Über die Persönlichkeiten unserer Border Collie Welpen nachgedacht: Welche Eigenschaften hat dieser, was zeichnet den anderen aus? Ein nicht ganz ernst zu nehmender Versuch …

»Da, da, da! Ich hab’s genau gehört, die Tür ist auf­ge­gan­gen«, meint einer und wie zur Ant­wort stre­cken sich die ande­ren Geschwis­ter schlaf­trun­ken. Gäh­nend wackelt einer nach dem ande­ren zur Tür, hebt die Nase, wit­tert erwar­tungs­froh – bis schließ­lich einer mit lei­sem Knur­ren fest­stellt: »Riecht nicht – nicht nach Mensch am Mor­gen. Mensch am Mor­gen riecht muf­fig!« Hin­ter der Tür bleibt es still.
+++++»Aber ich bin mir sicher, dass ich was gehört habe«, meint wie­der der Ers­te, »wenn ich eines ganz sicher kann, dann ist es Hören!«
+++++Hüs­telnd drängt sich eine der Schwes­tern nach vor­ne, ihre grü­nen Augen glit­zern im schat­ti­gen Halb­dun­kel: »Lie­bes Brü­der­chen, du magst vie­les kön­nen – aber Hören?« Die klei­ne Hün­din rümpft die Nase und fügt, nach einer kunst­voll gesetz­ten Pau­se – ganz so, wie es nur den größ­ten aller Diven gebührt – mit einem kal­ten Lächeln hin­zu: »Zu Schrei­en scheint bei wei­tem dein grö­ße­res Talent zu sein. Und wie du weißt, kann man nicht bei­des – wer schreit kann nur sich sel­ber hören!«
+++++Betre­ten schaut der Bru­der unter sich, rings­um­her hört man es lei­se kichern.
+++++Mit hoch erho­be­ner Rute fährt die Rote fort: »Wenn der Herr das Geschrei den Herr­schaf­ten zulie­be also ein­stel­len möge? So fän­de der Plebs …«
+++++»Der Plebs,« mischt sich die ande­re Schwes­ter ein, »der Plebs? So nennt uns eine, die noch nicht ein­mal weiß, wie man einen Löf­fel appor­tiert? Die noch immer in den Fin­ger beißt, statt dem Fin­ger zu fol­gen und sich fein auf den Hin­tern zu set­zen? Ich …«
+++++»Ich, ich. Dich hat nie­mand nach dei­ner Mei­nung gefragt«, bellt die Rote und wird für einen kur­zen Moment noch roter, »wenn es nach dir gin­ge, dann wür­den wir alle den gan­zen Tag wie Zir­kus­pferd­chen im Kreis lau­fen und blö­de Kunst­stück­chen ler­nen.«
+++++»Das stimmt doch gar nicht!«
+++++»Du bist blöd!«
+++++»Sel­ber blöd!«
+++++»Ihr seid alle blöd«, mischt sich schließ­lich schlich­tend einer der Brü­der, der bis­her ruhig am Ran­de geses­sen und an sei­ner Pfo­te gekaut hat­te, ein. Gemäch­lich erhebt er sich nun, buckelt und schüt­telt die Müdig­keit aus allen vier Pfo­ten: »Wenn ihr rich­tig hin­ge­hört hät­tet, dann wäre euch längst auf­ge­fal­len, dass sich die Tür am Mor­gen immer erst dann öff­net, wenn Was­ser durch das Rohr gerauscht ist.« Sechs Augen­paa­re rich­ten sich auf das Rohr in der Ecke. Mit einem Satz kommt der Bru­der davor zu ste­hen und beginnt, das­sel­be mit der Nase zu unter­su­chen. Ein­mal links her­um, ein­mal rechts – die schwarz­glän­zen­den Nasen­flü­gel flat­tern auf­ge­regt. »Kein Was­ser«, meint er end­lich und unter­streicht mit einem geräusch­vol­len, zwei­fa­chen Nie­sen das Ergeb­nis der Nasen­ar­beit, »und wo kein Was­ser ist, da ist wohl auch nie­mand auf den Bei­nen.«

»Wie scharf­sin­nig, lie­bes Brü­der­chen«, kon­tert die Rote, »ein all­wis­sen­des, rau­schen­des Rohr! Ob mir das Rohr wohl ver­rät, wer heu­te nacht ins Bäl­le­bad gemacht hat?«
+++++Der Bru­der lässt belei­digt die Nase sin­ken. Kurz scheint er zu über­le­gen, ob er der Schwes­ter das heim­zah­len oder es zumin­dest vor­erst dabei bewen­den las­sen soll. Statt sich klein­laut unter der Brü­cke zu ver­krie­chen – so wie er es sonst zu tun beliebt – ent­schei­det er schließ­lich, sich an Ort und Stel­le zusam­men­zu­rol­len und die­ses Mal bei­de Augen zuzu­drü­cken.
+++++»Eigent­lich«, setzt der nächs­te, der erst­ge­bo­re­ne Bru­der zu spre­chen an, »ja, eigent­lich hat­te er ja recht.«
+++++Böse fun­keln ihn zwei grü­ne Augen an. »Oho«, höhnt die Rote in hoch­nä­si­gem Ton, »der Schoß­hund hat ja auch eine Stim­me!«
+++++»Du nennst mich Schoß­hund?«, knurrt dar­auf der Bru­der, die Lef­zen gekräu­selt, das Fell auf­ge­stellt.
+++++»Wer thront denn zuvor­derst im Schoß sei­nes Men­schen und beißt jeden ande­ren blind aus dem Weg?« Nun knurrt auch die Rote und kaum zählt man bis drei, kugelt ein knur­ren­des Knäu­el wild umher. Zäh­ne klap­pern und Tat­zen flie­gen, mal sieht man die eine, dann den ande­ren oben lie­gen – und als end­lich aus­ge­foch­ten ist, glit­zert ein hauch­dün­nes Rinn­sal im ers­ten Licht des frü­hen Mor­gens.
+++++»Die hat sich bepisst«, ätzen drei Brü­der und hal­ten sich lachend den beben­den Bauch.
+++++Nur einer sitzt abseits und schaut in die Pfüt­ze. »Schön«, lässt er wis­sen, »schön bin ich auch!«

Als ich gegen halb acht die Tür zum Wel­pen­zim­mer öff­ne, stür­men mir sechs Wel­pen freu­dig wedelnd ent­ge­gen. Lou niest zwei Mal kurz, Gon­zo schreit auf vor Freu­de, Ava­lon macht schö­ne Augen und lächelt mich an. Und wäh­rend sechs von sechs Wel­pen sich um den Fut­ter­napf scha­ren, denk ich im Stil­len was die­se des Nachts wohl getan.

© Johannes Willwacher