03|07|2013 – Eine Woche alt

I only hope that we don’t lose sight of one thing –
that it was all star­ted by a mou­se.
– Walt Dis­ney

In den ers­ten zehn Tagen dei­nes Lebens bist du blind und taub. Allein auf dei­ne Nase kannst du ver­trau­en, um zu über­le­ben. Du tas­test dich schwer­fäl­lig vor­an, dein Kopf wiegt mehr als dei­ne Bei­ne tra­gen kön­nen, du spürst unge­wis­se Wär­me und kriechst wei­ter, weißt nicht, wohin. Ein süßer Duft streift dei­ne Nase, und mit all dei­ner Kraft zwingst du dich wei­ter, immer wei­ter zum Ziel. Tauchst ein in die Wär­me, hin­ein in ein­tau­send Haa­re, den Geruch von Zuhau­se und den Herz­schlag der Welt. Dass dei­ne Welt kaum grö­ßer ist als zwei auf zwei Meter kannst du nicht wis­sen – weißt nur, sie macht dich zufrie­den und satt. Und wäh­rend du dich mit bei­den Pfo­ten in das Leben stemmst, das dir das Leben geschenkt hat, und begie­rig auf­saugst, was dich wach­sen lässt, zwingt dich ein Kuss und die Müdig­keit nie­der – das Glück hat vier Pfo­ten, das ahnst du schon längst.

Man soll­te sich das ins Gedächt­nis rufen, wenn die Arbeit wie­der ein­mal nicht ganz so leicht von der Hand gehen will, und das will sie manch­mal, oder man Stei­ne in den Weg gelegt bekommt, und das bekommt oft, oder man das Gefühl hat, jede noch so klei­ne Anstren­gung sei ver­ge­bens: Es braucht nicht viel. Das meis­te von dem, was wir tun, ist nicht über­le­bens­wich­tig. Wir müs­sen uns nur dar­an erin­nern zu essen und zu schla­fen – und weil wir Men­schen sind, viel­leicht noch im Stra­ßen­ver­kehr wach­sam zu sein und nicht in die Steck­do­se zu fas­sen. Wir müs­sen uns dar­an erin­nern, dass man auch im Klei­nen sehr Gro­ßes bewäl­ti­gen kann.

Sie­ben Tage, eine Woche ist seit der Geburt unse­rer Wel­pen ver­gan­gen. Wäh­rend Ida nach dem Säu­gen nun ger­ne wie­der jede Gele­gen­heit nutzt, um die Wurf­kis­te für einen Moment zu ver­las­sen, haben sich unse­re Sechs in den letz­ten Tagen damit begnügt, still und heim­lich zu wach­sen: Die Geburts­ge­wich­te haben sich bei fast allen Wel­pen bereits mehr als ver­dop­pelt. Ida genießt es sicht­lich wie­der am Rudell­eben teil­ha­ben zu kön­nen, hält aber Abstand von Nell, die sich noch immer nicht mit dem Gedan­ken anfreun­den kann, dass es nicht ihre Wel­pen sind, und die wohl alles dafür tun wür­de, das Wel­pen­zim­mer zu beset­zen. Das es dazu nicht kom­men wird, ver­steht sich von selbst. Und das Nell das nicht ein­sieht eben­so.

© Johannes Willwacher