Die sechs­te Träch­tig­keits­wo­che: Der Bauch misst stol­ze 65 Zen­ti­me­ter

Bevor Jule und Edda in der kom­men­den Woche unser Wel­pen­zim­mer bezie­hen wer­den, haben bei­de einen letz­ten Besuch bei Jules Fami­lie in Unna hin­ter sich gebracht. Ein Besuch, der unfrei­wil­lig komisch aus­ge­fal­len ist – vor allem, weil von den bei­den Män­nern im Haus kei­ner vom vier­bei­ni­gen Nach­wuchs weiß.

Opa Karl schaut kaum von sei­ner Lek­tü­re auf, als Jule das Wohn­zim­mer betritt. Das dün­ne Papier knis­tert beim Umblät­tern, sonst ist es still. Frei­tag­abend, denkt Jule. Schließ­lich räus­pert der Groß­va­ter sich, fal­tet die Zei­tung in der Mit­te zusam­men und beugt sich vor, so dass sich im Schein der gro­ßen Bogen­lam­pe, die den Lese­platz am gegen­über­lie­gen­den Ende des Wohn­zim­mers erhellt, ein Strah­len­kranz um sei­nen Kopf bil­det. Sein Gesicht bleibt im Schat­ten. Jule meint ein Lächeln zu erken­nen, erwi­dert die­ses also und stellt die schwe­re Rei­se­ta­sche, die sie in den Hän­den gehal­ten hat, vor sich ab. Als sie wie­der auf­schaut, ist das Lächeln am ande­ren Ende des Wohn­zim­mers ver­schwun­den und an des­sen Stel­le ein neu­er Aus­druck gerückt – bei­na­he dunk­ler noch als der Schat­ten. Dass jener vor­wurfs­vol­le Blick indes nicht ihr gilt, erkennt Jule erst, als sie Edda erblickt, die sich laut­los an ihr vor­bei­ge­scho­ben hat, und kaum eine Arm­län­ge von ihr ent­fernt zum Ste­hen gekom­men ist.
+++++»Um Him­mels Wil­len«, pol­tert Opa Karl los und lässt die gefal­te­te Zei­tung auf den Boden fal­len, »was hast du denn bloß mit dem Hund gemacht, der ist ja viel zu fett!« Schnau­bend winkt er Edda her­an, die sich – auf­grund der unge­wohn­ten Laut­stär­ke zwar mit ange­leg­ten Ohren, aber doch freu­dig wedelnd – lang­sam auf ihn zu bewegt.
+++++»Ich hab gar nichts gemacht«, lügt Jule.

»Ach was«, wischt der Groß­va­ter ihre Bemer­kung bei­sei­te, »die platzt ja bei­na­he aus allen Näh­ten«, um dann in einem deut­lich ver­söhn­li­che­ren Ton hin­zu­zu­fü­gen, »eine rich­tig klei­ne Dick­ma­dame ist die gewor­den, dei­ne Edda«. Letz­te­re lässt sich davon nicht beein­dru­cken – denkt, dick zu sein ist viel­leicht ein Grund, aber längst kein Hin­der­nis – setzt die Vor­der­pfo­ten auf die brei­ten Arm­leh­nen des Ses­sels und sitzt, kaum einen Moment spä­ter, auf dem Schoß des alten Man­nes. »Das Möp­pel­chen ist jetzt ein rich­ti­ger Hund gewor­den«, flö­tet die­ser, »frü­her war sie ja immer so wenig«.
+++++Jule lacht. Nicht, weil ihr Groß­va­ter nicht weiß, dass Edda träch­tig ist, viel­mehr, weil sie kaum wider­ste­hen kann, ihn end­lich dar­über auf­zu­klä­ren – und weil man eben ger­ne lacht, wenn man nichts Bes­se­res zu sagen weiß.
+++++»Und jetzt schmiert der Opa uns mal ein Büt­ter­ken.«

In der sechs­ten Träch­tig­keits­wo­che sind die Ver­än­de­run­gen der Hün­din selbst für den Lai­en mit blo­ßem Auge zu erken­nen: die­se wirkt im Rücken deut­lich brei­ter, die Tail­le ver­schwin­det und der Bauch, den die Gebär­mut­ter nun zu fast zwei Drit­teln aus­füllt, run­det sich. Zudem beginnt das Fell ent­lang der Milch­leis­ten dün­ner zu wer­den oder ganz aus­zu­fal­len. Mit etwas Glück las­sen sich unter der Bauch­de­cke auch schon die ers­ten Bewe­gun­gen der nun gut zehn Zen­ti­me­ter gro­ßen Wel­pen ertas­ten.

© Johannes Willwacher