Märchenstunde

Image ist nichts – Durst ist alles
– Werbeslogan der Coca Cola Company

»Unique Selling Proposition«, sage ich laut vor mich hin. Die Hunde blicken kurz auf, versenken die Nasen aber gleich wieder unbeeindruckt im Schnee. Dass weder vor noch neben mir jemand ist, der antworten kann, stört sie genauso wenig, wie mich, denn kaum ausgesprochen, stelle ich das Gesagte mit einem – zugegeben –, wenig geistreichen »Aha?« selbst in Frage. Spaziergang bedeutet Selbstgespräch, das wissen auch die Hunde längst, und weil diese kaum hinterfragen, ob das laut vorgetragene Selbstmanagement schon erste Züge des Verrückten trägt, rede ich ungestört weiter vor mich hin.

Selbst aus den Federbetten schneit es

Für den Außenstehenden – den es nie gibt, weil ich peinlich darauf achte, dass außer schneebedeckten Kiefern niemand in Hörweite ist – mag es tatsächlich befremdlich wirken, mich über das Feld wandern zu sehen: Während es mir oftmals nicht gelingt, die eigene Telefonnummer zu erinnern, kann ich ohne Nachzudenken zehn Generationen aus den Stammbäumen meiner Hunde hersagen – und wer weiß, wie einfallsreich Züchter bei der Namenswahl sein können, der ahnt vielleicht auch, dass das für einen Außenstehenden nach rosa Einhörnern klingen muss. Verrückt – aber Züchter sind so.

Ob Verrücktsein auch zum Vorteil gereicht? Ich glaube nicht. Dennoch ist jene Vokabel – der Vorteil, das Versprechen, die Unique Selling Proposition –, zweifelsohne den meisten Züchtern vertraut und jeder bemüht, diese – so gut es geht – für sich auszuformulieren: Wo zehn von zehn Züchtern behaupten, aus Leidenschaft zu züchten, verkauft sich Leidenschaft alleine schlecht. Wer im Wettbewerb bleiben will, muss einen Mehrwert bieten. »Mach dir Freude auf«, denke ich, und schließlich wieder laut: »Wir wollen alle Coca Cola sein«.

Wer hat Angst vor Rotkäppchen?

Es wäre vermessen, zu glauben, dass die Züchterwelt nach anderen Gesetzen funktioniert, als den marktwirtschaftlichen, und dass gewisse Argumente – sportliche Erfolge, importierte Deckrüden, Championtitel oder eine gefragte Fellfarbe –, nicht auch äußerst bewusst gesetzt werden, um sich einen Vorteil zu verschaffen und vom Wettbewerb abzuheben: Wo zwei Angebote zum gleichen Preis konkurrieren, entscheidet man sich für das, mit dem größten Produktversprechen (»Meine Welpen sind gesünder als andere«) – oder das, mit der glänzenderen Verpackung (»Meine werden schon stubenrein abgegeben«). Nur wer Anfragen hat, kann weiter planen.

Wo zwei Angebote zum
gleichen Preis konkurrieren,
entscheidet man sich für
das, mit dem größten
Produktversprechen – oder
das, mit der glänzenderen
Verpackung …

Die Prinzessin auf der Erbse

Ich liebe es!

»Warum«, frage ich mich und bücke mich nach einem beinahe weiß gefrorenen Tannenzapfen, den mir einer der Hunde mit Bestimmtheit vor die Füße gelegt hat, »warum tut man sich das an? Warum sammelt man nicht Teetassen, liest Gedichte oder versucht Mandarin zu lernen? Warum tut man, was so von Missgunst und Neid geprägt, was so schnell zerredet ist?« Verrücktsein gereicht vielleicht nicht zum Vorteil. Aber es macht das Züchterleben um so vieles leichter. Denke ich – und gehe mit den rosa Einhörnern spielen. Ich liebe es.