»Ohjo, nä, wat
habt ihr Säubalische alt
wirra angestallt!«
– Lieblingsausspruch meiner Großmutter

Ich muss etwa fünf Jahre alt gewesen sein, vielleicht auch etwas jünger. Das ich älter gewesen sein könnte, bezweifle ich, denn wäre ich älter gewesen, hätte es weder das Spielzelt, in dem ich diese Geschichte stattfinden lasse, noch die Küche, in der das besagte, mit Kühen und blühenden Wiesen bedruckte Zelt unter der Dachschräge stand, gegeben. Beides wäre längst in unzähligen Pappkartons verstaut und der Raum für diese Geschichte nur noch ein dunkelgraues, grobkörniges Gestern gewesen. Ein Ort, an dem man sich nur mit geschlossenen Augen zurechtfindet.
+++++Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich noch deutlich das enge Badezimmer mit den hellblauen Kacheln vor mir, sehe den Hundekorb mit dem Wecker darin, und meine Mutter, die mir leise erklärt, warum sie den Wecker dort hinein gelegt hat. Dann höre ich, wie die Schaukel im Flur in der Verankerung quietscht. Sehe mich selbst, wie mir das Bilderbuch mit der Katze aus der Hand fällt. Wie es kaum hörbar auf dem Dach der Werkstatt unter mir aufschlägt und unwiederbringlich zu den Dingen gehört, die dunkelgrau und grobkörnig sind. Schnurri, so hieß die Katze.

Du kannst aber gar
keine Katze sein

»Ich bin aber ein Kater«, sagte der andere Junge und kroch mit dem Kopf voran in das Zelt, das in der dunkelsten Ecke der Küche stand.
+++++»Du siehst aber gar nicht aus wie ein Kater«, sagte ich. Der andere Junge war mein Cousin, etwa ein Jahr jünger als ich, und während ich längst wusste, dass ich nie etwas anderes, als ein Hund sein wollte, hatte er gerade entschieden, eine Katze zu sein. »Du kannst aber keine Katze sein«, sagte ich trotzig, »wenn du eine Katze wärst, dann hättest du überall Haare«.
+++++Der andere Junge steckte stumm den Kopf durch den Türschlitz und kniff die Augen zusammen. Ein älterer Junge (einer, der nicht erst vier Jahre alt gewesen wäre) hätte nun vielleicht bemerkt, dass es darauf erstens beim Spielen nicht ankam, und ich zweitens dann auch kein Hund sein konnte. Der andere Junge aber funkelte mich bloß böse an, leerte einen Becher mit Buntstiften auf dem Fußboden aus, griff sich, ohne den Blick von mir abzuwenden, einen hellgrünen Stift, und schlüpfte zurück in das Zelt. Während ich mich daraufhin darin übte, aufzuzählen, worin sich ein Junge von einer Katze unterschied, drang aus dem Inneren des Zelts nur ein leises Kratzen.
+++++Als das Kratzen schließlich verstummte, hielt ich es nicht mehr aus. »Was machst du denn da drinnen?«, fragte ich. Zwei nackte Füße schoben sich zur Antwort durch den Türschlitz. Ungläubig rieb ich mir die Augen.
+++++»Siehst du«, sagte der andere Junge, »siehst du, ich kann nämlich doch eine Katze sein«. Das sah ich. Der andere Junge hatte sich Hemd und Hosen ausgezogen und jeden Zentimeter seines Körpers mit einem feinen Flaum bemalt, der zuerst an Fell, dann aber an einen grünen Filzstift denken ließ, der eben noch vor dem Zelt gelegen hatte. Zufrieden grinste er mich an. »Und was machen wir jetzt«, fragte er.

Wenn ich mir Beau und Buddy anschaue, komme ich nicht umhin, auch an mich und meinen Cousin zu denken. So wie wir vor gut dreißig Jahren, stecken die beiden oft die Köpfe zusammen und beinahe ahnt man, dass dabei nichts Gutes herauskommen kann. Stuhlbeine zernagen, Türen zerkratzen, Pflaumen zerbeißen und Teppiche zerreißen, den Napf zu nachtschlafender Stunde umschmeißen – was der eine macht, das tut ihm der andere gleich.

Mein Cousin ist übrigens bis heute ein Katzenmensch geblieben. Ich glaube aber, keine seiner Katzen ist grün.

Was der eine
macht, tut ihm der
andere gleich.