Border Collie Welpe, einen Tag alt
15|03|2021 – Impres­sio­nen aus der Wurfkiste

Drei Momentaufnahmen der Welpenaufzucht: was wir in der ersten Lebenswoche unserer Border Collie Welpen erleben – und was uns bewegt hat.

Der erste Tag

Am Tag nach der Geburt sit­ze ich am Abend in der Wurf­kis­te. Die Wel­pen sind gera­de gewo­gen wor­den und die Sei­ten der sechs Wie­ge­pro­to­kol­le, die ich auf der Fens­ter­bank abge­legt habe, kit­zeln mich am Hin­ter­kopf. Hei­di hat sich auf der ande­ren Sei­te der Wurf­kis­te aus­ge­streckt, ihr Kopf ruht auf dem knapp 20 Zen­ti­me­ter hohen Brett, das den Ein­gang ver­schließt, und wäh­rend sich die Wel­pen nach dem Wie­gen suchend durch das Fell an ihrem Bauch wüh­len, schließt sie die Augen und schläft schließ­lich ein. Wäre da nicht der ange­streng­te Atem, der bei jeder Hün­din die ers­ten Tage nach der Geburt beglei­tet, könn­te man den Anblick bei­na­he fried­lich nennen.

Nach und nach las­sen die Wel­pen satt und zufrie­den von den Zit­zen der Hün­din ab. Obschon alle gleich nach der Geburt gut und aus­rei­chend getrun­ken haben, sind es bloß zwei, bei denen ich eine Gewichts­zu­nah­me notie­ren durf­te. Dass die Übri­gen ein wenig Gewicht ver­lo­ren haben, ist aber kein Grund zur Besorg­nis: nicht nur das ers­te voll­stän­di­ge Ent­lee­ren von Darm und Bla­se kann nach der Geburt zu einem Gewichts­ver­lust füh­ren, auch die Umstel­lung auf eine selb­stän­di­ge Ernäh­rungs­wei­se hat oft zur Fol­ge, dass die Wel­pen in den ers­ten zwei Tagen an Gewicht verlieren.

Wäh­rend die Wel­pen also begin­nen, sich mit krei­seln­den Bewe­gun­gen von der Hün­din zu ent­fer­nen, nut­ze ich die Gele­gen­heit, um den einen oder ande­ren hoch zu neh­men und mit dem Geruch mei­ner Hand ver­traut zu machen. Der erst Wel­pe gähnt und schmatzt, ist gleich dar­auf ein­ge­schla­fen, und auch der zwei­te scheint nichts dage­gen zu haben, in der Hand gehal­ten zu wer­den. Ganz im Gegen­teil: als ich ihn kurz dar­auf zwi­schen den Vor­der­läu­fen der Hün­din abset­ze und mich mit der frei gewor­de­nen Hand in einer Ecke der Wurf­kis­te abstüt­ze, pro­tes­tiert er laut­stark und kriecht kaum einen Moment spä­ter wie­der auf mei­ne Hand zu. Als er sie erreicht, ver­stummt er schließ­lich, schiebt sich mit Kopf und Bauch dar­über, und schläft zufrie­den ein. »Ver­trau­en ist der Anfang von allem«, den­ke ich. Selbst in einer Welt, die bloß aus Gerü­chen, dem Emp­fin­den von Käl­te und Wär­me, und einem Kit­zeln unter den Pfo­ten besteht.

Champion

16|03|2021 – Impres­sio­nen aus der Wurfkiste

»Es stinkt«, sagt Dirk und rümpft die Nase. Weil Hei­di gera­de nicht anwe­send ist – schon nach zwei Tagen lässt sich der sau­re Geruch, der ihrem Atem durch das stän­di­ge Belecken der Wel­pen anhaf­tet, kaum noch leug­nen –, und sich auch die bei­den ande­ren Hun­de im obe­ren Stock­werk befin­den, schluss­fol­ge­re ich, dass er wohl mich damit mei­nen muss. Vor­sich­tig hebe ich also einen Arm, um unauf­fäl­lig an dem grau­en Sweat­shirt zu rie­chen, das ich schon seit fünf Tagen tra­ge. Und tat­säch­lich: ich stin­ke. Ist mir vor­her gar nicht auf­ge­fal­len – genau­so wenig wie die Blut­fle­cken, die sich irgend­wann unter der Geburt in den grau­en Stoff gefres­sen haben müs­sen. »Die Hit­ze«, sage ich ent­schul­di­gend, und mei­ne das auf 25 Grad auf­ge­heiz­te Wel­pen­zim­mer, »die Hit­ze und der Stress«. Dass die Stun­den bis zur Geburt des ers­ten Wel­pen für mich am belast­ends­ten sind – dass ich zwang­haft ein Schre­ckens­sze­na­rio nach dem ande­ren gedank­lich durch­spie­len muss –, ist Dirk nur zu gut bekannt. Des­halb nickt er auch bloß und sagt: »Die Dusche ist oben!«

Das besag­te Sweat­shirt liegt auf dem Wäsche­korb, als ich mit einem umge­bun­de­nen Hand­tuch aus dem Bad her­aus­tre­te. Dort liegt es auch noch, als ich mir die Jog­ging­ho­se über­ge­streift und einen Blick in das angren­zen­de Wel­pen­zim­mer gewor­fen habe. Weil der Wäsche­korb ohne­hin voll ist – täg­lich wol­len zwei bis drei Laken, mit denen die Wurf­kis­te aus­ge­legt ist, aus­ge­kocht und getrock­net wer­den –, ent­schei­de ich, dass der schwit­zi­ge Swea­ter auch noch einen zwei­ten Zweck erfül­len kann. In der Wurf­kis­te, näm­lich: was könn­te als ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­me bes­ser geeig­net sein, als ein all­ge­gen­wär­ti­ger mensch­li­cher Geruch, der sich zu dem war­men Geschmack von Milch gesellt?

Es dau­ert nicht lan­ge, bis einer der Wel­pen – der zuletzt gebo­re­ne Rüde – beim Her­um­krie­chen auf den frem­den Gegen­stand stößt. Ich beob­ach­te, wie sei­ne Nase auf­ge­regt zu zucken beginnt, wie er die win­zi­ge Schnau­ze immer wie­der suchend in den wei­chen Stoff tau­chen lässt. Dann schiebt er sich schließ­lich mit den Hin­ter­läu­fen empor und bleibt auf dem grau­en Stoff­berg lie­gen. »Cham­pion« steht in gro­ßen Buch­sta­ben dar­auf. Wenn das kein Zei­chen ist.

Der Mützenmann

Border Collie Welpe, drei Tage alt
17|03|2021 – Impres­sio­nen aus der Wurfkiste

Es ist kurz nach neun an die­sem Mitt­woch, als ich nach der Mor­gen­run­de in unse­re Stra­ße ein­bie­ge. Schon von wei­tem kann ich das frem­de Fahr­zeug sehen, das auf dem Geh­weg vor unse­rem Haus parkt. Den Fah­rer sehe ich erst, als ich unse­ren Wagen dahin­ter abstelle.

Mit ver­schränk­ten Armen steht er vor dem Ein­gang. Ein Mann in einem grau­blau­en Par­ka – Mit­te fünf­zig, viel­leicht – der eine schwar­ze Woll­müt­ze trägt. Als ich den Fens­ter­he­ber betä­ti­ge und ihn anspre­che, zuckt er zusam­men. »Kann ich ihnen hel­fen?« Er lässt die Arme sin­ken und macht zwei Schrit­te auf mich zu. Auch die Hun­de im Kof­fer­raum haben ihn nun bemerkt. »Ich dach­te schon, es wäre nie­mand da«, sagt er und bleibt hin­ter dem Gar­ten­zaun ste­hen. »Bis vor zwei Minu­ten stimm­te das auch«, erwi­de­re ich und zie­he den Zünd­schlüs­sel ab, »sie haben hier aber jetzt nicht so lan­ge gewar­tet, um mit uns über Gott zu sprechen?«

Der Mann schüt­telt den Kopf. »Ich wollt’ mir nur mal ihre Wel­pen anschau­en, wenn sie kurz Zeit haben«, gibt er sich räus­pernd zurück, »im Inter­net hab’ ich gese­hen, dass sie Bor­der Col­lies züch­ten und bin hier grad’ eh … «. Wei­ter kommt er nicht. »Ihnen ist aber schon klar, dass wir ein pri­va­ter Haus­halt und kei­ne Zoo­hand­lung sind?«, fal­le ich ihm ins Wort. Sei­ne Lip­pen wer­den schmal. Er scheint nach­zu­den­ken, ant­wor­tet aber nicht.

»Unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass wir in den ers­ten drei Lebens­wo­chen der Wel­pen grund­sätz­lich kei­nen Besuch emp­fan­gen, möch­te ich sie dar­auf hin­wei­sen, dass jeder Besuch mit uns abge­spro­chen wer­den muss«, neh­me ich ihm die Ant­wort ab, wäh­rend ich die Tür des Wagens öff­ne und mich zwi­schen dem­sel­ben und dem Gar­ten­zaun pos­tie­re, »woher soll ich denn wis­sen, ob der Frem­de, der da vor der Tür steht, nicht bloß die Räum­lich­kei­ten inspi­zie­ren will, um bei nächs­ter Gele­gen­heit ein­zu­bre­chen?« Er stot­tert irgend­was, das sich wie »Arsch­loch« anhört, und schiebt sich an mir vor­bei. Kurz dar­auf ist er verschwunden.

Mich aber lässt der Müt­zen­mann den gan­zen Vor­mit­tag nicht los. Als ich Stun­den spä­ter in der Wurf­kis­te sit­ze, hal­te ich des­halb statt der Wel­pen auch immer wie­der das Smart­pho­ne in der Hand. »Siri, such’ nach Über­wa­chungs­ka­me­ras!« Sicher ist sicher.

© Johannes Willwacher