13|03|2015 – Kon­troll­ter­min in Hofheim

Ida hat den Kopf auf der Leh­ne der Rück­bank abge­legt und ihren Blick aus dem Sei­ten­fens­ter gerich­tet, die Augen sind halb geöff­net. Allein ein zeit­wei­li­ges Zucken der Ohren ver­rät, das sie noch nicht ein­ge­schla­fen ist, viel mehr ange­spannt die Autos beob­ach­tet, die mit 130 Stun­den­ki­lo­me­tern an uns vor­bei­zie­hen. Wir selbst bewe­gen uns nur lang­sam vor­wärts – wir haben Zeit. Das Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben, ist gut und lässt sich weder durch den Kalen­der­tag, noch durch den zwei­ten Satz aus Bachs drit­ter Orches­ter­sui­te in D-Dur beein­dru­cken, der gera­de aus dem Radio dringt und auf mich immer wirkt, als wür­de er von einem Abschied, einem Ende erzäh­len. Ich schaue in den Rück­spie­gel. Ida ist eingeschlafen.

Kaum eine hal­be Stun­de dau­ert es, bis die Unter­su­chung zur Krebs­nach­sor­ge been­det ist und wir den Behand­lungs­raum mit der Gewiss­heit, dass sowohl Lun­ge als auch Lymph­kno­ten frei von Meta­sta­sen sind, wie­der ver­las­sen kön­nen. Dr. Kess­ler schüt­telt mir die Hand, strei­chelt Ida über den Kopf, dann heißt es: »Bis in drei Mona­ten«. Drei Mona­te mehr, den­ke ich, sind manch­mal alle Zeit der Welt – und ein Frei­tag, der 13. viel­leicht auch ein Glücks­tag. Für Ida.


© Johannes Willwacher