Drei Takte Musik und die Frage, welche Wesensmerkmale sich beim Welpen festigen – und welche zwischen Wurfkiste und Welpenauslauf verloren gehen.

Ich höre die ers­ten Tak­te des Bass­laufs und die Haa­re an mei­nen Unter­ar­men stel­len sich auf. Statt der Wel­pen, die mei­ne nack­ten Bei­ne umrin­gen, wäh­rend ich im Wel­pen­aus­lauf auf dem Boden sit­ze, sehe ich vor mei­nem geis­ti­gen Auge für einen kur­zen Moment das Bild einer jun­gen Frau auf­blit­zen, die sich wie ein Der­wisch um sich selbst dreht. Ihre Haa­re rei­chen ihr bis zu den Hüf­ten, die bunt gemus­ter­te Blu­se bläht sich bei jeder Dre­hung auf, und als sie end­lich ste­hen bleibt, kann ich ein sil­ber­nes Pier­cing auf ihrem Nasen­rü­cken fun­keln sehen. »We star­ve, look at one ano­t­her short of breath«, tönt es aus dem Neben­raum über den Bass­lauf hin­weg – einer von mehr als fünf­hun­dert Titeln auf der aktu­el­len Play­list –, und zu der Gän­se­haut und den glück­lich spie­len­den Wel­pen gesellt sich ein eigen­tüm­li­ches Gefühl.

Somewhere, inside something

Die­ses Gefühl ist fünf­und­zwan­zig Jah­re alt. Genau­so alt wur­de das Gym­na­si­um, das ich damals besuch­te. Zu die­sem Anlass hat­ten eini­ge Schü­le­rin­nen und Schü­ler ent­schie­den, ein Musi­cal auf die Büh­ne zu brin­gen. Für Musi­cals hat­te ich mich bis zu die­sem Tag zwar nur wenig begeis­tern kön­nen, weil eine mei­ner Mit­schü­le­rin­nen sich aber dar­an erin­ner­te, dass ich im Jahr zuvor bei einer impro­vi­sier­ten Auf­füh­rung der Rocky Hor­ror Show mit­ge­wirkt hat­te, sprach sie mich kur­zer­hand an, ob ich nicht Lust hät­te, dabei mit­zu­ma­chen. »Das Tref­fen fin­det in der Mit­tags­pau­se im gro­ßen Musik­saal statt«, sag­te sie, und drück­te ihre selbst­ge­dreh­te Ziga­ret­te an der grau­en Beton­wand der Rau­cher­ecke aus. Dann sprang sie davon, ihre Haa­re weh­ten im Wind. Und ich ging hin­ter­her. »Haa­re«, dach­te ich.

Border Collie Welpen
08|08|2022 – Rüde und Hün­din No. 2

Fünf­zehn, viel­leicht zwan­zig Schü­le­rin­nen und Schü­ler stan­den schon um den schwar­zen Flü­gel her­um, als wir den Musik­saal betra­ten. In der Mit­te stand Micha­el, der zwei Klas­sen über mir im Abschluss­jahr­gang war, und von dem ich als Ein­zi­gem wuss­te, dass er eine klas­si­sche Gesangs­aus­bil­dung besaß, dane­ben das stil­le blon­de Mäd­chen aus der Zwölf­ten, das mir zuvor schon auf­ge­fal­len war. Die übri­gen Gesich­ter kann­te ich bloß vom Sehen – die meis­ten älter, nur weni­ge jün­ger, noch weni­ger aus mei­nem Jahr­gang. Weil jemand die Stüh­le im gro­ßen Musik­saal gesta­pelt und vor der lan­gen Fens­ter­front auf­ge­reiht hat­te, setz­ten wir uns auf den nied­ri­gen Heiz­kör­per, der sich vor dem Fens­ter zum Schul­hof befand, und war­te­ten ab. Kurz dar­auf wur­den kopier­te Lied­zet­tel her­um­ge­reicht – die Ers­ten began­nen schon, die Melo­die anzu­stim­men, bevor man auch den Letz­ten ihren Zet­tel in die Hän­de gedrückt hat­te –, und weil das Stim­men­ge­wirr bald den gan­zen Raum aus­zu­fül­len schien, ver­stand ich kein Wort, als eine der älte­ren Schü­le­rin­nen an mich her­an­trat. Sie streck­te die Hand aus, stell­te sich vor, und dann noch ein­mal die Fra­ge, die ich zuvor nicht ver­stan­den hat­te. »Kannst du sin­gen und tan­zen?«, woll­te sie wis­sen. Ich bejah­te mit fra­gen­der Stim­me. »Dann kannst du den Hud geben«, gab sie mit einem brei­ten Lächeln zurück, setz­te einen Haken auf der Lis­te, die sie in den Hän­den hielt, und wandt sich dem Nächs­ten zu. »Kei­ne Ahnung, was ein Hud sein soll«, dach­te ich. Allem Anschein nach war ich aber nun einer. Und blieb es auch.

I fashion my future

Das, was wir in den fol­gen­den Mona­ten ein­stu­dier­ten und in zahl­rei­chen, bis auf den letz­ten Platz aus­ver­kauf­ten Vor­stel­lun­gen auf die Büh­ne brach­ten, wäre aus heu­ti­ger Sicht undenk­bar gewe­sen. Zu laut hät­ten sich die mora­li­schen Beden­ken bemerk­bar gemacht – die berech­tig­te Kri­tik, Black­fa­cing zu betrei­ben –, und viel­leicht hät­te ein heu­ti­ges Publi­kum auch die Dar­bie­tung selbst als zu kit­schig und bunt emp­fun­den. Vor fünf­und­zwan­zig Jah­ren aber fand nie­mand etwas dar­an, dass gleich drei der Dar­stel­le­rin­nen und Dar­stel­ler mit schwarz ange­mal­ten Gesich­tern auf der Büh­ne stan­den. Ich kann mich noch gut dar­an erin­nern, wie lan­ge es nach jedem Auf­tritt brauch­te, bis auch das letz­te Biss­chen Far­be von mei­nem Kör­per her­un­ter gewa­schen war. Noch deut­li­cher ist aber die Erin­ne­rung an das Gefühl, das bereits Erwäh­nung gefun­den hat. Eines von Zusam­men­ge­hö­rig­keit, von Lie­be, Frie­den und Har­mo­nie. Von Rol­len­be­schrei­bun­gen, die für einen begrenz­ten Zeit­raum zur geleb­ten Rea­li­tät wur­den. Beads, Flowers, Free­dom, Happiness!

Border Collie Welpen
08|08|2022 – Rüde und Hün­din No. 3

Die meis­ten, mich ein­ge­schlos­sen, sind nach dem letz­ten Vor­hang in ihre bewähr­ten Rol­len­bil­der zurück­ge­kehrt. Haben sich, wenn man so will, die Haa­re geschnit­ten und die Büh­nen­per­sön­lich­keit abge­legt. Das lässt sich, viel­leicht, auch mit den Wel­pen ver­glei­chen, die bei uns auf­wach­sen. Bei denen ich über den begrenz­ten Zeit­raum von acht bis neun Wochen bestimm­te Per­sön­lich­keits­merk­ma­le auf­blü­hen sehen kann, die aber immer in Abhän­gig­keit zu den Geschwis­tern – zu der Wurf­kis­te und dem Wel­pen­aus­lauf als Büh­ne – gese­hen wer­den müs­sen. Wel­ches die­ser Merk­ma­le sich lang­fris­tig durch­set­zen, ob die schüch­ter­ne Zurück­hal­tung oder das lau­te Drauf­gän­ger­tum auch dau­er­haft zur Per­sön­lich­keit des ein­zel­nen Hun­des gehö­ren wird, zeigt sich oft­mals erst nach der Abga­be. Weil auch die Wel­pen unter­ein­an­der Rol­len spie­len, die nur im Ver­bund wahr und gül­tig sind. Und weil am Ende immer auch die neue Lebens­rea­li­tät ent­schei­det – die Bin­dung an und die Befä­hi­gung des neu­en Besit­zers, der neu­en Besit­ze­rin –, wel­cher Hund aus wel­chem Wel­pen wird. Das, was ich in der drit­ten Lebens­wo­che der Wel­pen beob­ach­ten kann, lässt sich des­halb am bes­ten als unbe­hol­fe­ne Cho­reo­gra­phie beschrei­ben – als Tanz­schrit­te, die aus­pro­biert wer­den, als Gesangs­par­tien, die bald die­ser und bald jener Wel­pe über­nimmt. 

Answer for Timothy Leary

Was bleibt, ist am Ende viel­leicht nur ein Gefühl. Die Gän­se­haut, wenn der Bass ein­setzt. Und eine Ahnung, was hät­te sein kön­nen. Oder bes­ser: was sein wird.


© Johannes Willwacher