Von dem Wel­pen, der sie ein­mal war, hin zu ihren Wel­pen

»Du warst doch ges­tern noch ein Wel­pe«, den­ke ich und bli­cke der zier­li­chen brau­nen Hün­din nach, die – als hät­te sie mei­ne Gedan­ken gele­sen – kurz inne­hält, um dann doch den ande­ren Hun­den nach­zu­set­zen, die das Feld am Wald­rand schon zum drit­ten Mal umrun­det haben. Schnell holt sie auf, mischt sich unter die spie­len­den Hun­de, und wäh­rend ich in Gedan­ken noch immer bei dem Wel­pen bin, der in einem drei Jah­re alten Ges­tern auf mei­nem Schoß geses­sen hat, hat sie die Gegen­wart längst über­holt und – weil die­se Gegen­wart nichts ande­res, als ein flie­gen­der Ball ist – mit den Zäh­nen gepackt. Mit gro­ßem Abstand lau­fe auch ich schließ­lich wei­ter, ver­su­che im Vor­bei­ge­hen einen Blick auf ihre Flan­ken zu wer­fen – von dem Wel­pen, der sie ein­mal war, hin zu ihren Wel­pen, ist es bloß ein Gedan­ken­sprung – aber da ist nichts, das das Mor­gen ver­ra­ten wür­de. Alles ist Gegen­wart. Und der Ball schon wie­der vor mei­nen Füßen.

Auch in die­sem Sta­di­um der Träch­tig­keit ist der Hün­din äußer­lich kaum etwas anzu­mer­ken. Die Bla­sen­k­ei­me, die sich aus den befruch­te­ten Eizel­len ent­wi­ckelt haben, ver­wei­len nach ihrer Wan­de­rung durch den Eilei­ter frei und unre­gel­mä­ßig ver­teilt in der Gebär­mut­ter der Hün­din, bevor sie sich in der drit­ten Träch­tig­keits­wo­che in den Gebär­mut­ter­hör­nen ein­nis­ten. Inner­halb der kaum mehr als einen Mil­li­me­ter gro­ßen Bla­sen­k­ei­me sind bereits drei Keim­schich­ten ent­stan­den, die für die Anla­gen der Wel­pen ver­ant­wort­lich sind: aus der äuße­ren Schicht bil­den sich Ner­ven­sys­tem und Sin­nes­or­ga­ne, aus der mitt­le­ren Herz und Ske­lett, in der inne­ren Schicht wer­den Atmungs- und Ver­dau­ungs­or­ga­ne ange­legt. Das Leben in die­sem Sta­di­um ist rund – bei­na­he so, wie ein flie­gen­der Ball.

Die Gegen­wart ist rund

© Johannes Willwacher