Zwei Wochen alte Border Collie Welpen
28|03|2021 – Die bei­den Rüden

Offene Augen und ein großes, warmes Herz: sechs Border Collie Welpen, die Zeit und die Schwerkraft – und das Unausgesprochene dazwischen.

Power, time, gra­vi­ty, love.
The for­ces that real­ly kick ass
are all invisible.
Cloud Atlas, David Mit­chell (2004)

Wenn man es genau nimmt, dann habt ihr schon weit mehr von der Welt gese­hen als ich. Aus­tra­li­en habe ich näm­lich – wie so vie­le ande­re Län­der und Zie­le – bis­lang bloß mit dem Fin­ger auf der Land­kar­te bereist. Ohne es zu ahnen habt ihr Wüs­ten und Ozea­ne über­quert. Habt die Wol­ken­gren­ze durch­sto­ßen, die hohen, offe­nen Wäl­der aus Aka­zi­en und Euka­lyp­tus, den roten Sand des Out­backs hin­ter euch gelas­sen, seid mit einer letz­ten Ahnung vom Som­mer über den Äqua­tor getanzt, um schließ­lich im deut­schen Win­ter zu lan­den. Um blind und taub in mei­ne Hän­de gebo­ren zu wer­den. Nein, ihr ahnt nicht, wie lang euer Weg bereits war – wie oft ihr der Zeit und der Schwer­kraft trot­zen muss­tet, um end­lich am Leben zu sein. Viel­leicht ahnt ihr aber, dass die­se Hän­de euch ein Stück eures Weges tra­gen wer­den. Dass sie zu den ers­ten Din­ge gehö­ren, die ihr wahr­nehmt, wenn ihr beginnt, die Welt mit offe­nen Augen zu sehen.

Zwei Wochen alte Border Collie Welpen
28|03|2021 – Die Hündinnen

Das ers­te Augen­paar blin­zelt mir am Mor­gen des zehn­ten Tages ent­ge­gen. Drau­ßen hat es gera­de zu däm­mern begon­nen. Durch den schma­len Spalt des halb offe­nen Fens­ters drin­gen Vogel­stim­men in das noch dunk­le Wel­pen­zim­mer, und hin­ter den Hügeln mischt sich am Hori­zont eine ers­te Ahnung von Mor­gen­rot in das eis­kal­te Blau. Nach­dem ich das Fens­ter wie­der geschlos­sen und mir den Weg zurück zur Tür gebahnt habe, flammt das Licht im Zim­mer auf. Die Hün­din, die mich – so wie an jedem Tag seit der Geburt – schon vor einer guten Stun­de geweckt hat, liegt inmit­ten der Wel­pen und blickt mich an. Ich hocke mich zu ihr und schaue schwei­gend dabei zu, wie ein Wel­pe nach dem ande­ren von ihren Zit­zen ablässt, sich lang­sam streckt und in eine ande­re Ecke der Wurf­kis­te davon­kriecht. Einer der bei­den Rüden gähnt und reckt den Kopf. Und da ist es. Das ers­te silb­ri­ge Glän­zen, das ers­te Licht zwi­schen den halb offe­nen Augenlidern.

Zwei Wochen alte Border Collie Welpen
28|03|2021 – Die Hündinnen

»Kein roter Sand, bloß grü­ne Wie­sen, kein Euka­lyp­tus, bloß zwei Kirsch­bäu­me mit nack­ten Zwei­gen«, flüs­te­re ich dem Wel­pen zu, mit dem ich kurz dar­auf am Fens­ter ste­he, »und im Gras dar­un­ter Kro­kus und Schnee­glöck­chen, vom Früh­ling selbst ins Grün gemalt«. Nichts davon wird er gese­hen oder ver­stan­den haben – nach­dem sich die Augen der Wel­pen öff­nen, braucht es noch eini­ge Tage, bis die trü­be Sicht klar gewor­den ist – glei­ches gilt für die Ohren. Aber viel­leicht muss er das auch gar nicht. Weil man in das Unaus­ge­spro­che­ne auch ohne Hören und Sehen hin­ein­wach­sen kann.


© Johannes Willwacher