31|10|2015 – Broad­me­a­dows Cele­bri­ty Skin, »Ellie«

Eine Fra­ge, die mir – neben der zu mei­nem Lieb­lings­wel­pen – auch immer wie­der gestellt wird, ist die, was ich zum Wesen der ein­zel­nen Wel­pen sagen kann. Es wäre leicht, dar­auf mit knap­pen Wor­ten zu ant­wor­ten, und grob zu umrei­ßen, wer beson­ders mutig, wer eher ängst­lich, wer domi­nant und wer eher unter­wür­fig ist. Unter­halt­sa­mer ist es aber viel­leicht, unse­re »gru­se­li­gen« Sie­ben selbst zu Wort kom­men zu las­sen: Hap­py Hal­lo­ween!

31|10|2015 – Broad­me­a­dows Cheek to Cheek, »Zoe«

»Och, Fin­ja«, sagt Zoe und ver­dreht die Augen, springt auf, um auf ihre jün­ge­re Schwes­ter zuzu­lau­fen und sie sanft mit der Nase anzu­stup­sen, »du weißt doch, was unser Mensch gesagt hat: fei­nes Pipi gehört aufs Papier«.
+++++Fin­ja lugt unsi­cher unter ihren lan­gen Wim­pern her­vor, wäh­rend die Pfüt­ze, in der sie noch immer sitzt, lang­sam kalt wird, dann schüt­telt sie sich und sagt: »Is’ mir egal«. Das es ihr ganz und gar nicht egal ist und sie viel lie­ber im Tro­cke­nen säße, muss ihre älte­re Schwes­ter genau­so wenig wis­sen, wie den Grund, war­um sie sich lie­ber auf die Flie­sen hockt, als die mit Zei­tungs­pa­pier aus­ge­leg­te Toi­let­te zu benut­zen: wäh­rend letz­te­re von allen Geschwis­tern benutzt wird und schnell anfängt zu rie­chen, sind die Flie­sen immer frisch. Ganz ein­fach. Und weil es ihr noch nicht gelingt, so lan­ge ein­zu­hal­ten, bis das Papier gewech­selt ist, lässt sie lie­ber dort lau­fen, wo noch nie­mand ande­res sei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen hat. Wie gesagt: ganz ein­fach.

31|10|2015 – Broad­me­a­dows Champs Ely­sées, »Fin­ja«

Zoe legt tadelnd eine Pfo­te auf Fin­jas Schnau­ze, dann dreht sie sich um und läuft mit hoch erho­be­ner Rute auf die blaue Wan­ne zu, die ihr als Schlaf­platz dient. »Man hat es nicht leicht«, denkt sie bei sich, wäh­rend sie den schwar­zen Woll­filz, der die Wan­ne warm und weich aus­klei­det, mit den Vor­der­pfo­ten so bear­bei­tet, dass sich eine gemüt­li­che Kuh­le bil­det, »man hat es nicht leicht sich durch­zu­set­zen, wenn man zugleich die Ältes­te und die Kleins­te ist: selbst wenn man zehn Minu­ten län­ger gelebt und die Welt viel­leicht ein biss­chen bes­ser ver­stan­den hat, als die ande­ren, kommt doch immer jemand, der grö­ßer und stär­ker ist, und meint, das Grö­ße und Stär­ke wich­ti­ger sind, als Wis­sen und Erfah­rung«. Sie dreht sich zwei­mal im Kreis, dann rollt sie sich in ihrer Kuh­le zusam­men und schließt die Augen.
+++++Sie hat kaum fünf Minu­ten geschla­fen, als ihr eine Zun­ge neu­gie­rig über die Nase fährt. »Du tropfst«, sagt Ellie, die vor ihr liegt, den Kopf auf den Pfo­ten abge­stützt, und lässt gleich wie­der ihre Zun­ge über Zoes Gesicht fah­ren. »Schmeckt irgend­wie schläf­rig, fin­de ich«, flüs­tert sie. Wäh­rend sie sich gera­de anschickt, auch die Ohren ihrer gro­ßen Schwes­ter aus­zule­cken, wird sie plötz­lich ruck­ar­tig an der Rute nach hin­ten gezo­gen. Sie muss sich nicht erst umdre­hen, um zu erra­ten, wer da zieht, tut es aber trotz­dem. Die wei­ße Ruten­spit­ze fest umklam­mert steht Cra­zy da und stößt zwi­schen zusam­men­ge­bis­se­nen Zäh­nen ein: »Du bist!« her­vor.

31|10|2015 – Broad­me­a­dows Corn­fla­ke Girl, »Fly«

Von kei­ner ande­ren ihrer Schwes­tern wür­de Ellie ein sol­ches Ver­hal­ten dul­den. Weil es aber ihre Lieb­lings­schwes­ter ist, die sie zum Spie­len auf­for­dert, lässt sie sich nur zu ger­ne dar­auf ein, hopst lachend aus der Wan­ne und jagt Cra­zy, die ihre Rute mitt­ler­wei­le los­ge­las­sen und sich hin­ter der gro­ßen Holz­brü­cke in der Mit­te des Zim­mers ver­steckt hat, hin­ter­her. Run­de um Run­de has­ten die bei­den um die Brü­cke, Cra­zy immer eine Län­ge vor­aus, bis Letz­te­re schließ­lich in einer – dem geneig­ten Leser nicht unbe­kann­ten – Pfüt­ze aus­rutscht, sich über­schlägt und auf dem Rücken lie­gen bleibt. »Hab dich!«, johlt Ellie und stellt sich sieg­reich über Cra­zy auf, die zap­pelnd ver­sucht, die Schwes­ter mit den Pfo­ten abzu­weh­ren, bald aber auf- und sich geschla­gen gibt. »Wenn ich nicht aus­ge­rutscht wäre, hät­test du mich nie­mals gekriegt«, hechelt die Unter­le­ge­ne und rap­pelt sich auf, »nie­mals, hörst du?« Ellie, die weiß, dass ein Sieg immer gleich begos­sen wer­den muss, hat aber längst nicht mehr zuge­hört und ist statt­des­sen mit flin­ken Schrit­ten zur Toi­let­te getrabt.

31|10|2015 – Broad­me­a­dows Cloud Rider, »Bran«

»Was machst du da?«, fragt sie dort ange­kom­men. Mit einem Fet­zen Papier in der Schnau­ze dreht sich Fly zu ihr um. »Daff fieht man doff«, sagt sie und kaut auf der grell­bun­ten Schlag­zei­le der Sonn­tags­zei­tung her­um, »iff bil­de miff fort«. Ellie kneift nach­denk­lich die Augen zusam­men und sagt: »Zeig mal her!« Die ver­meint­li­che Schlag­zei­le erweist sich als reich bebil­der­tes Pro­spekt eines nam­haf­ten Schwei­zer Scho­ko­la­den­fa­bri­kan­ten, das dort, wo ein­mal zart schmel­zen­de Gip­fel abge­druckt waren, bereits kreis­för­mig aus­ge­nagt ist. »Steht da auch was über Tanz­bä­ren drin?«, will eine Stim­me hin­ter ihnen wis­sen.
+++++»Wenn ich groß bin«, sagt Bran, der sich breit­bei­nig zwi­schen sei­ne bei­den Schwes­tern schiebt, »will ich näm­lich ein­mal Tanz­bär wer­den«. Über sei­nen Rücken hin­weg wer­fen sich die Hün­din­nen einen amü­sier­ten Blick zu, dann bricht es schal­lend aus bei­den her­aus. Bran, der nicht ver­steht, was sei­ne Schwes­tern so ver­gnügt, stimmt schließ­lich selbst in das Geläch­ter der bei­den ein – viel­leicht, weil es immer lus­ti­ger ist, einen Witz gemacht zu haben, als selbst der Witz zu sein –, und end­lich kugeln sich alle drei vor Lachen über den Boden. »Ich hab’s, ich hab’s«, kreischt Ellie vor Freu­de, »Bauch­tanz wäre doch genau das Rich­ti­ge für Bran!« Schnell gibt ein Wort das ande­re – und noch schnel­ler, als ich schrei­ben kann, bas­teln alle drei ein Tütü aus Zei­tungs­pa­pier.

31|10|2015 – Broad­me­a­dows Cra­zy in Love, »Cra­zy«

Nova, die ganz allei­ne hin­ter dem Git­ter sitzt, das das Wel­pen­zim­mer von der Welt dort drau­ßen trennt, hat von alle­dem gar nichts mit­be­kom­men. Nichts von der Pfüt­ze, dem Ren­nen um die Brü­cke, nichts von den Gip­feln aus Scho­ko­la­de oder der Bauch­tanz­grup­pe. Ganz still hat sie hin­ter dem Git­ter geses­sen, die Ohren gespitzt und gelauscht, ob sie Schrit­te auf der Trep­pe hören kann – nur, um dann als Ers­te hin­ter dem Git­ter zu sit­zen, sich als Ers­te dem Men­schen ent­ge­gen­zu­stre­cken, dem Men­schen, der sie hoch neh­men und an sich drü­cken wird. »Viel süßer als süß«, denkt sie. Und lächelt.

31|10|2015 – Broad­me­a­dows Cham­pa­gne Super­no­va

© Johannes Willwacher