Auch bei Wohnzimmerwölfen geht die Liebe durch den Magen

Der vielleicht
älteste Vertrag der
Menschheit

Beinahe jeden Abend, so auch heute, bietet sich das gleiche Bild: zwei gut gefüllte Teller stehen auf dem dunkelbraunen Tisch, darum vier Stühle, von denen nur zwei besetzt sind – oder besser: nur zwei besetzt sein sollten, denn auch auf dem Dritten sitzt jemand. Seit wann Nell den Platz zu meiner Rechten für sich beansprucht, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, und auch nicht, ob ich sie vielleicht sogar selbst dazu ermutigt habe – bloß, dass sie es tut: wie ein überlebensgroßer Uhu sitzt sie auf dem weiß lackierten Stuhl und zählt jeden Bissen, der – Blick nach unten – kaum aufgegabelt den Weg in unsere Münder findet – Blick nach oben. Weil es ihr dabei aber scheinbar nicht genügt, nur wie ein Uhu auszusehen, äußert sie bei jedem zweiten oder dritten Bissen einen Klagelaut, der so echt, so bemitleidenswert klingt, dass man den großen Eulenvogel gerne mit sich am Tisch sitzen glaubt.

Aber nicht nur die Szene, auch der Dialog, der sich daraufhin entspinnt, ist beinahe jeden Abend gleich, und beginnt damit, dass Dirk sagt: »Dein Hund«, und ich antworte: »Ja, ja«. Das Nell und ich die stille Übereinkunft haben, dass sie sich mir gegenüber zu blindem Gehorsam verpflichtet, wenn ich ihr nur die leckersten Bröckchen zustecke, macht vielleicht nicht unsere Beziehung aus, sie ist aber zweifelsohne ein nicht unbedeutender Teil davon. Mir geht es gut, wenn sie satt ist – was gleichbedeutend heißt: ihr geht es gut, wenn es mir gut geht. Unsere Schicksale sind also, rhetorisch ein wenig stärker gebuttert, fest miteinander verbunden. Deshalb: »Ja, ja«, und auch deshalb: »Dein Hund«. Einen Vertrag mit Bratwurst zu besiegeln ist vielleicht auch nicht das Schlechteste.

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Und in zehntausend
Jahren schauen
wir dann mal, wer
die bessere Wahl
getroffen hat.

Unserem Vertrag liegt jener zugrunde, den unsere Vorfahren (längere Haare, kürzere Lebenserwartung) vor vielen tausend Jahren mit den Vorfahren unserer Hunde eingegangen sind – der erste Vertrag, den die Menschheit wohl je abgeschlossen hat. Bevor unsere Ahnen nämlich Rinder und Schafe züchteten oder Ziegen und Schweine hielten, bevor sie Reis und Weizen anbauten und sich daran machten, die Welt nach ihren Vorstellungen zu verändern, hatten sie bereits jemanden, der ihnen zur Seite stand – den Urahn unserer Haushunde, den zahmen Wolf. Man sollte nun aber nicht denken, dass sich ein besonders mutiger Mensch eines Tages dazu hätte hinreißen lassen einen Wolfswelpen zu entführen, um ihn zur Jagd abzurichten – denn zum einen hätte der Wolfswelpe sich wohl kaum willig gezeigt, die Kommandos des Menschen zu befolgen (das tun frei geborene Wölfe auch heute noch nicht), zum anderen der Mensch selbst nicht die Weitsicht besessen, den Erfolg seines Unterfangens richtig einzuschätzen. Will heißen: nicht wir haben den ersten Schritt gemacht und den Wölfen den Vertragsentwurf unterbreitet, sondern sie uns. Sie haben uns ausgewählt – wegen der Bratwurst.

Man darf sich das vielleicht so vorstellen: ein Wolf, ruhiger und aufgeschlossener als seine Artgenossen, streunt auf der Suche nach Wärme und Nahrung um das menschliche Lager und wird von den Menschen, die sich dicht um die helle Feuerstelle scharen, geduldet, nicht verjagt. »Soll er doch die Abfälle fressen«, hieß es damals vielleicht – und während eine um die andere Feuerstelle niederbrannte, paarte sich jener Wolf mit einem, der ähnliche Eigenschaften hatte, so dass bald darauf nicht bloß einer, sondern viele zur Gefolgschaft der Menschen gehörten. »Bleibt ihr ruhig grimmig und wild«, mögen diese zu ihren Verwandten gesagt haben, »bleibt auf der Flucht oder fresst die Menschen, wenn ihr könnt – wir folgen ihnen, gefallen und werden gefüttert. Und in zehntausend Jahren schauen wir dann mal, wer die bessere Wahl getroffen hat« (weltweite Hundepopulation, geschätzt: 525.000.000, weltweite Population frei lebender Wölfe, geschätzt: 300.000).

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Als guter Beobachter
genügt es ihm auf der
Schwelle zu sitzen …

Wann genau dieser Schritt vollzogen und mit der Domestikation des Hundes begonnen worden ist, lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht nicht eindeutig beantworten. Archäologische Funde belegen zwar, dass Mensch und Urhund schon vor über dreißigtausend Jahren in Gemeinschaft lebten und sogar gemeinsam bestattet wurden, zeigen aber auch, dass es im Laufe der Jahrtausende zeitlich und räumlich voneinander unabhängige Bemühungen gegeben haben muss, sich die Eigenschaften des Wolfes zu Nutze zu machen. Das spiegelt auch das Genom unserer heutigen Haushunde wider, das zwar Beweise dafür liefert, dass sich aus einer frühen, aus dem ostasiatischen Raum stammenden Zuchtlinie vor etwa fünfzehntausend Jahren zwei Zuchtstämme entwickelt haben müssen, auf die sich beinahe alle heutigen Hunderassen zurückführen lassen – aber eben nur beinahe. Das Problem: Bloß das genetische Profil ostasiatischer Hunderassen passt, das der eurasischen nur zum Teil. Etwa zehn Prozent tragen Merkmale, die dafür sprechen, dass es bereits vor der Migration der ostasiatischen Linie einen ersten, deutlich älteren Zuchtstamm auf europäischem Boden gegeben haben muss, der mit den Einwanderern gekreuzt wurde und schließlich ausstarb – diese These würden auch archäologische Funde, wie etwa das Fossil eines prähistorischen Hundeschädels, das in den Grotten im belgischen Goyet gefunden und auf ein Alter von mehr als dreißigtausend Jahren datiert wurde, bestätigen. Dreißigtausend Jahre, also. Eine lange Zeit.

Zeit genug für den Hund, sich uns anzunähern – uns ähnlich zu werden, obwohl er weder unsere Sprache spricht, unser Selbstbild kennt oder über die Möglichkeit zum kausalen Denken verfügt. Sein Vorteil: der Hund hat zwar keine konkrete Vorstellung davon, was den menschlichen Geist umtreibt, sein Gespür für unsere Vorstellungen und Wünsche ist aber grenzenlos. Als guter Beobachter genügt es ihm auf der Schwelle zu sitzen, er muss nicht dazu, nicht zu unserem Kreis gehören. Für uns Menschen gilt oft genug das Gegenteil: wir verstehen zwar, was ein Hund ist und können ein stückweit auch seine Bedürfnisse und Beweggründe nachvollziehen, uns aber tatsächlich in einen Hund hineinzuversetzen gelingt meist nicht. Dem Hund ist das wurscht egal – so lange er bekommt, was ihm vertraglich zusteht.

»Wu-urst«, meint Nell und beginnt abwechselnd mit beiden Pfoten zu winken. Nachdem ich gespielt aufgestöhnt, ein schmales Endstück abgeschnitten und ihr mit der Gabel gereicht habe, wendet sie den Kopf zufrieden schmatzend ab und betrachtet sich im Glas der Fensterscheibe. Manchmal überkommt mich dabei der Gedanke, dass sie sich stumm mit dem Geist der Wölfin unterhält, jener Urmutter, die vor Jahrtausenden als erste ihrer Art die Nähe des Menschen suchte, und ihr zuflüstert: »Sie sind gut zu mir, meistens, und du hast gut entschieden«. Und mit jedem Bröckchen, das vom Tisch fällt, wird der uralte Vertrag erneuert. Vielleicht fühlt es sich genau deshalb so gut an.

Liebe für eingehaltene Versprechen.