16|07|2015 – Rönt­gen­bild von Ida’s Lun­ge

Zwei Stun­den bevor wir den weiß geka­chel­ten Behand­lungs­raum betre­ten, sit­ze ich im Gar­ten – die Bei­ne über­ein­an­der geschla­gen, einen grob gezink­ten Kamm in der einen und den Hin­ter­lauf einer Hün­din in der ande­ren Hand, um mich her­um grau gewolk­te Ber­ge von Fell –, und flüs­te­re etwas, das wie »Käm­men und Bürs­ten und fein machen« klingt vor mich hin. Wäh­rend der Kamm immer wie­der durch das Fell der Hün­din glei­tet und sich immer mehr stump­fe, graue Unter­wol­le auf dem Rasen ver­teilt, den­ke ich, wie beru­hi­gend es wäre, wenn sich alles so mühe­los aus einem Hund her­aus bürs­ten lie­ße. Für vie­les mag das gel­ten, für Krebs gilt das nicht. Krebs ist wie eine Nackt­schne­cke, die ein­ge­trock­net im Fell klebt: Selbst wenn man meint, alles erwischt zu haben, weiß man nie, ob an ein­zel­nen Sträh­nen nicht doch noch Spu­ren von Schleim haf­ten und nur dar­auf war­ten, aufs Neue zu ver­kle­ben.

Dr. Kess­ler kommt uns bereits auf dem Gang ent­ge­gen, erkennt uns und lächelt. Mir selbst gelingt nur ein halb­her­zi­ges Lächeln – zu deut­lich drän­gen die Erin­ne­run­gen an das ers­te Betre­ten der Kli­ni­kräu­me zum Jah­res­en­de auf mich ein: Der Tumor selbst hat­te nur weni­ge Wochen benö­tigt, um zu statt­li­cher Grö­ße her­an­zu­wach­sen – ein Rezi­div dürf­te dem nur wenig nach­ste­hen.

Als ich kaum eine hal­be Stun­de spä­ter die Kli­nik ver­las­se, läch­le ich doch. Drei Mona­te seit der letz­ten Kon­troll­un­ter­su­chung, sechs bis zur nächs­ten: Kei­ne Spur von Nackt­schne­cken.

© Johannes Willwacher