51 Zen­ti­me­ter: Nells Bauch­um­fang am 28. Träch­tig­keits­tag

Mit aus­ge­streck­ten Bei­nen sitzt Nell auf der blau-weiß gestreif­ten Lie­ge und lässt sich zufrie­den die Son­ne auf den Bauch schei­nen. Der Wind hat in den Nach­mit­tags­stun­den auf­ge­frischt und mehr und mehr Wol­ken über den Him­mel getrie­ben – die Hit­ze der letz­ten Tage ist mit einem Rau­schen im Blät­ter­dach der bei­den stol­zen Kirsch­bäu­me ver­schwun­den –, und wer es noch vor­ge­zo­gen hat, die Mit­tags­stun­den in der Küh­le der Wasch­kü­che zu ver­brin­gen, genießt nun die letz­ten war­men Son­nen­strah­len des Tages. Ich stel­le den Kaf­fee­be­cher, den ich in der Hand gehal­ten habe, auf dem aus­geb­li­che­nen Gar­ten­tisch ab, gehe zwei Schrit­te und set­ze mich mit über­kreuz­ten Bei­nen neben der Son­nen­lie­ge auf den Boden – Nell streckt sich und lässt den Bauch blit­zen. Die Zit­zen unter mei­ner Hand sind rosa und deut­lich ange­schwol­len.

In der vier­ten Träch­tig­keits­wo­che begin­nen sich die Milch­drü­sen der Hün­din zu ent­wi­ckeln, oft ist eine Schwel­lung, ver­bun­den mit einer leich­ten Rötung zu bemer­ken. Bei vie­len Hün­din­nen lässt sich nun auch ein gla­si­ger, zäher Aus­fluss beob­ach­ten, der aus­schließ­lich dann auf­tritt, wenn die Implan­ta­ti­on der Embryo­nen erfolgt ist, und der als sichers­tes Zei­chen einer erwar­te­ten Träch­tig­keit gilt. Die Embryo­nal­pe­ri­ode, wäh­rend der alle lebens­wich­ti­gen Orga­ne ange­legt wer­den und das Herz zu schla­gen beginnt, endet mit der vier­ten Woche: Die end­gül­ti­ge Kör­per­form der etwa einen Zen­ti­me­ter gro­ßen Föten ist bereits in ihren Grund­zü­gen erkenn­bar, Augen­hül­le und Ohren sind aus­ge­bil­det, auch die Tast­haa­re haben bereits begon­nen zu sprie­ßen. Dass vie­le träch­ti­ge Hün­din­nen nun ein ver­stärk­tes Ruhe­be­dürf­nis zei­gen und wil­de Rau­fe­rei­en im Rudel mei­den, hat einen guten Grund: Wäh­rend der Orga­no­ge­ne­se sind die Föten sehr anfäl­lig – vie­le ange­bo­re­ne Defek­te fin­den hier ihren Ursprung. Die träch­ti­ge Hün­din weiß das selbst am bes­ten – und nimmt sich zurück, wo es nur geht.

Ida äugt wach­sam durch die sich über­kreu­zen­den Bei­ne des Gar­ten­tischs, indes sich Zion, ver­bor­gen von einer wild wuchern­den Alant­stau­de, vor­sich­tig anschleicht. Wäh­rend die bei­den sich kreuz und quer durch den Gar­ten jagen, thront Nell selbst­zu­frie­den auf ihrer Son­nen­lie­ge, den Kopf schläf­rig auf den Pfo­ten abge­stützt, und gibt nur dann und wann ein tadeln­des Bel­len von sich, um Häscher und Gehasch­ten zu ermah­nen. Mit­spie­len? Um kei­nen Preis. Eigent­lich fast der zuver­läs­sigs­te Schwan­ger­schafts­test.

Noch drei Tage bis zum Ultra­schall.

Die Ent­wick­lung der Föten zwi­schen dem 28. und 60. Tag

© Johannes Willwacher