Über Liebe, Abhängigkeit und Selbstaufgabe – und den Zweifel, der am Ende bleibt: für unsere Nell, zu ihrem zwölften Geburtstag.

An einem Mor­gen in der ver­gan­ge­nen Woche habe ich im Gar­ten geses­sen. Statt die Tas­se wie sonst auf der Gar­ten­bank abge­stellt zu haben, dampf­te der Kaf­fee auf dem Tisch, den wir tags zuvor hin­aus geräumt hat­ten, und Ste­vie Nicks sang dazu. »Oh mir­ror in the sky, what is love?«, frag­te sich die­se, so wie schon hun­der­te Male zuvor. An die­sem Mor­gen aber wand­te sie sich an mich, schien sie den fra­gen­den Blick bemerkt zu haben, der sich an die fast zwölf­jäh­ri­ge Hün­din gehef­tet hat­te, die gra­send am Rand des gepflas­ter­ten Geh­we­ges stand. »Well, I’ve been afraid of chan­gin’, cau­se I’ve built my world around you«. Das waren an die­sem Mor­gen nicht bloß Wor­te, die über dem Gitar­ren­spiel von Lind­sey Buck­ing­ham schweb­ten. Das waren mei­ne Gedan­ken. Und unse­re Geschich­te. »Until the lands­li­de brought me down«.

Can I sail through the changin’ ocean tides?

Man muss kein Züch­ter sein, um der Bot­schaft nach­spü­ren zu kön­nen, die mit brü­chi­ger Stim­me aus den Zei­len klingt. Es geht um Lie­be und Abhän­gig­keit. Um Selbst­auf­ga­be. Aber auch um den Wunsch, sich dar­aus zu befrei­en. Jeder, der sein Leben schon ein­mal mit einem Hund geteilt hat, wird das Gefühl gegen­sei­ti­ger Abhän­gig­keit ken­nen. Die unbe­ding­te Für­sor­ge zum einen. Zum ande­ren aber auch die Zwei­fel. Dar­über, ob es einen ande­ren, selbst­be­stimm­te­ren Weg hät­te geben kön­nen. Einen, bei dem nicht jede Ent­schei­dung dem Hund unter­ge­ord­net gewe­sen wäre. Und letzt­end­lich wohl auch dar­über, wohin der gemein­sa­me Weg füh­ren wird. Weil jedes Abhän­gig­keits­ver­hält­nis frü­her oder spä­ter auf einen letz­ten Erd­rutsch zusteu­ert, der alles mit sich reißt. Der Wunsch nach und die Angst vor Ver­än­de­rung, also. »Time makes you bol­der, even child­ren get older and I’m get­ting older too«. Eine Hün­din, die zwölf Jah­re alt wird, macht es nicht leich­ter, die­se Angst abzustreifen.

Can I handle the seasons of my life?

»I’ve built my world around you«. Wenn ich Schicht um Schicht die­ser Welt abtra­ge, kann ich uns noch immer am Ufer des Maun­zen­wei­hers ste­hen sehen. Damals, vor zwölf Jah­ren, als die Din­ge in Bewe­gung kamen. Nur zu ger­ne wür­de ich Nell noch zwölf Jah­re schen­ken. Zwölf Jah­re län­ger die Gewiss­heit haben, dass sie der Mit­tel­punkt unse­res Lebens ist. Es bleibt aber nichts, als aus­zu­hal­ten. »Until the lands­li­de brings us down«.

Border Collie Welpe am Maunzenweiher in Offenbach am Main
11|08|2009 – Dirk und Nell: der ers­te gemein­sa­me Spaziergang

© Johannes Willwacher