel­ler­tal ins Sie­ger­land führt, »viel­leicht hat an genau die­ser Stel­le auch schon der ers­te mei­ner Urah­nen gestan­den, der sich auf deut­schem Boden nie­der­ge­las­sen hat«. Wie ich dar­auf kom­me?

Fünf Wochen alter Border Collie Welpe bei einem Ausflug in den Wald
27|06|2019 – Quinn, Broad­me­a­dows For­rest Gump

Als Kind habe ich oft stun­den­lang vor dem kunst­voll illus­trier­ten Stamm­baum mei­ner Fami­lie gestan­den, der im dunk­len, fens­ter­lo­sen Flur der Woh­nung mei­ner Groß­el­tern hing. Den immer dün­ner wer­den­den Ästen bin ich mit den Augen zu den Blät­tern und Knos­pen gefolgt, habe dort die Namen mei­ner Eltern und Groß­el­tern gefun­den, auf einem jun­gen Spross bald mei­nen eige­nen, und habe schließ­lich den umge­kehr­ten Weg zurück zum Stamm ein­ge­schla­gen. Dort, ganz unten am Stamm, fand sich eben­falls mein Name – mit dem Unter­schied, dass zwi­schen der Geburt jenes ältes­ten bekann­ten Vor­fah­ren mei­ner Fami­lie und mei­ner eige­nen mehr als drei­hun­dert Jah­re lagen. Jener Johan­nes Will­wa­cher war 1653 in Tirol gebo­ren und – so nimmt man an – im Zuge der Gegen­re­for­ma­ti­on dazu ver­an­lasst wor­den, sei­ne Hei­mat zu ver­las­sen. Der Ort, in dem er sich nie­der­ließ – Bur­bach – schließt sich im Nor­den an das Buch­hel­ler­tal an.

Fünf Wochen alter Border Collie Welpe bei einem Ausflug in den Wald
27|06|2019 – Mol­ly, Broad­me­a­dows Fai­ry Queen

Es ist also gar nicht unwahr­schein­lich, dass auch er ein­mal dort gestan­den hat, wo ich an die­sem Mor­gen ste­he – auch wenn das bewal­de­te Bach­tal damals ganz anders aus­ge­se­hen haben muss: vie­le der Gru­ben und Berg­wer­ke, die das Tal mehr als zwei­hun­dert Jah­re präg­ten und denen man in den grü­nen Wäl­dern auch heu­te noch hier und da nach­spü­ren kann, ent­stan­den um 1700 – durch den Abbau von Kup­fer und Blei wer­den die stei­len Hän­ge damals also wohl viel eher kahl und baum­los gewe­sen sein. Ob das, was der Ort in mir aus­löst, zum gene­ti­schen Gedächt­nis gehört? »Viel­leicht zieht es mich gera­de des­halb immer wie­der dort hin«, den­ke ich bei mir, als ich schließ­lich auf den Aus­lö­ser drü­cke, »und viel­leicht gebe ich den Wel­pen bei ihrem ers­ten Aus­flug des­halb auch ein wenig von mei­ner Geschich­te mit«.

Fünf Wochen alter Border Collie Welpe bei einem Ausflug in den Wald
27|06|2019 – Fel­low, Broad­me­a­dows Fire Meet Gaso­li­ne

An die­sem Mor­gen sind es aber vor allem unbe­kann­te Ein­drü­cke und Gerü­che, die auf die Wel­pen ein­strö­men: wei­ches, duf­ten­des Moos, dün­ne Äste und Kie­fern­na­deln, die unter den zar­ten Wel­pen­pfo­ten pik­sen, zwit­schern­de Vögel in den dunk­len Tan­nen­kro­nen und nicht weit ent­fernt ein plät­schern­der Bach. Die frem­de Umge­bung schüch­tert die Wel­pen aber nicht im Gerings­ten ein, ganz im Gegen­teil begin­nen sie schon bald, den Wald­bo­den neu­gie­rig zu erkun­den und die Nasen ganz tief in das Moos, den Farn und die nied­ri­gen Hei­del­beer­sträu­cher zu ste­cken. Weil mich noch immer der Gedan­ke zum gene­ti­schen Gedächt­nis umtreibt – im letz­ten Jahr habe ich eini­ge wis­sen­schaft­li­che Abhand­lun­gen und For­schungs­be­rich­te zur Epi­ge­ne­tik gele­sen, die auch für die Hun­de­zucht immer grö­ße­re Bedeu­tung gewinnt –, wirft das Ver­hal­ten der Wel­pen für mich die Fra­ge auf, ob die Gelas­sen­heit allein durch die Gegen­wart des Men­schen bedingt ist, auf den sie posi­tiv geprägt sind, oder ob nicht irgend­wo in ihrem Erb­gut eine Erin­ne­rung schlum­mert, die sie die neue Umge­bung von vorn­her­ein posi­tiv wahr­neh­men lässt. Eine ererb­te Vor­lie­be, sozu­sa­gen. Mit unse­ren erwach­se­nen Hun­den – auch der Groß­mutter der Wel­pen – bin ich in die­sen Wäl­dern schließ­lich schon oft unter­wegs gewe­sen. Wenn gute Erin­ne­run­gen einen gene­ti­schen Vor­teil brin­gen, war­um soll­ten sie sich dann nicht auch ver­er­ben?

Fünf Wochen alter Border Collie Welpe bei einem Ausflug in den Wald
27|06|2019 – Finn, Broad­me­a­dows Fred­die Mer­cu­ry

Das schlech­te Erfah­run­gen sich oft­mals im Erb­gut nie­der­schla­gen und an die Nach­kom­men wei­ter ver­erbt wer­den, gilt nach kli­ni­schen Stu­di­en als erwie­sen – auch vor­ge­burt­li­cher Stress kann dazu füh­ren, dass Erb­an­la­gen ver­än­dert wer­den und ein Wel­pe sich nach­tei­lig, ganz anders als die Eltern­tie­re ent­wi­ckelt, ängst­lich oder sogar aggres­siv wird. Mit eben jener Ver­än­de­rung von Genen durch Umwelt­ein­flüs­se beschäf­tigt sich die Epi­ge­ne­tik – mit der Mög­lich­keit, dass durch die Umwelt bestimmt wird, wel­che Anla­gen sich in wel­chem Umfang und in wel­cher Wei­se ent­fal­ten. Für die For­schung ist das gera­de im Hin­blick auf Krank­hei­ten von Inter­es­se, bei denen ange­nom­men wird, dass nicht nur der Aus­bruch, son­dern auch der Ver­lauf durch epi­ge­ne­ti­sche Mecha­nis­men gesteu­ert wer­den. Für den Züch­ter ste­hen viel­leicht eher Wesens­merk­ma­le – das Tem­pe­ra­ment, Vor­lie­ben und Abnei­gun­gen – im Vor­der­grund. Für mich bedeu­ten jene Erkennt­nis­se also einen Wald vol­ler Mög­lich­kei­ten, die gezielt genutzt wer­den kön­nen – aber auch eine noch grö­ße­re Ver­ant­wor­tung bei der Wurf­pla­nung, Auf­zucht und Prä­gung der Wel­pen: wel­chen Schal­ter für wel­ches Gen lege ich um?

Herr Will­wa­cher steht im Wald – mit Wel­pen. Und dann macht es »Klick« …

Unse­re fünf Bor­der Col­lie Wel­pen haben nicht nur den kur­zen Wald­spa­zier­gang gut auf­ge­nom­men, son­dern auch die ers­te Auto­fahrt ganz gelas­sen hin­ge­nom­men: wäh­rend es bei unse­ren vor­an­ge­gan­ge­nen Wür­fen immer einen oder zwei Wel­pen gab, denen das Fah­ren nicht gut bekom­men ist, muss­te sich dies­mal kein ein­zi­ger Wel­pe über­ge­ben. Ein wenig gesun­gen wur­de zwar, aber viel­leicht – reden wir uns das ein – auch eher aus Vor­freu­de.

© Johannes Willwacher